pro/contra: Macht die ESG-Abfragepflicht Finanzprodukte nachhaltiger?

Berater Investmentfonds Top News Gastkommentar

 

Alfred Platow (Gründer und Vorstandsvorsitzender von Ökoworld): Contra

Noch vor dem 2. Februar 2022 hätte man in die oben gestellte Frage vielleicht noch viel tiefer einsteigen müssen. Tiefer in die Kriterien, in die Portfolien der verschiedenen Kapitalverwaltungsgesellschaften, die mit nachhaltigem Etikett am Kuchen der ESG-Bäckerei mitessen möchten. Denn auf einen Blick ist es natürlich nicht möglich, hier eine klare Antwort zu geben. Denn es ist immer eine Frage des Blickwinkels und der Interpretation, was ein nachhaltiges Finanzprodukt tatsächlich ist oder sein soll. Jede Gesellschaft legt „nachhaltig“ anders aus. Und nicht immer zu Gunsten des Menschseins oder der Kundin oder des Kunden.

Nun hat die Europäische Union Atomenergie und Gas zu einer nachhaltigen Investition erklärt. Meiner Meinung nach ist dies ein Super-GAU für die Menschen, die ihr Erspartes mit gutem Gewissen und klimafreundlich anlegen möchten. Grundsätzlich und in reiner Theorie mag eine Norm begrüßenswert sein, aber das gesamte Thema ESG enthält zu viel Regulatorik und kein emotionales Bauchgefühl. Da kann man sich schon fragen, ob das im Interesse der Anlegerinnen und Anleger ist oder nicht doch eher im Interesse der Produktanbieter, die gerne nachhaltig und grün im Schaufenster stehen wollen, es aber überhaupt nicht ernsthaft wollen und geschweige denn in aller Konsequenz können.

Es ist ein "Beipackzettel für Finanzprodukte" nötig

Grundsätzlich brauchen wir mehr Klarheit und strikte und transparente Ausschlusskriterien bei vermeintlich grünen Anlageprodukten unter der kommunikativen Klammer ESG. Damit Anlegerinnen und Anleger leichter eine fundierte Entscheidung treffen können, plädiere ich wie bei Lebensmitteln und Arznei für eine Art Beipackzettel für Finanzprodukte.

Ich bin mir sicher, dass das Thema Nachhaltigkeit die Finanzmärkte langfristig bewegen kann. Aber ganz gewiss nicht mit so einer Mogelpackung, die die EU nun bestätigt hat. Die breite Masse der Anlegerinnen und Anleger scheint wirklich zumindest mehr und mehr daran interessiert, ihr Geld so anzulegen, dass es die Welt ethisch, ökologisch und sozial positiv beeinflusst. Die Verantwortung der Finanzbranche und der EU-Taxonomie ist es nun, dafür zu sorgen, dass die Anlegerinnen und Anleger auch wirklich das bekommen, was sie wollen. Und das sehe ich absolut nicht gewährleistet.

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