ESG-Investments: „Viel zu oft werden Luftschlösser gebaut“

Berater Investmentfonds von Heike Gorres

Am grauen Kapitalmarkt scheitern auch zahlreiche als „ökologisch“ beworbene Anlagen. Magdalena Senn von Finanzwende erläutert im Interview, worauf Finanzanlagenvermittler unbedingt achten müssen und was die BaFin unternehmen sollte.

ESG-Investments: „Viel zu oft werden Luftschlösser gebaut“, Bild: Finanzwende

Bei den Pleiten von ökologisch beworbenen Angeboten handele es sich um mehr als nur "ein paar Einzelfälle", warnt Magdalena Senn, Expertin für nachhaltige Finanzmärkte beim Verein Finanzwende. Bild: Finanzwende

procontra: Finanzwende hat eine Übersicht über gescheiterte und mit Problemen behaftete Investments auf dem grauen Kapitalmarkt veröffentlicht, die Anbieter als „ökologisch“ oder „nachhaltig“ beworben haben. Welche der problembelasteten KapitalanIagen sind heute aus Ihrer Sicht die gefährdetsten und warum?

Magdalena Senn: Wir haben es an dieser Stelle mit viel Intransparenz zu tun. Insofern maßen wir uns nicht an zu sagen, wo die Hütte lichterloh brennt und wo etwas weniger. Das können wir gar nicht seriös tun. Gerade wenn es Probleme gibt, sind die Anbieter in der Regel ja nicht gerade redselig. Seit unserer Veröffentlichung hat sich offenbar die Lage bei einigen Gesellschaften der UmweltDirektInvest, UDI, nochmal zugespitzt, was diverse Mittelungen der Finanzaufsicht BaFin nahelegen. Das zeigt, dass es sehr wahrscheinlich weitergehen wird mit Pleiten in diesem Bereich. Und eine Pleite ist dann sicher alles andere, bloß nicht nachhaltig! Das gilt unabhängig davon, unter welchen Umständen sie zustande kommt. Für Anleger ist es am Ende egal, ob eine Geldanlage grün gelabelt ist oder nur grün angestrichen, wenn dabei die wirtschaftliche Nachhaltigkeit komplett auf der Strecke bleibt.

procontra: Anlegern sollte also von Vornherein klar sein, dass eine Investition am grauen Kapitalmarkt in der Regel mit erhöhten Risiken einhergeht?

Senn: Produkte am grauen Kapitalmarkt sind per se risikoreich und da kann es auch einmal zu einer Pleite kommen. Nicht immer entwickelt sich alles so, wie man es sich selbst unter konservativen Annahmen erhofft hat. Aber die Anzahl der Pleiten ist einfach zu hoch, um nur zu sagen: Das kann eben auch mal passieren. Die Auswertung von Finanzwende Recherche macht deutlich, dass es gerade bei ökologisch beworbenen Angeboten um mehr als ein paar Einzelfälle geht! Der geschätzte Schaden ist mit zwei Milliarden Euro über zehn Jahre enorm. Und da ist eine Reihe von kleineren Anbietern noch nicht einmal erfasst, denn die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

procontra: Sind seit Veröffentlichung der Übersicht neue Fälle hinzugekommen? Welche wären dies?

Senn: Ein Beispiel ist das Unternehmen Deutsche Lichtmiete, das LED-Beleuchtung vermietet und zum damaligen Zeitpunkt noch nicht Bestandteil der Auswertung war. Dort gab es erst einen Insolvenzantrag, dann dessen Rücknahme, und jetzt dann doch wieder ein Insolvenzverfahren. Mal sehen, wie es weitergeht. Aber solche Verfahren bedeuten natürlich erst einmal viel Unsicherheit für die betroffenen Anlegerinnen und Anleger und am Ende leider oft auch hohe finanzielle Einbußen.

„Relativ hohe Renditeversprechen sind ein Warnsignal“

procontra: Worauf sollten Finanzanlagenvermittler und Anleger bei „Öko-Investments“ auf dem grauen Kapitalmarkt besonders achten?

