Ukraine-Krieg: Indirekte Folgen belasten Versicherungswirtschaft

Hannah Petersohn Versicherungen

Chef-Ökonomen sind sich einig: Während die direkten Folgen des Kriegs in der Ukraine für die Versicherungswirtschaft überschaubar bleiben, sieht das bei den indirekten Folgen wie einer weiter steigenden Inflation anders aus.

Ukraine-Krieg: Indirekte Folgen belasten Versicherungswirtschaft Bild: picture alliance/Flashpic/Jens Krick

Ein Embargo von russischem Öl und Gas könnte für die Wirtschaft gefährlich werden, prognostizieren Ökonomen aus der Versicherungswirtschaft. Bild: picture alliance/Flashpic/Jens Krick

Der Angriffskrieg auf die Ukraine bringt unermessliches Leid. Als „Krieg gegen alle unsere europäischen Werte“ bezeichnete Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV, am Dienstag die aktuelle Situation. Mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen sehen führende Chefökonomen deutscher Versicherer ein bestimmendes Thema: die Inflation. „Der Angriffskrieg bedeutet von allem „mehr“: mehr Unsicherheit, mehr Inflation, mehr staatliche Eingriffe“, resümiert Michael Menhart, Chefökonom beim Rückversicherer Munich Re auf einer GDV-Veranstaltung über die Konsequenzen des Ukraine-Kries für die Versicherungswirtschaft. Nur von einem gebe es weniger: dem Wirtschaftswachstum.

Doch welche Folgen hat die Kriegssituation speziell für die Versicherungswirtschaft? „Die direkten Folgen sind sehr überschaubar“, sagt Menhart. Schließlich seien Kriegsrisiken in den meisten Fällen ausgeschlossen und deutsche Versicherer in Russland und Weißrussland nicht sonderlich stark vertreten. Problematisch seien hingegen die indirekten Folgen wie ein weiterer Anstieg der Inflation, der auch die Versicherungsbranche betreffen würde.

Dass die Folgen für die Versicherer aktuell erst einmal gering sind, stellt auch Ludovic Subran, Chefökonom bei der Allianz, fest. „Es mag schmerzhafte Verluste geben, sie sind aber nicht systematisch, sondern verkraftbar“, so Subran. Wie sein Kollege Menhart sieht auch er die Gefahr stärker in der anhaltenden und sich verschärfenden Geldentwertung. Dadurch werde 2023 kein einfaches Jahr für Branche. „Dennoch: Verglichen mit anderen Industrien wie dem Chemiesektor stehen Versicherer gut da“, beschwichtigt Subran.

Bedeutung der Fiskalpolitik wird steigen

Während die globale Wirtschaft sich zuletzt allmählich von den Folgen der Pandemie erholt habe, sei dieser Kurs durch den Krieg jäh unterbrochen und verlangsamt worden, so Menhart. Vor allem habe sich die Inflationsgefahr weiter erhöht, „das gilt insbesondere für Deutschland“. Eine Prognose mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung sei nur schwer zu geben, schließlich spielen neben dem Krieg noch weitere Faktoren eine Rolle, nicht zuletzt die Zero-Covid-Strategie Chinas.

Der Experte sieht zwei mögliche Szenarien vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs: Im Basisszenario verstetige sich die Situation, die bisherigen Probleme dauerten an, Lieferketten werden immer wieder unterbrochen, Sanktionen verschärft, doch ein vollständiges Gasembargo bliebe aus. Der Fiskalpolitik käme indessen eine besondere Bedeutung zu, gerade vor dem Hintergrund des sinkenden Wirtschaftswachstums, das Menhart in diesem Fall für Deutschland bei unter zwei Prozent für dieses Jahr ansetzen würde.

Wirtschaftliche Folgen eines Energie-Embargos

Das zweite Szenario hätte es jedoch mehr in sich: Es geht von einem vollständigen Energie-Embargo aus. „Dann wären wir in einem massiven Krisenmodus“, so Menhart. Die Preise würde extrem steigen, die Konjunktur krachend einbrechen, die Einkommensverluste auch Privathaushalte belasten, kurz: Die Inflation würde uns noch stärker als aktuell beschäftigen.

Deswegen warnt auch Allianz-Chefökonom Subran vor einem Öl- und Gasembargo. Der damit verbundene Preis sei schlicht zu hoch, für Familien und Unternehmen: „Jede Verringerung der Energie um ein Prozent bedeutet Auswirkungen auf 30.000 Arbeitsplätzen in Deutschland“, so Subran. Er entwirft ein Blackout-Szenario, in dem Deutschland ohne Energie aus Russland in eine Rezession abrutschen würde. „Die Inflation würde auf acht Prozent steigen, in diesem Jahr.“ Er glaubt dennoch, dass Sanktionen, wenn auch nur eingeschränkt, wirken.

Das sieht Menhart anders, zumal es für Ökonomen schwer einzuschätzen sei, ob derlei Sanktionen überhaupt eine Wirkung erzielen. „Es gibt aus der Vergangenheit nicht viele Erfolgsbeispiele, wo Wirtschaftssanktionen Kriege beendet haben“, so der Experte. Auch Jérôme Jean Haegeli, Chefökonom beim Rückversicherer Swiss Re, zeigt sich skeptisch. Die gestiegenen Preise für Erdöl und Gas bescheren demnach „der Kriegsmaschinerie hohe Einnahmen und verlängern den Konflikt“. Ein Embargo würde eine Rezession nach sich ziehen, „das ist klar“, so der Wirtschaftsexperte.

Wirtschaftspolitischer „Regimeshift“

Haegeli beobachtet derzeit einen „Regimeshift“ in der Wirtschaftspolitik: „Endlich versuchen die Zentralbanken ihre Geldpolitik zu normalisieren, das ist etwas Positives.“ Er kritisiert die aggressive Geldpolitik der vergangenen zwei Jahre, die nicht zur Normalität werden dürften.

Folgenschwerer noch als ein konjunktureller Einbruch, sei eine Stagflation, also ein geringes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Geldentwertung und hoher Arbeitslosigkeit. Ein Grund, warum die Geldbanken das Inflationsproblem dringend lösen müssten. Insgesamt ist sein Fazit allerdings noch optimistisch: Die Versicherungsindustrie sei Schocks gegenüber resistent. Der Ausblick, dass sich das Zinsumfeld normalisieren könnte, sei zudem ein Lichtblick: „2023 könnte ein gutes Jahr werden“, so Haegeli.

Die drei Chefökonomen sind sich in einem Punkt einig: Europa muss noch stärker zusammenarbeiten, um in der Krise handlungsfähig zu bleiben. „Es wird mehr europäische Kooperation geben, das ist eine gute Nachricht“, konstatiert Munich Re-Ökonom Menhart. „Die Betroffenen rücken enger zusammen, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als man es vor dem Krieg erwartet hätte.“

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