ERGO-Vorstand: „Unser Run-off ist auch vorteilhaft für die Vermittler“

Florian Burghardt Berater Versicherungen

Welche Vorteile bringt ein selbst gemanagter Run-off gegenüber einem Bestandsverkauf? Die ERGO wickelt ihre Altverträge seit gut vier Jahren selbst ab und sollte es wissen. procontra fragte nach.

Bild: ERGO

Lebensversicherung: ERGO-Vorstand Frank Wittholt sieht im selbst gemanagten Run-off von Altverträgen mehrere Vorteile gegenüber einem Bestandsverkauf – auch wenn die Überschussbeteiligungen manch kleiner Abwickler die der Düsseldorfer übersteigen. Bild: ERGO

In Sachen Run-off steht dieser Tage eigentlich die Zurich Deutschland im Fokus. Dessen Lebensversicherer tendiert zu einem Verkauf von bis zu 800.000 Klassik-Policen. Medienberichten zufolge könnte hier schon bald eine Entscheidung verkündet werden. Möglicher Käufer ist die Viridium-Gruppe. Diese machte kürzlich jedoch mit verhältnismäßig schlechten BaFin-Beschwerdequoten auf sich aufmerksam und bestätigte damit eine weit verbreitete Sorge: Eine externe Abwicklung alter Lebensversicherungen bringt unzufriedene Kunden mit sich.

Unter anderem deshalb ist man bei der ERGO zufrieden mit der Entscheidung, den Bestand intern beziehungsweise unter eigener Kontrolle abzuwickeln. Im Jahr 2017 hatte die Gruppe in Erwägung gezogen, die Bestände der ERGO Lebensversicherung, der Victoria Lebensversicherung und der ERGO Pensionskasse zu verkaufen. Am Ende – und begleitet von öffentlicher Kritik – waren die Düsseldorfer von diesen Überlegungen abgerückt. In erster Linie, weil die Angebote den Wert der Bestände und dessen zukünftige Entwicklung nicht adäquat widergesiegelt hätten, heißt es aktuell seitens der ERGO auf procontra-Nachfrage. Man entschied sich für den Bau einer eigenen Run-off-Plattform zusammen mit dem Software-Riesen IBM.

Einblicke in den ERGO Run-off

Wie sich das Projekt entwickelt hat, darüber referierte diese Woche Frank Wittholt, Vorstandsmitglied aller drei betroffenen Tochterunternehmen, auf der MCC-Fachkonferenz „LebensVersicherung aktuell“. Dabei stellte er klar, dass auf der Joint-Venture-Plattform namens Thipara 4,5 Millionen Verträge mit einem jährlichen Prämienvolumen von 2,5 Milliarden Euro verwaltet werden. Diese Größe sei aber kein Hindernis, sondern vielmehr entscheidend, um die erforderlichen Skaleneffekte für eine Abwicklung in Eigenregie zu erzielen. „Ansonsten wird man die Kosten nicht in den Griff bekommen“, sagte Wittholt.

Zwar fallen manche externen Run-off-Gesellschaften mit sehr niedrigen Überschussbeteiligungen auf, aktuell beispielsweise die Generali-Leben-Abwicklerin Proxalto mit 1,25 Prozent. Andererseits gibt es auch Anbieter aus dieser Riege – zum Beispiel Athora (3,00 Prozent), Heidelberger Leben (2,50 Prozent) oder Entis Leben (3,00 Prozent) –, die für 2022 eine höhere laufende Verzinsung versprochen haben als ERGO Leben und Victoria Leben (beide 1,85 Prozent) für ihre Altbestände – und das mit deutlich kleineren Beständen.

Auf unsere Nachfrage, ob Überschussbeteiligungen von 2,50 bis 3,00 Prozent in Zukunft auch für die Kunden der ERGO-Altbestände möglich sind, verwies Wittholt darauf, dass drei Viertel der Run-off-Bestände ohnehin mit Garantiezinsen von 2,75 Prozent und höher belegt seien und man dies selbstverständlich erfüllen werde. Um das Modell des internen Run-offs über die eigens dafür gebaute Plattform noch rentabler zu machen, hoffe die Düsseldorfer auf Dritte, die sich der sogenannten Third Party Administration anschließen. Das bedeutet, Thipara würde die Altbestände anderer Lebensversicherer abwickeln, diese würden aber im Eigentum der Drittversicherer verbleiben. Bislang sei dies aber noch nicht möglich.  

Vermittler bleiben für ihre Kunden zuständig

Aber bringt so ein selbst gemanagter Run-off gegenüber einem Bestandsverkauf auch Vorteile für Vermittler? Schließlich sind diese beim Thema Bestandsabwicklung der erste Puffer zwischen Kunde und Versicherer. Häufig geht es dann um eine grundliegende Aufklärung, was mit den Verträgen geschieht, ob die Zinsen weitergezahlt werden und auch das Handling von Emotionen spielt dabei eine Rolle.

„Ein interner Run-off hat für die Vertriebspartner den Vorteil, dass sie auch bei diesen Verträgen weiterhin Ansprechpartner ihrer Kunden bleiben und diese umfassend betreuen können“, erläutert Wittholt. Ein externer Run-off geht zwar nicht zwangsläufig mit einer neuen Betreuung des Vertrags einher. Jedoch könnte auch die gewohnte Kombination aus Versicherermarke und bisherigem Vermittler helfen, um die Inhaber von Altverträgen bei Laune zu halten. Zumindest mit Blick auf die BaFin-Beschwerden scheint das zu funktionieren: ERGO Leben und Victoria Leben liegen mit ihren Beschwerdequoten unter respektive nur ganz leicht über dem Marktdurchschnitt.

Transparenz-Hinweis: procontra ist Medienpartner der MCC-Fachkonferenz „LebensVersicherung aktuell“.

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