BU-Preiskampf: „Die Prämien für gute Risiken werden weiterhin günstiger“

Florian Burghardt Berater Versicherungen Top News

Berufsunfähigkeitsschutz ist wertvoll, die Beiträge für bestimmte Berufe sind aber viel zu niedrig, sagt Michael Franke. Woran das liegt und welche Gefahren der Preiskampf der BU-Versicherer birgt, verrät der Franke-und-Bornberg-Chef im procontra-Interview.

Bild: Stefan Neuenhausen, Hannover

Die langfristigen Auswirkungen von Corona-Erkrankungen auf die Berufsunfähigkeitsversicherung sind laut Franke-und-Bornberg-Geschäftsführer Michael Franke aktuell noch schwer einzuschätzen. Dafür sieht er ein anderes beitragsrelevantes Problem in Zusammenhang mit der Pandemie. Bild: Stefan Neuenhausen, Hannover

procontra: In Ihrem aktuellen BU-Stabilitätsrating finden Sie sehr kritische Worte für die Branche. Die BU-Versicherer würden ‚sehr aggressiv kalkulieren‘ und die Marktdurchschnittsprämie um bis zu 40 Prozent unterschreiten. Welche Nachteile beziehungsweise Gefahren bringt das mit sich?

Michael Franke: Der Preiskampf und damit auch die aggressive Kalkulation ist in der BU schon seit längerer Zeit Usus. In der Vergangenheit ließ sich beobachten, dass Prämien für die Neukundengewinnung günstig kalkuliert wurden. In den Folgejahren wurde dann teilweise die Überschussbeteiligung für den Bestand gekürzt, da sich die Prämien als zu günstig herausstellten. In einigen Fällen entfiel die Überschussbeteiligung komplett. Erste Analysen zu diesem Effekt haben wir bereits 2010 vorgestellt. Diese Erfahrungen machen deutlich, dass die Stabilitätsbewertung ebenso bei der Produktauswahl berücksichtigt werden sollte, wie die Spreizung zwischen Brutto- und Nettoprämie.

procontra: Ist ein BU-Versicherer mit kleinem Brutto-Netto-Spread in irgendeiner Form beitragsstabiler als einer mit einem großen Unterschied zwischen Netto- und Bruttobeitrag?

Franke: Beitragsstabiler sind Versicherer mit einem geringen Brutto-Netto-Spread nicht per se. Versicherer haben das Recht, unter bestimmten Voraussetzungen die Nettoprämie bis auf die Höhe der Bruttoprämie anzupassen. Die Spreizung zwischen dem Brutto- und dem Nettobeitrag ist demnach ein Indikator für das Verteuerungsrisiko, das die Kunden tragen. Aus diesem Grund ist es richtig, den Brutto-Netto-Spread bei der Produktauswahl zu berücksichtigen und sich nicht lediglich an der Nettoprämie zu orientieren.

Keine Trendumkehr in Sicht

procontra: Ihr besagtes Rating ist ganz aktuell, also aus diesem Jahr. Sie sprechen darin von ‚deutlichen Tendenzen einer Unterkalkulation‘. Müssten die Prämien nicht bei allen Anbietern Anfang 2022 gestiegen sein, da der Höchstrechnungszins ja von 0,9 auf 0,25 Prozent gesenkt wurde?

Franke: Wenn der Höchstrechnungszins gesenkt wird, müsste es folgerichtig zu Prämienerhöhungen kommen. Allein durch den geringeren Zinseszins-Effekt. Allerdings können andere Faktoren diesen Effekt verzerren. Denn einige Anbieter haben bereits im vergangenen Jahr mit einem Rechnungszins von 0,25 kalkuliert. Auch kann die Neueinteilung beziehungsweise Neukalkulation der Berufsgruppen dazu führen, dass die Prämien nicht steigen, sondern sogar sinken.

procontra: Wann rechnen Sie hier mit einer Trendumkehr? Beitragssprünge welchen Ausmaßes drohen den BU-Versicherten dann?

Franke: Aktuell lässt sich eine Trendumkehr noch nicht erkennen. Es lässt sich sogar feststellen, dass insbesondere die Prämien für die ‚guten‘ Risiken weiterhin günstiger werden. Wir rechnen daher nicht mit einer kurzfristigen Trendumkehr.  

procontra: Welche Effekte auf das BU-Beitragsniveau erwarten Sie als Nachwirkung von Corona/Long-Covid?

Franke: Aktuell sind die Zahlen der BU-Fälle, in denen eine Corona-Infektion ursächlich für die Leistung ist, überschaubar und sollten in der BU nicht zu einem geänderten Beitragsniveau führen. Die langfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie sind aktuell noch schwer einzuschätzen, weshalb eine seriöse Prognose schwierig ist. Problematischer dürften die mittelbaren Folgen durch maßnahmenbedingte psychische Belastungen für die BU werden. Die belastete Psyche ist ohnehin schon der Leistungsgrund Nummer 1. Die Situation der vergangenen beiden Jahre wird voraussichtlich für eine weitere Zunahme sorgen.

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