Hohe Inflation: Die Folgen für Versicherer und Versicherte

Martin Thaler Versicherungen Berater Top News Meistgeklickt

Auch auf die Lebensversicherung hat die hohe Inflation Auswirkungen, obwohl die Versicherer hier keine Sachschäden zu begleichen haben. Allerdings wirken sich die Preissteigerungen auf den Realzins auf, also den die Veränderung der Kaufkraft berücksichtigenden Zins. „Leider ist die Realverzinsung bei Bank- und Versicherungsprodukten, die nicht in Aktien oder andere chancenreiche Substanzwerte investieren, im Moment so negativ wie nie zuvor und sie wird mittelfristig auch negativ bleiben.“  

Die Schlussfolgerung dieser Entwicklung dürfte jedoch nicht sein, weniger zu sparen. „Denn die Inflation ändert nichts daran, dass die Menschen künftig mehr statt weniger kapitalgedeckte Altersvorsorge benötigen“, bemerkte Happacher.

Rahmenbedingungen anpassen

Zusätzlich sei jedoch auch die Politik gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, mit denen die Versicherer dem „Zangengriff aus hoher Inflation und niedrigen Kapitalmarktzinsen“ entfliehen können. „Erstens sollte die Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen so anpassen, dass Versicherer mehr in chancenreiche Anlagen investieren können“, formulierte Happacher. Gemeint sind damit inflationsgeschützte Anlagen wie Aktien oder auch Infrastrukturinvestments.  

Zugleich müsse auch die hundertprozentige Beitragsgarantie, die in Teilen der betrieblichen Altersversorgung sowie in der Riester-Rente gilt, überdacht werden – eine Forderung, die von Seiten der Aktuare in der Vergangenheit bereits mehrfach vorgebracht worden war.  

Zudem sei die Europäische Zentralbank aufgefordert, „dem Vorbild der US-amerikanischen FED zu folgen und die Zinsen schrittweise zu erhöhen“, so Happacher. Die amerikanische Zentralbank hatte bereits im März den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte angehoben, im Mai folgte schließlich eine weitere Anhebung um 0,5 Prozentpunkte. Für Europa wird eine Leitzinserhöhung ebenfalls in Kürze erwartet.  

Steigen die Überschussbeteiligungen?

Für die Versicherer hätte ein Zinsanstieg nicht nur spürbar bessere Solvenzquoten zur Folge, auch eine schnellere Ausfinanzierung der Zinszusatzreserve steht in Aussicht. „Sollte sich das aktuelle Zinsniveau verstetigen, wird die Zinszusatzreserve im Branchenschnitt Ende 2021 mit knapp 100 Milliarden Euro wohl ihren Höchststand erreicht haben und wird in den kommenden Jahren sogar leicht fallen“, erklärte DAV-Past-President Dr. Guido Bader.  

Das freiwerdende Geld könnten Lebensversicherer dafür nutzen, kurzfristig die Überschussbeteiligungen anzuheben, um auf diese Weise ihr Neugeschäft anzukurbeln. Aus Aktuarssicht sei ein solcher Schritt jedoch nicht ratsam, betonte DAV-Vorsitzender Herbert Schneidemann.  

Denn durch den Zinsanstieg werden in vielen Häusern sogenannte stille Lasten gebildet. Gemeint ist damit, dass zu einem früheren Zeitpunkt gekauften Zinspapiere mittlerweile weniger wert sind. Diese werden die meisten Versicherer durch die freiwerdenden Mittel erst einmal ausgleichen, erwarten die Versicherungsmathematiker. „Erst mittel- bis langfristig werden die Auflösung der Zinszusatzreserve sowie die höheren Zinsen bei der Neu- und Wiederanlage der Versichertenbeiträge den Versicherungsnehmenden unseres Erachtens in Form höherer Kapitalerträge zugutekommen“, erwartet Bader. Eine generelle Prognose für alle Unternehmen sei jedoch nicht möglich.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!

Seite 1: Auswirkungen auf Schaden- und Krankenversicherer
Seite 2: Altersvorsorge: Zwei Forderungen an die Politik