„Nachhaltigkeit wird in 5 Jahren kaum noch eine Rolle spielen“

Hannah Petersohn Berater Investmentfonds Versicherungen

Das Schlagwort Nachhaltigkeit wird zwar immerzu bemüht, derweil: Wie hoch ist die „Awareness“ in der Versicherungsbranche tatsächlich? Experten kommen zu unterschiedlichen Resümees.

Nachhaltigkeit wird in 5 Jahren kaum noch eine Rolle spielen Bild: Adobe Stock/Yuttana Studio

Die Debatte zum Thema Nachhaltigkeit reißt auch in der Versicherungsbranche nicht ab. Bild: Adobe Stock/Yuttana Studio

Beim Thema Nachhaltigkeit scheiden sich die Geister, sowohl auf Verbraucherebene als auch seitens der Unternehmen: Während die einen – nachvollziehbarerweise – vehement auf Veränderungen drängen, beschwichtigen andere mit Verweis auf gegenwärtige Entwicklungen: „Das Thema Nachhaltigkeit wird in fünf Jahren nicht mehr diese Rolle spielen“, glaubt beispielsweise Michael Littig, Vorstand der teckpro AG, einem Anbieter für IT-Lösungen für die Finanzwirtschaft. „In fünf Jahren ist es eventuell so, dass Rüstung als nachhaltig gilt“, mutmaßt Littig auf der der MCC-Fachkonferenz „LebensVersicherung aktuell“ am vergangenen Mittwoch in Köln. Auch wenn das überzeichnet sein mag: Angesichts aktueller Entwicklungen, Stichwort: Ukraine-Krieg und Taxonomie-Debatte, ist dieses Szenario nicht gänzlich undenkbar.

Wirtschaftlich betrachtet, ist der Klimawandel gerade für die Versicherungsbranche hingegen von enormer Bedeutung: „Wir sind eine Branche, die als erstes davon betroffen ist“, mahnt Björn Bohnhoff, Vorstand Leben bei der Zurich während der MCC-Veranstaltung. „Wir müssen die Erde global-galaktisch als Ökosystem ansehen: Wenn der Faktor Mensch rausgenommen wird, wäre die Welt im Gleichgewicht“, resümiert er. Es sei katastrophal, was Menschen gerade tun.

Und so kommt Bonhoff zu einem vernichtenden Urteil über die Versicherungswirtschaft: „Versicherer, wie auch wir, rühmen uns damit, dass wir Bäume pflanzen, aber eine Millionen Bäume entsprechen einer Fläche von 0,7 Quadratkilometer.“ Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Mensch in den vergangenen 30 Jahren zehn Prozent der weltweiten Waldgebiete vernichtet haben, sei das schlichtweg: viel zu wenig. „Wir lügen uns in die Tasche, denn wir verbrennen jedes Jahr Waldfläche.“

Der Zurich-Vorstand erinnert daran, dass selbst während des Pandemiebeginns, als es einen mehr oder weniger weltweiten Lockdown gegeben hat, die Fabriken zum Teil still standen und Menschen wesentlich weniger motorisiert auf den Straßen unterwegs waren, die weltweiten Emissionen nur um zwei Prozent gesunken sind. Ein Jahr nach Pandemiebeginn wurde dann bereits nahezu wieder das Prä-Pandemie-Niveau erreicht.

„Wir können nicht alles auf eine Karte setzen.“

Dass es dem Planeten ohne Menschen auch gut gehen würde, davon ist auch Olga Hülsmann, Leiterin Kapitalanlagen-Monitoring bei der Axa, überzeugt. Zumal: „Eine drei bis vier Grad wärmere Welt ist nicht mehr versicherbar, sagt unser CEO“, berichtet sie eindringlich. Hülsmann zitiert José Manuel Barroso, der einst mahnte: Es koste weniger, den Planeten heute zu schützen, als in Zukunft zu reparieren.

Hülsmann rät Versicherungsunternehmen, ihre Kapitalanlagen umzuschichten und bestimmte Investments wie Kohle, Öl und Gas auszuschließen. Das machen auch viele Unternehmen bereits. Schließlich vermag ein solches Kapitalanlagevolumen durchaus Investitionen in erneuerbare Energie beeinflussen. „Aber wir können nicht auf einen Schlag nur „grün“ kaufen“, sagt sie. „Wir können nicht alles auf eine Karte setzen.“ Angesichts der durchaus dramatischen Lage in Bezug auf den Klimawandel, ließe sich auch entgegen: steile These.

Staatsanleihen unter dem Radar

Das Problem ist oftmals auch, neben der derzeit unsicheren Wirtschaftslage, dass die Standards weder klar noch einheitlich sind: Was ist ökologisch vertretbar und was fällt unter Greenwashing beziehungsweise ist am Ende nur reine Effekthascherei? Die Branche sucht händeringend nach Standards, zwei der gängigsten Ausschlusskriterien sind, so das Analysehaus Franke und Bornberg, neben geächteten Waffen auch Kohle. Für bestimmte Länder hingegen gibt es keine Ausschlusskriterien, Stichwort: Staatsanleihen.

Zumal, wie die Mitarbeiterin eines großen deutschen Versicherers formuliert, weltweit „am Ende wieder jeder Staat und jedes Unternehmen macht, was es will.“ Während ESG-Standards in Europa noch relativ zentralistisch organisiert seien, mache in Großbritannien jeder, was er wolle. Beruhigend ist da allein die Tatsache, dass die Verantwortung für die Nachhaltigkeitsstrategie in den meisten Unternehmen sehr weit oben angesiedelt sei, wie Martina Backes, Geschäftsführerin der Aeiforia GmbH, einem Beratungshaus für Finanzdienstleistungsunternehmen, beobachtet. Sie kommt zu einem versöhnlichen Fazit: „Die Branche ist auf einem guten Weg.“

Transparenz-Hinweis: procontra ist Medienpartner der MCC-Fachkonferenz „LebensVersicherung aktuell“.

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