Ukrainekrieg: „Die Preise für Edelmetall werden sicher weiter steigen“

Investmentfonds Sachwerte Top News von Jan F. Wagner

Durch den Ukrainekrieg klettern die Öl- und Gaspreise in dramatische Höhen. Welche Folgen hat der Ölpreisschock auf die Aktienmärkte? Sollen Privatanleger jetzt verstärkt in Rohstoffe wie Gold und Silber investieren? Darüber sprach procontra mit Carsten Klude, Leiter Asset Management und Chefvolkswirt bei der Privatbank M.M. Warburg.

Stagflation können wir leider nicht mehr abwenden Klude Bild: privat

„Wenn der Krieg länger dauert, als wir hoffen, ist das Risiko einer Rezession groß“, sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt bei M. M. Warburg. Bild: privat

procontra: Herr Klude, wie wird sich der Ukraine-Krieg auf die Konjunktur auswirken? 

Carsten Klude: Je länger der Krieg dauert, desto größer werden die wirtschaftlichen Schäden sein, die er bei uns anrichtet. Insbesondere deswegen, weil man damit rechnen muss, dass die Rohstoffpreise für eine längere Zeit auf einem sehr hohen Niveau verbleiben werden. Im Moment tut man sich allerdings schwer, genau zu beziffern, wie stark die Wachstumseinbußen sein werden. Wir haben vor Kurzem unsere Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft von vier auf 2,5 Prozent reduziert. Diese Prognose geht davon aus, dass es relativ schnell zu einer Lösung des Konflikts in der Ukraine kommt. Von den möglichen Szenarien ist es zugegebenermaßen das positivste.

procontra: Falls sich der Krieg in die Länge zieht, wird das sogenannte „Stagflation“-Szenario eintreten?

Klude: Das Stagflation-Szenario ist ohnehin schon das, was wir gar nicht mehr in Deutschland abwenden können, befürchte ich. Den zweiten Teil dieses Wortkonstrukts, nämlich die Inflation, hatten wir bereits vor dem Krieg in der Ukraine. Diese wird durch den Krieg noch mehr angeheizt, was den privaten Konsum, der für eine Konjunkturerholung sehr wichtig wäre, stark dämpft. Apropos Stagnation: Wir sehen die ersten Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft nicht mehr so gut läuft. Zusätzlich zu den hohen Energiepreisen haben die Industrie und die Baubranche nach wie vor mit gestörten Lieferketten zu kämpfen. Wenn der Krieg also länger dauert als wir hoffen, ist bei uns in Deutschland die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir sogar eine Rezession bekommen. Schließlich darf man nicht vergessen, dass die deutsche Wirtschaftsleistung bereits im vierten Quartal 2021 gesunken ist. Wiederholt sich das zu Beginn des Jahres 2022 sprechen die Ökonomen von einer „technischen Rezession“.

procontra: Wie sind die Chancen, dass der Krieg bald endet?

Klude: Es stimmt zwar, dass Russland und die Ukraine Gespräche über einen Waffenstillstand geführt haben und noch führen wollen. Diese Gespräche hatten auch im März für einen Zwischenhoch an der Börse gesorgt. Bislang betrachte ich aber die Friedensgespräche mit Skepsis, weil Wladimir Putin seine Kriegsziele noch nicht erreicht hat. Putin sagt, er wolle die Ukraine komplett demilitarisieren. Das kann nur bedeuten, dass er ein Regimewechsel anstrebt. Falls er dieses Ziel nicht erreichen sollte, würde er innenpolitisch sein Gesicht verlieren. Und ich kann es mir nicht vorstellen, dass er dazu bereit wäre.

procontra: Was heißt das positive Szenario, also ein relativ schnelles Ende des Ukraine-Kriegs, für die Aktienmärkte?

Klude: Erfreuliches, aber die Korrektur an den Märkten ist nicht zu Ende. Wir haben uns angeschaut, wie der Dax zum Beispiel in früheren Krisen reagiert hat. Wir sind zwar unter dem Höchststand von über 16.000 Punkten Anfang des Jahres, aber in früheren Krisen lag der Index noch niedriger, also bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn. Wenn man das auf die gegenwärtige Situation überträgt, ist der Boden noch nicht gefunden. Ich denke, der Dax könnte trotz des leicht positiven Szenarios für die Ukraine auf 11.000 Punkte zurückfallen. Wenn aber eine Entspannung der Lage einsetzen würde, könnte sich der Dax im zweiten Halbjahr erholen und würde wieder die Marke von 15.000 gegen Ende des Jahres überschreiten.

procontra: Und im Falle einer Rezession, die von einem längerfristigen Krieg ausgelöst werden könnte?

