OIF: Die meisten Immobilien-Publikumsfonds sind grün

Stefan Terliesner Berater Sachwerte

Ab dem 2. August müssen Finanzberater die ESG-Präferenzen von Anlegern verpflichtend abfragen. Das gilt auch bei offenen Immobilienfonds. Über Bedeutung und Hürden der EU-Taxonomie in diesem Bereich sprach procontra mit Hannah Dellemann, ESG-Beauftragte bei der Service-KVG INTREAL.

Hannah Dellemann Bild: Intreal

Auch bei offenen Immobilienfonds müssen Finanzberater künftig die ESG-Präferenzen ihrer Kunden abfragen. Nachhaltigkeit ist bereits jetzt ein Riesen-Thema in der Branche, weiß Hannah Dellemann, ESG-Beauftragte bei Intreal. Bild: Intreal

procontra: Frau Dellemann, welche Bedeutung hat ESG für offene Immobilienfonds?  

Hannah Dellemann: ESG ist der größte Trend in der Branche. Von 26 Publikumsfonds sind mittlerweile 15 nach Artikel-8 klassifiziert, beziehen ESG-Kriterien also systematisch in die Anlageentscheidung ein. Elf Fonds haben noch keine Nachhaltigkeitsziele festgelegt. Wir gehen davon aus, dass die meisten bald nachziehen werden. Insgesamt sind die offenen Immobilienfonds mit einem Anteil von 70 Prozent ‚grüner‘ Fonds weiter als die Gesamtheit aller Publikumsfonds mit 24 Prozent.  

procontra: Wie wichtig sind die Vorgaben der EU-Taxonomie für den Vertrieb?  

Dellemann: Seit Januar muss der Fondsanbieter bei Artikel-8- und Artikel-9-Fonds den angestrebten Anteil der taxonomiekonformen Immobilien in den vorvertraglichen Informationen angegeben, oder alternativ, dass kein Anteil geplant ist. Später muss er im Jahresbericht veröffentlichen, ob die Ziele erreicht wurden. Für den Vertrieb ist die Nachhaltigkeitsklassifizierung wichtig, da die Fondsanbieter damit werben. Mit der MiFID II Novelle, die am 2. August 2022 in Kraft tritt, wird das Thema fest in den Vertrieb integriert. Finanzberater müssen dann die ESG-Präferenzen von Anlegern verpflichtend abfragen und entsprechend beraten.    

procontra: Wann gilt ein Gebäude als taxonomiekonform?  

Dellemann: Das ist leider aktuell nicht abschließend geklärt. Beispielsweise ist ein Gebäude, das vor dem 1. Januar 2021 erbaut wurde, taxonomiekonform, wenn es einen Energieausweis der Klasse A hat oder in Bezug auf den Primärenergiebedarf zu den besten 15 Prozent seiner Klasse im nationalen oder regionalen Vergleich gehört. Das Problem ist, dass es für Nicht-Wohngebäude keine Klassifizierung nach Buchstaben gibt, dass die jeweilige Region nicht klar definiert ist und dass es keine Datenbank gibt, anhand der man feststellen könnte, ob ein Gebäude zu den Top 15 Prozent zählt.  

procontra: Also hat die Branche Schwierigkeiten mit den Vorgaben?  

Dellemann: Aktuell herrscht halt noch viel Unsicherheit. Dennoch kann es die Branche sich nicht leisten abzuwarten. Die Fondsanbieter müssen mit dem aktuellen Regulierungsstand arbeiten – immer mit dem Risiko, dass es zu Änderungen kommt.   

procontra: Hat die Taxonomie bereits Einfluss auf die An- und Verkaufsentscheidungen?  

Dellemann: Das Thema ESG spielt bei allen An- und Verkaufsentscheidungen von Immobilien eine wichtige Rolle. Bei Ankäufen wird mindestens geprüft, welche Energieeffizienz das Gebäude vorweist und ob diese im Einklang mit den Pariser Klimazielen stehen. Auch ein Taxonomie-Check ist immer häufiger Bestandteil der Due Diligence. Bei Verkäufen beobachten wir, dass aktuell einige Eigentümer die hohe Nachfrage nutzen, um nicht-ESG-konforme Immobilien zu verkaufen.

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