Finanzberatung: Kommt jetzt die Super-App?

Hannah Petersohn Berater Investmentfonds

In den kommenden zwei bis drei Jahren wird sich die Finanzberatung grundlegend wandeln, davon sind Experten überzeugt. Doch was konkret wird sich in Zukunft ändern und worauf sollten Berater ihr Augenmerk legen?

Finanzberatung: Kommt jetzt die Super-App? Bild: AdobeStock/Polonio-Video

Wie wird die Finanzberatung der Zukunft aussehen? Experten wagen einen Blick in die Kristallkugel. Bild: AdobeStock/Polonio-Video

„Die Deutschen sparen viel, aber sie sparen falsch“, sagt Klaus Morgenstern, Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) auf einer Veranstaltung zur Frage: „Finanzberatung 2.022 – was lehren uns die Start-ups?“. Selbst Bundeskanzler Olaf Scholz erklärt stolz, er führe nur ein Girokonto und sonst nichts. Ein denkbar schlechtes Vorbild in Sachen Altersvorsorge, wenngleich Scholz vor dem Hintergrund seiner Rente womöglich nicht allzu viel befürchten muss.

Das geht allerdings vielen Menschen hierzulande anders, nicht wenige sind bei Renteneintritt von Altersarmut bedroht und selbst wenn sie davon verschont bleiben, werden viele, die allein auf die gesetzliche Rente setzen, ihren gewohnten Lebensstandard nicht beibehalten können. Angesichts eines langen Arbeitslebens mit verdientem Ruhestand ein wenig erquickliche Aussicht. Die Beschäftigung mit dem Thema Altersvorsorge mag nicht zwingend sexy und wenig Popcorn-tauglich sein, ist aber zwingend notwendig. Doch wie können die Deutschen für die finanzielle Ruhestandsplanung erwärmt werden? An diese Stelle treten in der Regel Freunde, Familie oder: Finanzberater.

Bei Letzteren wird sich der Beratungsalltag in den kommenden Jahren grundlegend verändern, darüber sind sich die auf der DIA.Vranstaltung vertretenden Experten einig. Einer von ihnen ist Alberto del Pozo, der seit einem Jahr Geschäftsführer von myPension ist, ein Insurtech für die digitale Altersvorsorge, prognostiziert: „In den nächsten zwei bis drei Jahren wird es in der Altersvorsorgeberatung große Veränderungen geben.“

Größtes Problem: Komplexität

Der myPension-Chef sieht einen großen Hemmschuh in der Tatsache, dass viele Altersvorsorgeprodukte für die Verbraucher schlicht zu kompliziert seien. „Das Thema bekommt man offline schon kaum geregelt“, moniert der Geschäftsführer. Selbst Berater beschleiche oft das Gefühl, dass sie im Kundengespräch etwas vergessen haben könnten. Digital ist der Ofen dann gleich ganz aus – im ungünstigsten Fall: zu komplizierte Produkte treffen auf komplexe Prozesse. Das macht die Werbung zum Thema Altersvorsorge nicht leichter.

Pozo glaubt dennoch: Mit der richtigen Beratung kann die Beratung gelingen. „Beratung ist immer abhängig vom Thema: Kfz-Policen kann fast jeder selbst online abschließen, bei der Berufsunfähigkeit möchten sich die Verbraucher eher austauschen.“ Dem Hybridmodell, also dem Wechsel aus digitaler und analoger Beratung, gehöre die Zukunft. Diese Erkenntnis ist natürlich erst einmal nicht ganz neu.

