Pflegelücke: „Wir laufen sehenden Auges in ein soziales Risiko“

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

In Deutschland gibt es nicht nur eine Rentenlücke, sondern auch eine Pflegelücke: Viel zu wenig Menschen verfügen über eine Pflegezusatzversicherung, warnen die Experten der Ratingagentur Assekurata. Wie lässt sich das ändern?

Pflegezusatz: „Wir laufen sehenden Auges in ein soziales Risiko“ Bild: Adobe Stock/Zinkevych

Im Bundesdurchschnitt beträgt der Eigenanteil der Pflegebedürftigen im Pflegeheim monatlich 2.184 Euro. „Tendenz eindeutig steigend“, sagt ein Assekurata-Analyst. Bild: Adobe Stock/Zinkevych

Nach wie vor wissen viele Menschen nicht, dass die Pflegepflichtversicherung nur einen Teil der Pflegekosten übernimmt. Wer ohne Zusatzpolice eine ambulante oder stationäre Pflege in Anspruch nehmen muss, muss im Zweifel tief in die Tasche greifen. Haben die Betroffenen nicht genug Geld übrig, werden die Angehörigen zur Kasse gebeten oder das Sozialamt springt ein. Eine Pflegezusatzversicherung kann da Abhilfe schaffen. Aber derzeit haben nur etwa 4,3 Millionen Deutsche eine solche Police, wie die Analysten von Assekurata in ihrem aktuellen Marktausblick warnen.

Die sogenannte Pflegelücke klafft bereits jetzt und dabei ist vielen Menschen das Ausmaß nicht einmal bewusst: 36 Prozent der Erwachsenen hierzulande glauben, dass sie monatlich durchschnittlich 1.000 Euro für die Unterbringung in einem Pflegeheim aufbringen müssten. Doch der Betrag ist mehr als doppelt so hoch: Im Bundesdurchschnitt beträgt der Eigenanteil der Pflegebedürftigen im Pflegeheim monatlich 2.184 Euro. „Tendenz eindeutig steigend“, sagte Assekurata-Bereichsleiter Abdulkadir Çebi bei der Vorstellung der PKV-Ergebnisse am vergangenen Donnerstag. Zumal: Die Kosten schwanken laut einer Auswertung des PKV-Verbandes jedoch in Abhängigkeit vom Wohnort zwischen 1.620 Euro in Sachsen bis 2.657 Euro im Saarland.

Nur warum ist den Deutschen die hiesige Pflegelücke so wenig bekannt? „Die niedrige Absicherungsquote lässt sich zum Teil mit der Verunsicherung der Kunden im Zusammenhang mit höheren Beitragsanpassungen in der Vergangenheit erklären. Mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz erhöhte sich 2017 zum Beispiel schlagartig die Zahl der Anspruchsberechtigten, was in der Folge zu Beitragsanpassungen in der Pflegetagegeldversicherung geführt hat“, erläutert Abdulkadir Çebi.

bKV: Steigbügelhalter für Pflegezusatz

Doch wie bekommt man mehr Menschen zur Pflegezusatz-Police? Ein Weg führt über die betriebliche Krankenversicherung (bKV), hier hat die Gesamtzahl der versicherungsnehmenden Firmen zugenommen.

Am häufigsten ist mit Abstand die Pflegetagegeldversicherung verbreitet: Hier verzeichnen die Analysten im vergangenen Jahr ein überdurchschnittliches Wachstum – aufgrund neuer bKV-Angebote, wie die Ratingagentur mitteilt. Die geförderte Pflegezusatzversicherung, der sogenannte „Pflege-Bahr“ bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück und sei zuletzt sogar rückläufig gewesen. Die Pflegekostenversicherung spielt im Neugeschäft kaum eine Rolle. Insgesamt bleibe festzuhalten: „Die gravierende Pflegelücke spiegelt sich noch nicht in den Zahlen zu den abgeschlossenen Verträgen wider. Wir laufen sehenden Auges in ein soziales Risiko“, warnt Çebi. „Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist das gravierend.“

Im März dieses Jahres hatte der PKV-Verband einen neuen Generationenvertrag vorgelegt, der konkrete Fördermaßnahmen für private Zusatzversicherungen beinhaltet. Schließlich musste der Bund im vergangenen Jahr erstmals die gesetzliche Pflegeversicherung mit einer Milliarde Euro bezuschussen – die Beitragszahlungen der Arbeitnehmer haben nicht mehr ausgereicht. Arbeitnehmer müssen sich zudem auf steigende Beiträge einstellen, die auch im Koalitionsvertrag festgehalten sind. Wenig überraschend setzt der Verband der privaten Krankenversicherer auf das private Zusatzgeschäft und fordert eine Befreiung betrieblicher Pflegeversicherungen von Steuern und Sozialabgaben, analog zur bKV. Steuerlich gefördert würden dann jene, die privat eine Pflegezusatzpolice abgeschlossen haben. Alternativ wären auch staatliche Zuschüsse denkbar, die zum Abschluss einer solchen Zusatzversicherung animieren.

Gestiegene Zahlungsbereitschaft

Dennoch ist die gute Nachricht: Die Pflegezusatz erlebt seit 2010 ein kontinuierliches Wachstum, von 1,8 Millionen versicherten Personen auf 3,9 Millionen (2019), was einem Anstieg von 118,8 Prozent entspricht. Zwischen 2019 und 2021 verzeichnen die Assekurata-Analysten ein Wachstum um 9,4 Prozent auf 4,3 Millionen versicherten Personen. Damit ist die Wachstumsrate im Vergleich zum florierenden Krankenzusatzgeschäft sogar noch einmal um drei Prozentpunkte höher. Und: Das Bewusstsein für die eigene Gesundheit und dafür, dass Pflege mehr kosten wird, sei gestiegen, glaubt Çebi trotz anderslautender Studien. „Das Thema ist in der Bevölkerung angekommen.“

Auch die Zahlungsbereitschaft für eine Pflegezusatzversicherung sei gestiegen. Hatte 2019 auf die Frage, wie viel Geld man für eine Pflegezusatzversicherung ausgegeben würde, die Mehrheit noch mit „höchstens 77 Euro monatlich“ geantwortet, waren es im vergangenen Jahr bereits 98 Euro, die die Befragten bezahlen würden. Dabei gilt: Je früher eine Zusatzpolice in dem Bereich abgeschlossen wird, desto günstiger ist sie. So müsste eine heute 65-Jährige bei einer angenommenen Laufzeit bis 85 Jahren über 23.000 Euro mehr aufwenden als eine Person, die bei Vertragsabschluss 25 Jahre alt ist.

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