Fragwürdige Finanztipps: Finfluencer erobern Social Media

Anne Mareile Walter Investmentfonds Berater Top News

Leicht zu konsumieren, aber häufig unfundiert: Finfluencer überschwemmen die sozialen Netzwerke und bringen durch falsche Tipps immer wieder Follower um ihr Erspartes. Braucht es straffere Regeln und was können Makler dem Trend entgegensetzen?

Finfluencer, Bild: Adobe Stock/ pathdog

Finanz-Influencer locken ihre Follower oft mit hohen Renditen. Doch gerade dann ist höchste Vorsicht geboten. Bild: Adobe Stock/ pathdog

Die zehn besten Börsen, um Bitcoins, Ether und Co. zu kaufen. Ein Blogbeitrag widmet sich dem Thema, wie sich „mit Geld am besten Geld verdienen“ lässt und ein 15-minütiges Video beleuchtet das Investieren in Luxusuhren. Das Netz ist voll von Blogs, YouTube-Tutorials und Instagram-Posts, in denen selbsternannte Finanzexperten Anlagetipps geben und finanzwirtschaftliche Zusammenhänge erläutern.

Wie lässt sich die Sparquote am besten erhöhen? Welche ETFs versprechen eine hohe Rendite? Und wie viel Erspartes kann gefahrlos in Bitcoin und Co. investiert werden? Die Schar der sogenannten Finfluencer wächst gefühlt mit jedem Tag. Dabei beschert dieser Trend aber nicht nur der Finanzberatung neue Kanäle, er birgt auch Gefahren: Nicht selten setzen Anleger aufgrund der laienhaften Expertise aufs falsche Pferd, investieren riskant und verlieren am Ende eine Menge Geld. Was können Makler den Fehlinformationen entgegensetzen? Und braucht es an dieser Stelle eine stärkere gesetzliche Regulierung? 

Versicherungsmakler und Buchautor Bastian Kunkel ist mit YouTube-Videos und Blogs im Netz präsent und informiert so seine Follower über versicherungsrelevante Themen. Ihm ist es ein Dorn im Auge, dass viele Finfluencer falsche Informationen in die Welt setzen. „Das ist eine durchaus gefährliche Entwicklung“, sagt er. „Menschen, die keinerlei nachweisliche Qualifikation haben, wird oft allein deshalb geglaubt, weil sie keine Versicherungsvermittler sind. Der Versicherungsvermittler wird als Feindbild deklariert und allein dadurch Vertrauen gewonnen. Und das ist im Grunde pervers.“ Am Ende würden die Kunden verunsichert und wüssten nicht mehr, welche Information die glaubwürdigere sei – die des Finfluencers oder die des Beraters.  

Den Kunden auf fehlende Haftung aufmerksam machen

Der Makler könne darauf nur mit Aufklärungsarbeit reagieren, seine Kunden beispielsweise auf die fehlende Haftung der selbsternannten Finanzexperten aufmerksam machen. „Dass er für den entstandenen Schaden gerade steht, wird der Finfluencer sicher nicht unterschreiben. Aber genau das macht der Berater: Er haftet“, erklärt Kunkel. Die oft laienhafte Beratung im Netz hat aus seiner Sicht eine fatale Konsequenz: Viele Menschen treffen dadurch finanzielle Fehlentscheidungen, welche mit einer Beratung bei einem echten Experten hätten vermieden werden können.

Dass er Kunden über Fehlinformationen aus dem Netz aufklären muss, damit hat Versicherungsmakler Patrick Hamacher in seinem Beratungsalltag eher selten zu tun. Bei ihm sei die Situation anders: „Ich erlebe es immer wieder, dass Kunden durch Finfluencer auf eine bestimmte Spur gebracht werden. Daraufhin buchen sie bei mir einen Termin, um sich dazu beraten zu lassen.“ Angst, dass Vermittlern durch die Finfluencer Wasser abgegraben wird, hat er nicht. Finanzberater könnten sich schließlich selbst als Finfluencer bezeichnen und so dafür sorgen, dass fundiertes Finanzwissen im Netz gestreut wird.    

Finanzberatung auf seriöse Art besetzen 

Trotzdem dürfte sich der eine oder andere Makler über die im Netz verbreiteten Fehlinformationen ärgern. AfW-Vorstand Norman Wirth berichtet, dass von Verbandsmitgliedern dieses Thema immer mal wieder an ihn herangetragen worden sei. Der mitunter falschen Beratung aus dem Netz mit juristischen Mitteln beizukommen sei allerdings ein schwieriges Unterfangen. „Wir haben in Deutschland Presse- und auch Meinungsfreiheit. Der Gesetzgeber kann da schwerlich eingreifen“, erklärt der Jurist.

Und der klassischen Beraterhaftung unterliege man nur, sobald eine Beratung auf gewerbliche Basis und einem konkreten Kunden gegenüber zu konkreten Produkten stattfindet. Die Tipps der Finfluencer hingegen würden sich an die Allgemeinheit richten. „Das ist eben kein direktes Kundengespräch, in dem ganz konkret dem Kunden zu etwas geraten wird.“  

Vermittler sollten aus Sicht des AfW-Vorstandes das Feld der Finanzberatung im Netz auf seriöse Art besetzen, damit Kunden gar nicht erst auf die Idee kommen, sich im Internet beraten zu lassen.  

Votum-Verbandschef Martin Klein geht noch einen Schritt weiter: Er findet nicht, dass neue Gesetze überhaupt nötig sind, um einer möglichen Falschberatung durch Finfluencer entgegenzuwirken. „Es gibt bereits einschlägige Erlaubnistatbestände und Bußgelder. Die Frage ist viel eher: Wann wird eine Behörde aufmerksam?“, gibt er zu bedenken. „Vieles findet im Netz auf verborgene Art statt. Da werden dann versteckte Provisionen gezahlt und die Grenze zur erlaubnispflichtigen Beratung wird schnell überschritten.“ Er sieht an dieser Stelle die BaFin in der Pflicht, sie müsse ihren Verbraucherschutzauftrag ernst nehmen. 

Bund sieht keinen Handlungsbedarf 

Indes sieht die Politik hier aktuell keinen Handlungsbedarf. So teilte das Bundesfinanzministerium (BMF) auf procontra-Nachfrage mit, dass die Tätigkeit der Finfluencer bereits von zahlreichen „finanzaufsichtlichen Regelungen“ erfasst sei. Würden allgemeine Anlageempfehlungen gegenüber einem unbestimmten Personenkreis gegeben, so bestehe keine Erlaubnispflicht. Allerdings gebe es hier unter anderem eine Anzeigepflicht gegenüber der BaFin.  

BaFin-Verbraucherschutz-Direktor Christian Bock machte kürzlich im Interview mit procontra ebenfalls auf die in den Social-Media-Tipps schlummernden Risiken aufmerksam. In dem Gespräch sagte er: „Wenn sogenannte Finfluencer Finanzprodukte oder Kryptowährungen bewerben, dann sollte man sehr vorsichtig sein.“ Dieses Aufklärungsvakuum müssen Vermittler mit ihrer Beratung füllen – auch wenn (noch) keine juristischen Fallstricke geknüpft wurden.    

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