„Die gesetzliche Rente muss reformiert werden“

Investment-Talk Investmentfonds Versicherungen von Jan F. Wagner

Die Aussichten für die Altersvorsorge sind schlecht. Während die Riester-Rente stagniert, erweist sich die „Nahles-Rente“ als ein Rohrkrepierer. Nun will die neue Regierung die Altersvorsorge noch verkomplizieren. Über diese Entwicklungen sprach procontra mit Alberto del Pozo, Geschäftsführer von myPension.

„Gesetzliche Rente muss reformiert werden“ Bild: Jonas Werner Hohensee

Alberto del Pozo, Geschäftsführer von myPension, über die aktuellen Entwicklungen in der Altersvorsorge. Bild: Jonas Werner Hohensee

procontra: Die Altersvorsorgepläne im Koalitionsvertrag der Ampel widersprechen sich. Einerseits soll ein Ersatz für die Riester-Rente gefunden werden, andererseits soll es einen neuen staatlichen Fonds in der dritten Säule geben. Wie ist das zu verstehen?

Alberto del Pozo: Ganz ehrlich, ich sehe die entsprechende Passage als Arbeitsverweigerung. Die Koalition erwähnt Buzzwords wie „staatlich organisierter Altersvorsorgefonds“ oder „privates Altersvorsorgeprodukt mit einer höheren Rendite als Riester“. Sie sagt aber nicht, was sie wirklich damit meint. Keiner kann aktuell sagen, was die Ampelregierung im Altersvorsorgebereich eigentlich möchte. Das spielt sicherlich mit rein, dass wir sehr unterschiedliche Konzepte im Wahlkampf hatten. Die Grünen wollten die Riester-Rente abschaffen, während die SPD nicht so weit gehen will. Das Thema der FDP war eher die Aktienrente, die nun mit diesem ersten Kapitalstock von zehn Milliarden Euro in der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) umgesetzt wird. Diese Regierung steht bisher für Stillstand in der Altersvorsorge. Das ist schade, denn es wäre unter anderem notwendig gewesen, die Riester-Rente und die betriebliche Altersvorsorge (bAV) neu zu gestalten.

procontra: Wenn die Ampelregierung beim Thema Altersvorsorge Arbeitsverweigerung betreibt, was soll die Branche machen?

del Pozo: Für die Branche ist der Stillstand tatsächlich ein großes Problem. Anbieter und Vermittler fragen sich: Sollen wir weiter Riester-Renten anbieten oder müssen wir uns auf einen Ersatz einstellen? Kommt dann noch ein staatlich verwaltetes Produkt in der dritten Säule, was mit unseren jetzigen Produkten konkurrieren würde? Seit der letzten Regierung aus CDU/CSU und SPD wartet die Branche vergeblich auf eine Reform der Riester-Rente. Dafür hat sie auch die richtigen Vorschläge gemacht, wie z.B. die Absenkung der Beitragsgarantie oder eine Vereinfachung des Zulagenverfahrens. Doch darüber ist sich die Koalition uneinig. Während die Grünen die Riester-Rente nicht mehr wollen, wollen SPD und FDP Riester, die immerhin 16 Millionen Menschen erreicht hat, nicht gleich ausradieren. Also macht die Politik das, was sie seit Jahren macht: Nichts. Für Riester-Sparer sind das keine gute Nachrichten, weil das Produkt schlichtweg unattraktiv geworden ist.

procontra: Warum lehnt die SPD eine notwendige Reform von Riester ab? Sie hat die Rente doch geschaffen!

del Pozo: Die SPD hadert mit ihrer Vergangenheit, und die Riester-Rente ist nur ein Punkt von vielen. Weitere sind etwa die Einführung von Hartz IV oder der Umgang mit Russland. Die Riester-Rente ist politisch verbrannt, weil sie seit Jahren von den Verbraucherschützern und weiten Teilen der Politik torpediert wurde. Da zählten keine logischen Argumente mehr. Dabei ist völlig klar, dass Beitragsgarantien in einem Umfeld mit kaum Zinsen keinen Sinn mehr ergeben. Es ist auch klar, dass Riester ein bürokratisches Monstrum ist. Doch viele Politiker sehen mit der Riester-Rente keine Möglichkeit mehr, sich zu profilieren. Zu stark ist mittlerweile der Gegenwind von Verbraucherschützern und der öffentlichen Meinung. Ganz los werden sie die Riester-Rente mit über 16 Millionen Sparern aber auch nicht. Denn was soll die Branche mit dem Bestand ohne sinnvolle Reform machen? Die Politik hat es versäumt, die Riester-Rente vor Jahren in die richtige Richtung zu drehen und nun steckt sie in einem Dilemma. Eine Lösung bleibt sie schuldig.

procontra: Was sind die Chancen, dass Anbieter von privaten Produkten mit einem staatlichen Altersvorsorgefonds konkurrieren müssen?

del Pozo: Auch das ist ein gut gehütetes Geheimnis der Koalition. Ihr Regierungsvertrag spricht von einem Prüfantrag. Doch wie er ausgeht, weiß keiner. Auch hier hat die Politik den völlig falschen Ansatz. Ein staatlicher Fonds hat aus ordnungspolitischen Gründen in der dritten Säule nichts zu suchen. Außerdem stimmt es nicht, wenn die Verbraucherschützer behaupten, dass es in der dritten Säule nur Produkte gibt, die zu teuer oder renditenarm sind. Allein in den letzten fünf Jahren ist ein massiver Boom bei ETFs festzustellen. Dank der zeitgleichen Digitalisierung können Neobroker ETF-Sparpläne für 15 Basispunkte anbieten, und jeder Anleger kann ganz bequem auf seinem Smartphone ein Depot eröffnen und verwalten. Auch auf der Versicherungsseite gibt es Produkte, die beispielsweise 70 oder 80 Basispunkte kosten. 

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