Neue Regeln für Geldanlagen: Liquide Steuerung

Hannah Petersohn Investmentfonds Top News

Kommt es zu einer Finanzkrise, droht Anlegern im schlimmsten Fall die Schließung eines Fonds. Um dieses Szenario zu verhindern, können Fondsgesellschaften ab sofort neue Regeln in ihren Anlagebedingungen verankern.

Neue Anlagebedingungen, Bild: Adobe Stock/ rupbilder

In Krisenzeiten ist es Fondsgesellschaften von nun an erlaubt, die Rücknahmewünsche ihrer Kunden zeitverzögert oder nur zum Teil zu erfüllen. Bild: Adobe Stock/ rupbilder

Der Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Börsen in Unruhe versetzt und mit ihnen auch die Anleger, die um ihr Geld bangen. Zuvor sorgte bereits die kontinuierlich steigende Inflation – und nicht zu vergessen die Pandemie – für Anspannung an den Kapitalmärkten. Der Impuls, Anteile schnell zu verkaufen, um den eigenen Verlust zu begrenzen, ist naheliegend. Und die Mahnung von Finanzberatern, Anleger sollten in Krisenzeiten stets Ruhe bewahren und nicht in Hektik verfallen, verfangen nicht immer.  

Doch ziehen zu viele Investoren plötzlich ihr Geld aus einem Fonds, könnte sich wiederholen, was den offenen Immobilienfonds (OIF) in der Finanzkrise passierte. Damals forderten Scharen von Anlegern ihr Geld gleichzeitig zurück. Allerdings lassen sich Immobilien nur schwer ad hoc verkaufen – zumal in einer Finanzkrise. Letztlich mussten viele OIF schließen, Anleger kamen nicht mehr an ihr Geld. Um diese Kettenreaktion künftig zu verhindern, wurden bereits 2013 für die offenen Immobilienfonds strengere Mindesthalte- und Rückgabefristen erlassen.

Seit diesem Frühjahr stehen auch der restlichen offenen Investmentwelt drei Instrumente zur Verfügung, um die Liquidität in ihren Fonds in turbulenten Marktphasen besser steuern zu können.  

Rücknahmebeschränkung (Gating)

Eines dieser Instrumente ist die Rücknahmebeschränkung, auch als Gating bekannt: Es kann aktiviert werden, „wenn zeitgleich viele Anleger ihre Anteile zurückgeben wollen und der Fonds dann nicht ausreichend liquide Mittel hat, um alle Rückgaben in voller Höhe gleichermaßen zu bedienen“, erklärt Peggy Steffen, Leiterin Risikomanagement beim Fondsverband BVI (lesen Sie hier das Interview). Ein Beispiel: ein Anleger möchte 100 Fondsanteile veräußern, bekommt durch das Gating aber zunächst nur 50 ausgezahlt. Er kann dann am nächsten Tag einen neuen Verkaufsauftrag über die restlichen 50 Anteile aufgeben. Wenn sich die Liquiditätssituation aber immer noch nicht entspannt hat, kann das Gating erneut aktiviert werden, wodurch er wieder nur einen Teil seines Auftrages erfüllt bekäme. Das Gating müssen Fondsgesellschaften jeden Tag, anhand der verfügbaren Liquidität und Anlegerrückgabeverlangen, neu bewerten und gegebenenfalls aktivieren.

Bereits seit 2017 setzt sich der Fondsverband für mehr Werkzeuge zur Liquiditätssteuerung von Wertpapierfonds ein. „Es geht letztlich darum, das härteste aller Werkzeuge, die Fondsschließung, zu verhindern“, so Steffen. Mit den neuen Instrumenten seien Anleger nun deutlich bessergestellt, schließlich müssten sie bei einer Fondsschließung auf unbestimmte Zeit auf ihr Geld warten und im schlimmsten Fall droht sogar die Abwicklung des Fonds, wie viele OIF-Anleger schmerzlich erfahren mussten.

Swing Pricing

Um einen verbesserten Anlegerschutz gehe es auch beim zweiten Instrument, dem Swing Pricing. Dabei handelt es sich eigentlich um kein echtes Liquiditätssteuerungsinstrument, sondern um eine Form der Anteilpreisberechnung. Ausgangspunkt ist erneut der gleichzeitige Verkaufswunsch vieler Anleger: Um das bestehende Portfolio beizubehalten, müssen in einem solchen Fall Fondsgesellschaften diese Anteile wieder nachkaufen. Dadurch entstehen hohe Transaktionskosten – zulasten des bestehenden Fondsvermögens und damit jener Investoren, die im Fonds bleiben. „Das ist ungerecht“, kritisiert BVI-Expertin Steffen.

Das Instrument sorgt nun dafür, dass die Anteilspreise nach oben oder unten angepasst werden (Swing). Damit müssen auch jene Anleger die Transaktionskosten tragen, die zu den hohen Rückgaben beigetragen haben. So wolle man insbesondere Kleinanleger schützen, wenn Großanleger zur kurzfristigen Beschaffung von Liquidität viele Anteile verkaufen. Aber: Swing Pricing ist insofern problematisch, als dass Anleger nicht erkennen können, ob gerade eine Anpassung stattfindet. Die Fondsgesellschaften müssen darüber nämlich keine Auskunft geben.

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