Schluss mit der Diskussion über Stille Lasten

Gastkommentar Berater Versicherungen

Kaum steigen die Zinsen wieder, wird von Seiten einiger Ökonomen die vermeintliche Schattenseite dieser Entwicklung thematisiert. Den Versicherungen wird ein hoher Abschreibungsbedarf attestiert. Warum er diese Einschätzung für Alarmismus hält, kommentiert Herbert Schneidemann, Vorsitzender der Deutschen Aktuarsvereinigung, in seinem Gastkommentar.

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV), Bild: DAV

Dr. Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV), Bild: DAV

Seit einigen Wochen erleben wir an den Finanzmärkten eine seit Jahren nicht mehr gesehene Entwicklung: steigende Zinsen. Getrieben vom vorsichtigen Einstieg der großen Notenbanken in den Ausstieg aus der ultralockeren Zinspolitik und damit der Ära des superbilligen Geldes, klettern die Renditen auch von deutschen 10-jährigen Staatsanleihen langsam Richtung ein Prozent. Für die Versicherungen und damit schlussendlich auch für die Kundinnen und Kunden sind das gute Nachrichten.

Vor diesem Hintergrund wirken auch auf mich die Stimmen von einigen Ökonomen und Wissenschaftlern in großen Medien irritierend, die die angeblichen Schattenseiten des Zinsanstiegs in den Fokus rücken und den Versicherungen bereits großen Abschreibungsbedarf auf ihre Wertpapiere attestieren. Aus aktuarieller Sicht können wir diesen Alarmismus nicht teilen. Richtig ist, die Kapitalanlage der deutschen Versicherer besteht zu 80 bis 85 Prozent weiterhin aus festverzinslichen Wertpapieren. In Zeiten fallender oder sogar negativer Zinsen haben diese Kapitalanlagen große „Stille Reserven“ hervorgebracht. Diese werden jetzt im Zinsanstieg kleiner und werden sich in einigen Häusern zweifellos bereits in „Stille Lasten“ gewandelt haben.

Ziemlich gute Aussichten

Aber beides sind reine Buchgewinne bzw. Buchverluste, die für die Versicherungsnehmenden keine Konsequenzen haben. Denn üblicherweise halten die Versicherungen diese Wertpapiere bis zur Endfälligkeit, wodurch sich Stille Reserven oder Stille Lasten von allein auflösen. Das unterscheidet das Geschäftsmodell der Versicherer elementar von dem Kurzfristansatz der Banken, die den Zinsanstieg sicherlich auch mit einem kleinen weinenden Auge betrachten.

Anders verhält es sich in den Kapitalanlageabteilungen der Versicherungen. Aktuell können Neu- und Wiederanlagen deutlich rentabler als in der Vergangenheit getätigt werden. Dies wird die Ertragskraft der Kapitalanlagenportfolios der Versicherer mit der Zeit stärken. Und die steigenden Zinsen führen dazu, dass die Zinszusatzreserve langsamer aufgebaut werden muss und vielleicht sogar schon früher wieder aufgelöst werden könnte. Für mich sind das ziemlich gute Aussichten.

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