Allerdings müssen Berater wissen, an welchen Stellen es auf Kundenseite hakt, um den Prozess entsprechend gestalten zu können: Trauen sich Kunden an dieser Stelle die Eigenregie, also den digitalen Abschluss, zu und wo setzen sie doch lieber auf den menschlichen Faktor und lassen sich analog beraten? Und wie viel Wissen sollten Kunden überhaupt im Vorhinein sammeln, um die Altersvorsorge anzugehen? „Es kann nicht sein, dass jeder das ganze Thema erst erlernen muss. Wenn jemand zum Zahnarzt geht, muss er ja auch nicht vorher ein Zahnmedizinstudium absolvieren“, sagt Konradin Breyer, Gründer von Forget Finance, einem Berliner Fintech, das sowohl die digitale als auch analoge Beratung anbietet. Er glaubt nicht, dass Finanzbildung auf Vorrat funktioniert, sondern eher „on demand“, also wenn sie tatsächlich gebraucht wird, verfügbar sein muss. „Bildung und Coaching bei Bedarf, daran glauben wir.“

Gratwanderung zwischen analog und digital

Auch er ist vom Hybrid-Modell überzeugt, schließlich gebe es Themen, die eine Künstliche Intelligenz abhandeln kann und solche, für die eher ein Coach in Frage komme – das sei gerade bei Fragen von emotionaler Natur der Fall: Kaufen oder mieten? Soll ich ein flexibles Altersvorsorgeprodukt wählen oder besser eines mit langfristiger Bindung? „Eine Frage, die immer im persönlichen Gespräch gestellt wird, ist: Wie machst du es als Finanzcoach?“, erzählt Breyer. Das zeigt, wie wichtig Empfehlungen, die auf einer genauen Kenntnis der Produkte und Marktentwicklungen basieren, tatsächlich sind. Und ganz gleich, wie viele Fintechs aus dem Boden schießen mögen: Auch hinter großen Marktplayern sitzt oft ein Heer an Menschen, die im Sinne eines Back-ups für bestimmte Fragen zur Verfügung stehen.

Zumal sich der Einsatz von sogenannten Bots nicht bewährt zu haben scheint: Zu oft können sie Fragen, gerade auf dem komplexen Spielfeld der Altersvorsorge, nicht sinnvoll beantworten. „Chatbots werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren keine konkrete Rolle spielen. N26 hat das in der Vergangenheit groß angekündigt, aber es hat nie richtig gut funktioniert“, resümiert Experte Caspar Schlenk, der für das Branchenmagazin Finance Forward arbeitet. Die Fragen seien zu individuell, für die reine Informationsabfrage mag das noch funktionieren, aber technisch sei man noch nicht so weit, um individuell auf bestimmte Fragen zu reagieren.

Millenials wollen die „Super-App“

Wobei allerdings die Digitalisierung der Beratung durchaus helfen kann: Sie macht nicht nur den Prozess transparenter, sondern hilft Kunden auch dabei nachzuvollziehen, wofür das eingezahlte Geld ausgegeben wird. Und dabei kommt auch die Frage nach der Beratervergütung auf das Tablett. Bislang hat die Honorarberatung hierzulande nicht Fuß gefasst, doch viele Kunden scheuen sich vor einer provisionsbasierten Beratung und befürchten, sie könnte interessengeleitet sein.

Forget Finance-Gründer Konradin Breyer findet Provisionen an sich erst einmal nicht problematisch. Allerdings müsse es eine Trennung geben zwischen Produktberatung und Finanzcoaching, bei dem Kunden lernen, welche Möglichkeiten es gibt und wie sich der Markt entwickelt. „Auch die Honorarberatung ist elitär und interessengeleitet“, wendet er ein. „Aber die digitale Welt macht alles viel transparenter.“

Hinzukomme: Für Millenials sei eine App der Dreh- und Angelpunkt beim Thema Finanzen, erst an zweiter Stelle stehen andere Kommunikationskanäle. „Oft wollen Kunden einen ganzen Finanzplan, also ganzheitlich und das gilt auch für kleine Zielgruppen“, so Breyer. Er glaubt an einen Gegentrend zu Nischenlösungen, nämlich an eine Allround-Plattform: „Nach einer YouGov-Studie wünschen sich 60 Prozent der Verbraucher eine Super-App, mit der sie alle Finanzen erledigen können“. Eine Zukunftsvision, an die auch Experte Schlenk von Finance Forward glaubt. „Eine Art Super-App, über die alles gemacht wird, das ist die Zukunft.“

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