Russland-Investments: BRIC bröckelt

Investmentfonds Top News von Heike Gorres

Die Verwerfungen im Zuge des Ukraine-Krieges schlagen auch auf BRIC-Fonds durch. Dabei ist fraglich, ob und wann sich das „R“ jemals wieder erholen wird.

BRIC Bild: Adobe Stock/Nabee

Nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine beginnen die BRIC-Fonds zu bröckeln: Sie verzeichneten kräftige Kurseinbrüche, die Russland-Anteile wurden zurückgefahren. Bild: Adobe Stock/Nabee

Mit dem Überfall des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat eine Entwicklung ihren Anfang genommen, die auch die Finanzmärkte schwer getroffen hat. Die Moskauer Börse hat ab dem 28. Februar den Handel für mehrere Wochen eingestellt. Börsenplätze weltweit haben den Handel mit russischen Wertpapieren ausgesetzt, so auch mit „ADR“ und „GDR“, Hinterlegungsscheinen auf russische Aktien, die anstelle der Aktien gehandelt werden.

Große Indexhäuser wie MSCI und FTSE Russell haben russische Aktien aus ihren Indizes herausgenommen und Fondsanbieter den Handel mit auf russische Wertpapiere fokussierten Fonds gestoppt. Die Europäische Union hat zusammen mit anderen Ländern Sanktionen gegen Russland verhängt, die unter anderem einen Großteil des russischen Bankenmarktes und zentrale staatliche Unternehmen von den internationalen Kapitalmärkten abschneiden.

Dies alles hat auch Auswirkungen auf die Gruppe der „BRIC“-Fonds, die in Aktien von Unternehmen aus Brasilien, Russland, Indien und China investieren. Fünf solcher Fonds sind in mehreren Tranchen am deutschen Markt erhältlich, vier aktiv gemanagte Portfolios und ein ETF. Die Fonds sind durchgängig im Handel geblieben und haben im ersten Schock kräftige Kurseinbrüche verzeichnet. Der I-Shares BRIC 50 UCITS ETF USD (Dist) zum Beispiel hat in einem Monat bis zum 17. März 2022 dem Datenanbieter Morningstar zufolge rund 25 Prozent seines Wertes eingebüßt. Der HSBC GIF BRIC Equity AC USD hat im selben Zeitraum rund 20 Prozent verloren. Breiter gestreute, weltweit anlegende Schwellenländer-Aktienfonds standen teils nicht besser da. Zahlreiche dieser Portfolios haben in der betrachteten Zeitspanne laut Morningstar mehr als 20 Prozent Wertverlust verbucht.

Russland-Anteil im Vorfeld verringert

I-Shares hat Anfang März im BRIC 50 UCITS ETF die enthaltenen russischen Titel mit 0 Prozent gewichtet, darunter zum Beispiel Gazprom, Sberbank und Rosneft. Ende Februar lag der Anteil der russischen Firmen bei bereits niedrigen 3 Prozent. Die Papiere waren zum Stand Mitte April im Zuge der Handelssperren zwar weiterhin im ETF enthalten, galten jedoch nicht mehr als Teil des Portfolios. Der zugrundeliegende Index ist der FTSE BRIC 50, den der ETF physisch nachbildet. Damit ist es ein Index jener Anbieter, die russische Titel aus ihren Aktienindizes herausgenommen haben – mit direkten Folgen für ETF auf diese Indizes.

Die leitende Fondsmanagerin des HSBC BRIC Equity, Stephanie Wu, hat den Russland-Anteil im Vorfeld ebenfalls deutlich reduziert. Ende Februar lag er bei 7 Prozent, nachdem er im Monat davor noch bei 21 Prozent lag. Im HSBC GIF BRIC Markets Equity AC USD hat Wu sehr ähnlich den Anteil von 22 Prozent Ende Januar auf rund 6 Prozent Ende Februar verkleinert. Offizielle Benchmark beider Fonds sind die vier zugehörigen Länderindizes von MSCI, die zu je einem Viertel gewichtet sind. Mit dem Länderindex MSCI Russland als Teil der Benchmark ist das „R“ aus dem BRIC allerdings nicht dargestellt, solange MSCI russische Titel aus seinen Indizes heraushält.

Im Schroder ISF BRIC EUR B Acc haben die verantwortlichen Manager Tom Wilson und Waj Hashmi den Anteil russischer Papiere bis Ende Februar ebenfalls deutlich zurückgefahren, auf rund 2 Prozent des Portfolios. Auch im Templeton BRIC Fund - A (acc) EUR hat der leitende Fondsmanager Chetan Sehgal den Russland-Anteil auf 2 Prozent verringert. Beide Fonds haben als Vergleichsmaßstab einen BRIC-Index von MSCI. Dort ist der russische Teil ebenfalls nicht darstellbar, solange MSCI diese Aktien außen vor lässt.