Senn: Natürlich gibt es kein Patentrezept, um problematische Öko-Investments am grauen Kapitalmarkt zuverlässig zu identifizieren. Oft fehlt dafür schon die Transparenz. Unser Eindruck ist aber, dass Schachtelkonstrukte mit vielen Gesellschaften und relativ hohe Renditeversprechen ein Warnsignal sind. Man sollte auch einmal schauen, wie transparent Anbieter an sich sind und auf welchen Annahmen ihr Geschäftsmodell beruht. Kommt einem da etwas sehr sonderbar vor, dann sollte man zumindest bei den Anbietern nachhaken, sich unabhängig informieren oder lieber gleich die Finger davon lassen. Und aus ökologischer Sicht schadet es sicher nie, einmal kritisch zu hinterfragen, wie umweltfreundlich ein Produkt wirklich ist oder ob es sich nur um Greenwashing handelt. Denn Letzteres ist leider auch immer wieder zu beobachten.

procontra: Um für Anleger Pleitefälle und Schieflagen aus Öko-Anlagen auf dem grauen Kapitalmarkt zu vermeiden, schlägt Finanzwende vor, den Verbraucherschutzauftrag der Finanzaufsicht BaFin zu stärken und die Kriminalitätsbekämpfung voranzutreiben. Wie realistisch ist es, dass dies für den grauen Kapitalmarkt funktioniert, wenn er doch nicht von der BaFin kontrolliert wird? Wie könnte oder sollte dies konkret aussehen?

Senn: Die BaFin hat durchaus einige Befugnisse, um auch am grauen Kapitalmarkt schneller einschreiten zu können. Sie wurde von der Politik unter dem damaligen Finanzminister Scholz auch recht direkt zu aktiverem Handeln aufgefordert! So wird es der Behörde in Zukunft deutlich schwerer fallen, sich nur auf ihre rein formalen Prospektprüfungen zurückzuziehen. Viel zu oft und leicht hat sich die BaFin bisher als vermeintlich Unbeteiligte aus dem Staub gemacht.

procontra: Zum Beispiel?

Senn: Nehmen Sie zum Beispiel die P&R-Gruppe mit ihrem Schiffscontainer-Geschäft. Auch wenn das kein Öko-Investment war, so war es eine Pleite am grauen Kapitalmarkt mit einem Schadensvolumen in Milliardenhöhe. Es gab zig Warnhinweise, doch passiert ist damals praktisch nichts! Viel zu lang lief der Vertrieb, obwohl auch da aus unserer Sicht schon Eingriffsmöglichkeiten bestanden. Deshalb sagen wir, dass die BaFin die Samthandschuhe ausziehen muss und wirklich zupacken soll. Denn Rausreden können sich Behörden im Zweifel fast immer. Es kommt also darauf an, dass die BaFin mit einem gestärkten Verbraucherschutzauftrag wirklich aktiv handelt! Und da erwarte ich auch eine Aufsicht, die im Zweifel einmal auch öffentlich sagt: „Liebe Politik, da fehlt uns diese und jene Eingriffsmöglichkeit, die bräuchten wir“, statt immer erst rückblickend jede Verantwortung von sich zu weisen. Manche Aussagen und erste Handlungen des neuen BaFin-Chefs Mark Branson machen durchaus Hoffnung, dass sich da nun etwas ändert. Wir werden das kritisch und sachlich begleiten und schauen, inwieweit Worte auch zu umfassenden Taten führen.

procontra: Ein weiterer Vorschlag ist, die Inhalte der Verkaufsprospekte von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer begutachten zu lassen, der auch die Ertragsprognose auf Plausibilität prüft. Wie realistisch ist ein solches Vorgehen oder eine solche Vorgabe? Wer soll die Kosten tragen?

Senn: Ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass sich durch die Mittelverwendungskontrolle bei zahlreichen kommenden Projekten schon etwas verbessert. Diese Kontrolle wurde nicht für alle Vermögensanlagen eingeführt, aber für einige – und da hat das Anlegerschutzstärkungsgesetz tatsächlich einen Fortschritt gebracht. Trotzdem sollten wir weiter über die Notwendigkeit von unabhängigen Tragfähigkeitsgutachten diskutieren, denn dies ist schon nochmal ein wesentlicher und anderer Punkt. Viel zu oft werden Luftschlösser in Form von unrealistischen Ertragsprognosen gebaut und am Ende sind es die Anlegerinnen und Anleger, die die Zeche zahlen müssen! Gerade Anbieter, die mit ihren Anlagen höhere Summen eintreiben, sollten genauer und unabhängig unter die Lupe genommen werden. Das erhöht die Kosten der Projekte, mindert aber die potenziellen Schäden oder sorgt zumindest für eine ergänzende Sicherheit und Haftung. Solche Gutachten würden also zu einem gewissen Grad zusätzlich die Spreu vom Weizen des grauen Kapitalmarkts trennen, was angesichts der vielen Pleiten in den letzten Jahren durchaus nötig wäre.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!