Nachhaltigkeit: Was die BaFin von Versicherern erwartet

Detlef Pohl Berater Investmentfonds Versicherungen

Das Thema Nachhaltigkeit betrifft in der Assekuranz nicht nur, aber maßgeblich die Kapitalanlage. Was die Aufsichtsbehörde BaFin von den Versicherern erwartet, offenbarte sich auf einer versicherungswissenschaftlichen Tagung.

Gut drei Viertel der Versicherer haben Nachhaltigkeitsrisiken bereits in ihre Leitlinien und Prozesse für Kapitalanlagen integriert, sagt Versicherungsaufseher Frank Grund. Bild: BaFin/Bernd Roselieb

Gut drei Viertel der Versicherer haben Nachhaltigkeitsrisiken bereits in ihre Leitlinien und Prozesse für Kapitalanlagen integriert, sagt Versicherungsaufseher Frank Grund. Bild: BaFin/Bernd Roselieb

Zu den Risiken im Fokus der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) 2022 gehören neben dem Niedrigzinsumfeld und Korrekturen am Immobilienmarkt und dem Finanzsystem auch IT- und Cyberrisiken, Ausfall von Unternehmenskrediten, Geldwäsche sowie nachhaltige Geschäftsmodelle und nachhaltige Finanzwirtschaft (Sustainable Finance).

Die Transformation zu nachhaltiger Wirtschaft hängt stark davon ab, wo und wie große Investoren Geld anlegen. „Die deutschen Versicherer sind hier mit rund 2,5 Billionen Euro Kapitalanlagen, wenn man bAV einrechnet, entscheidende Player“, sagte Frank Grund kürzlich im Rahmen der virtuellen Jahrestagung 2022 des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft (DVfVW).

Nachhaltigkeitsrisiken erst einmal identifizieren

Nur stabile Versicherer seien in der Lage, zur Transformation der Wirtschaft beizutragen. „Entscheidend ist daher, dass sie die mit ihrer Geschäftstätigkeit verbundenen Nachhaltigkeitsrisiken identifizieren und steuern können“, so der Exekutivdirektor Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht der BaFin im Plenum „Kapitalanlagen und Nachhaltigkeit“.

Dazu müssten sich die Versicherer mit relevanten Risikoindikatoren und deren Entwicklung auseinandersetzen. Konkrete Vorschläge dazu enthält das im Herbst 2021 aktualisierte BaFin-Merkblatt zu Nachhaltigkeitsrisiken. Die beaufsichtigten Unternehmen sollen einen Ansatz entwickeln, der ihrem Risikoprofil entspricht, fordert Grund. Dabei wolle sich die Aufsicht nur auf den Rahmen beschränken.

BaFin sieht Versicherer auf gutem Weg

Vermögenswerte können von jetzt auf gleich zu „Stranded Assets“ werden, also dramatisch an Wert verlieren, vor allem aufgrund von Nachhaltigkeitsrisiken, so Grund. Welche Investitionen ein Versicherer tätigt und welche Risiken er eingeht, bleibe die Entscheidung des Managements, „vorausgesetzt, er hat genügend Risikokapital“, erklärt der Aufseher.

Er sieht die deutschen Versicherer auf gutem Weg, mit Nachhaltigkeitsrisiken umzugehen. Eine BaFin-Abfrage zur Umsetzung des Merkblatts hat kürzlich gezeigt: Die meisten Versicherer beschäftigen sich mit Nachhaltigkeitsrisiken und berücksichtigen das in strategischen Überlegungen. Die Hälfte der Befragten hat ihre Geschäfts- und Risikostrategien bereits angepasst und Nachhaltigkeitsziele formuliert, die übrigen planten dies kurzfristig, berichtete Grund.

Den größten Einfluss von Nachhaltigkeitsrisiken sehen die Versicherer selbst spartenübergreifend bei den Kapitalanlagen. Dort sind sie auch am weitesten, was die Berücksichtigung der ESG-Faktoren angeht: Gut drei Viertel haben laut BaFin Nachhaltigkeitsrisiken bereits in ihre Kapitalanlageleitlinien und -prozesse integriert.

Nachholbedarf bei eigener Risiko- und Solva-Beurteilung

Dringender Nachholbedarf bestehe dagegen bei der eigenen Risiko- und Solvabilitätsbeurteilung (ORSA: Own Risk and Solvency Assessment) unter dem Regime von Solvency II. „Nur knapp ein Viertel nutzt bisher interne Stresstests und Szenarioanalysen zur Bewertung der Nachhaltigkeitsrisiken“, kritisierte Grund. Konkrete Klimawandelrisiko-Szenarien habe nur etwa jedes zehnte Unternehmen im Blick.

Die BaFin erwartet, dass bereits 2022 alle ORSA-Berichte Aussagen zu den Auswirkungen des Klimawandels enthalten. Schätzten die Unternehmen die Risiken für sich als wesentlich ein, seien diese im ORSA in angemessenen Szenarien zu berücksichtigen. Würden Risiken als nicht wesentlich eingestuft, müsse dies begründet werden. „Der Versicherungssektor ist noch lange nicht am Ziel, daher sind Nachhaltigkeitsrisiken auch 2022 ein strategischer Schwerpunkt der Versicherungsaufsicht“, betonte Grund.

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