Zahlreiche Produktanbieter am Finanzmarkt haben zum Krieg in der Ukraine und zur Entwicklung an den Märkten allgemeine Statements herausgegeben. Im Namen des Vorstandsvorsitzenden von Blackrock, der Muttergesellschaft von I-Shares, Larry Fink, veröffentlichte der Vermögensverwalter zum Beispiel am 10. März: „Die Gremien, die bei Blackrock für die Preisbildung verantwortlich sind, bestimmen in einem standardisierten Prozess die fairen Marktwerte der russischen Wertpapiere in unseren Indexportfolios. Dieser Prozess basiert auf festgelegten Richtlinien zur Preisfindung.“

Die Anbieter haben jedoch auf Anfragen im März, wie sie mit den BRIC-Fonds und den zugehörigen Benchmarks künftig verfahren wollen, keine oder nur vage Angaben gemacht. I-Shares hat die einzelnen Positionen und relevanten Zahlen des ETF auf der Website veröffentlicht und auf das offizielle Statement Finks verwiesen. „Wir werden uns weiterhin mit den Index- und Datenanbietern sowie den Regulierungsbehörden und anderen Kapitalmarktteilnehmern beraten und mit ihnen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass unsere Kunden ihre Positionen in russischen Wertpapieren aufgeben können, wann immer und wo immer die aufsichtsrechtlichen und Marktbedingungen dies zulassen“, heißt es dort. Im April hat Blackrock ein allgemeines Update ergänzt.

Auch Schroders hat allein offizielle Verlautbarungen für das Gesamtgeschäft weitergegeben: „Unser Engagement in Russland, Weißrussland und der Ukraine ist mit weniger als 0,1 Prozent des verwalteten Vermögens minimal und wir werden auf absehbare Zeit nicht in russische oder weißrussische Aktien oder Anleihen investieren“, lautet ein Statement von Andreas Brandt, Sprecher von Schroders Investment Management.

Anbieter äußern sich (noch) nicht konkret

„Das Thema BRIC ist in einer Situation, in der ein Buchstabe daraus wegfällt, ziemlich tot“, sagt Andreas Köchling, leitender Analyst im Bereich Investmentfonds bei dem Research- und Rating-Anbieter Scope Analysis. Dazu komme, dass die Anlageidee zu einer Zeit entstanden ist, in der die volkswirtschaftlichen Gegebenheiten und Finanzmarktverhältnisse der betreffenden Länder noch recht ähnlich waren. „Inzwischen haben sich die vier Märkte allerdings extrem auseinanderentwickelt. Auch vor diesem Hintergrund ist es eher unwahrscheinlich, dass die Anlagestrategie noch einmal interessant werden könnte“, meint Köchling.

Generell sei von einer Investition in einen Markt abzuraten, der nicht liquide ist. „Auf der Fondsmanagerseite gibt es ohne regulären Handel allergrößte Schwierigkeiten mit der Bewertung“, erläutert der Analyst. „Wie stelle ich einen Fondspreis fest, wenn auch nur ein kleiner Teil meiner Papiere nicht gehandelt wird? Das ist ein großes Problem.“ Zudem widerspreche es sich, in einen nach UCITs regulierten Fonds zu investieren, der nicht völlig liquide ist. „Ein UCITs-Produkt muss für Investoren täglich fair handelbar sein. Vernünftig und fair täglich handeln kann ein Investor aber nur, wenn die Gesellschaft faire Kurse stellt. Und faire Kurse kann sie nur stellen, wenn sie für die im Fonds enthaltenden Papiere faire Kurse vorliegen hat“, beschreibt der Beobachter.

Dass ein Privatinvestor jetzt ein Schnäppchen macht, sei zwar möglich. Es sei aber keine informierte, seriöse Geldanlage, sondern reine Spekulation. „Unabhängig von einer Markteinschätzung des russischen Wertpapiermarktes ist allein schon aus der Funktionsunfähigkeit des Marktes heraus geboten, von einem Einstieg abzuraten“, sagt Köchling.

Für eine seriöse mittel- bis langfristige Geldanlage würde er auch nach einer kompletten Öffnung der Wertpapiermärkte noch eine gute Weile abwarten, bis sich wieder faire Preise gebildet haben. „Und dann muss man sehr intensive Fundamentalanalyse betreiben“, betont der Analyst. „Wie sieht Russland als Land dann aus? Wie werden die rechtlichen und steuerlichen Gegebenheiten sein? Wie werden sich die einzelnen Unternehmen darauf einstellen, dass ihnen Kunden oder Lieferanten weggebrochen sind?“, nennt er einige grundlegende Fragen. „Das ist in so weiter Ferne, es ist überhaupt nicht abschätzbar. Das einzige, was ziemlich sicher ist: Es wird zu extremen Kursschwankungen kommen, auf Einzeltitelebene wie auf Ebene darauf aufbauender in Russland investierender Vehikel.“

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