Klude: Wenn die Rezession kommt, muss man die Gewinnerwartung stärker hinterfragen. Von den Investmentanalysten hört man bislang nichts, weil die Unternehmen noch nicht genau wissen, wie sich der Krieg auf ihr Geschäft auswirkt. Sie wissen nur, dass das Russland-Geschäft zusammenbricht. Aber Russland ist für die meisten Unternehmen nicht der entscheidende Handelspartner. Da ist China gerade für Dax-Unternehmen viel wichtiger. Für den Fall einer Rezession würden die Aktienkurse nicht nur einen Absacker im ersten Halbjahr sehen, sondern wir würden tatsächlich einen Bärenmarkt bekommen. Ob der Dax viel tiefer als die 11.000 Punkte sinken würde, kann ich nicht hundertprozentig sagen. Gleichwohl: Wenn man die Substanz der Dax-Werte berücksichtigt, sehe ich in diesem pessimistischen Szenario die Bodenbildung bei 10.000. Die Hoffnung wäre dann, dass wir spätestens 2024 eine wirtschaftliche Erholung bekämen, damit es auch an den Aktienmärkten wieder bergauf gehen könnte.

procontra: In diesem Jahr wollte die EZB die Geldpolitik straffen, um die Inflation zu bekämpfen und den Euro zu stützen. Ist die erwartete Zinswende 2022 wegen des Krieges abgeblasen?

Klude: Dieser geopolitische Schock bedeutet für die EZB sowie für alle Notenbanken erhebliche Schwierigkeiten. Denn wir haben auf einmal eine schwächere Konjunktur und zugleich hohe Inflationsraten, die durch den Konflikt zumindest zeitweise stärker angeheizt werden. Die EZB wird versuchen, die Zinserhöhungen möglichst lange hinauszuzögern, um den Schock für die europäische Wirtschaft abzufedern. Dennoch denke ich, dass eine erste Zinserhöhung im vierten Quartal sehr realistisch ist. Die EZB hat ihre Inflationserwartung für dieses Jahr kräftig angehoben und erwartet nunmehr 5,1 Prozent. Diese 5,1 Prozent sind aber so gut wie nicht zu erreichen! Sie würden nur erreicht, wenn wir ganz schnell eine Normalisierung der Preisentwicklung bekämen. Stattdessen gehen wir von einer Inflationsrate von 6,5 Prozent für die Eurozone in 2022 aus. In Deutschland haben wir bereits eine Rate von etwa fünf Prozent. In Italien sind wir bei sechs Prozent, in der Niederlande bei sieben Prozent und in Belgien bei fast zehn Prozent. Diese Entwicklungen kann die EZB nicht auf Dauer ignorieren. Denn dann würde sich die Notenbank unglaubwürdig machen. Das wäre auch eine zu große Gefahr für die Stabilität des Euro.

procontra: Würde die Zinswende in Europa die Aktienmärkte stark belasten?

Klude: Da die Zinswende erst spät bei uns in Europa beginnen soll, sehe ich sie nicht als einen belastenden Faktor für das laufende Jahr. In den USA sieht die Lage dagegen anders aus. Insgesamt will die Fed ihren Leitzins 2022 sieben Mal anheben. Die gute Nachricht vorne weg: Das ist ohnehin, was der Markt erwartet hatte. Deswegen fiel die Reaktion bei der letzten Notenbanksitzung nicht negativ aus. Doch Fed-Chef Jerome Powell hat auch klar gemacht, dass es ihm wichtiger ist, die Inflation in den USA zu bekämpfen, als die Wirtschaft am Laufen zu halten. Im Mai könnten wir eine größere Zinserhöhung bekommen als erwartet - also 50 statt 25 Basispunkte. Die Fed wird auch ihre Anleihekäufe zurückfahren, was den Effekt einer weiteren Zinserhöhung haben dürfte. Nun die schlechte Nachricht: Die europäischen Aktienmärkte hängen sehr stark von der Kursentwicklung in den USA ab. Und wenn die amerikanischen Märkte wegen der strafferen Geldpolitik dort schwächeln, glaube ich nicht, dass wir uns in Europa davon abkoppeln können. 

procontra: Spielt nicht die Krise einem aktiven Ansatz im Fondsmanagement wie bei Warburg in die Hände? Eine Strategie basierend auf der Aktienselektion scheint derzeit das Richtige zu sein…

Klude: Aktienselektion ist für alle aktiven Manager das Non-Plus-Ultra. Allerdings macht es die aktuelle Situation für die aktiven Manager nicht gerade einfach. Nehmen wir als Beispiel zu Beginn dieses Jahres: Wir haben einen ganz schnellen Favoritenwechsel gesehen. Technologieaktien wurden verkauft, und die Investoren haben dafür auf Value gesetzt. Sie suchten nach unterbewerteten Aktien, zum Beispiel aus den Sektoren Öl und Gas, aber auch unter Banken- und Automobilwerten. Seit Ausbruch des Krieges sind letztere unter Druck geraten. Die Probleme mit den Lieferketten - dass zum Beispiel nicht genügend Chips aus Asien geliefert werden - und nun auch die hohen Ölpreise belasten die Autohersteller. Apropos Banken: Die Zinsen dürften zwar steigen, aber wir bekommen möglicherweise mehr Kreditausfälle, wenn die Konjunktur wieder schwächelt. Die Investoren zweifeln auch die Dividenden-Fähigkeit der Banken an. Denn es kann sein, dass der Regulierer sagt: In dem Umfeld, in dem die Finanzwerte mit größeren wirtschaftlichen Risiken zu kämpfen haben, untersagen wir, Dividenden zu zahlen, oder schränken die Ausschüttung ein. Die Dinge ändern sich so schnell, dass selbst aktive Manager Schwierigkeiten haben, sich anzupassen. Dabei habe ich volles Vertrauen in meine Kolleginnen und Kollegen, dass sie das hinkriegen.

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