pro/contra: Macht die ESG-Abfragepflicht Finanzprodukte nachhaltiger?

Berater Investmentfonds Top News Gastkommentar

Ab 2. August kommen neue Pflichten auf Berater zu: Sie müssen ihre Kunden dann auch über deren Nachhaltigkeitspräferenz bei der Geldanlage befragen. Doch bewirkt das auf lange Sicht einen Wandel auch bei den Finanzprodukten – werden diese hierdurch selbst nachhaltiger? Darüber diskutieren für procontra Alfred Platow, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Ökoworld, und Norman Wirth, Vorstandsmitglied des Vermittlerverbandes AfW.

ESG Bild: AfW/Ökoworld

Der Effekt der ESG-Abfragepflicht ist umstritten. AfW-Vorstand Norman Wirth (links) und Ökoworld-Gründer Alfred Platow bringen für procontra ihre Sicht der Dinge auf den Punkt. Bild: AfW/Ökoworld

Norman Wirth (AfW-Vorstand): Pro 

Allein durch die Pflicht, Nachhaltigkeitspräferenzen der Kundinnen und Kunden abzufragen, werden Finanzprodukte nicht per se nachhaltiger. Aber was passiert bereits allein durch diese verpflichtende Abfrage? Kunden, die sich vielleicht zuvor keine Gedanken über das Thema gemacht haben, werden durch diese konkreten Fragen dazu gebracht, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Auch viele Menschen, die ansonsten schon sehr bewusst und nachhaltig leben, sind sich bis zu den Präferenzfragen vielleicht gar nicht darüber im Klaren, dass es auch bei Versicherungen und Kapitalanlagen die Möglichkeit gibt, Entscheidungen pro oder contra Nachhaltigkeit in den verschiedensten Facetten zu treffen.

Wer weiß denn schon, dass das Portfolio von Investmentfonds zum Beispiel nach ganz konkreten Geschäftspraktiken (Tierversuche, Kinderarbeit, fehlende Arbeitsrechtsnormen), ganz konkretem Ausschluss von Branchen (Tabakwaren, Rüstungsgüter, Pornographie, Glücksspiel, Spirituosen) oder dem Ausschluss von Staaten mit bestimmten Merkmalen (Todesstrafe, Folter, Verstöße gegen Waffensperrverträge, Menschenrechtsverletzungen etc.) gefiltert werden kann? Erst, wenn ich aber weiß, dass es überhaupt möglich ist, kann ich auch eine eigenverantwortliche Entscheidung darüber treffen, entsprechende Produkte zu akzeptieren oder eben auszuschließen.

Nachfrage nach nachhaltigen Produkten wird größer

Das wiederum wird definitiv zu noch mehr Nachfrage nach nachhaltigen Produkten führen. Es wäre beispielsweise sehr schwer vorstellbar, dass auf die Frage, ob in einem Finanzprodukt Anteile von Firmen enthalten sein dürfen, die auch Kinderarbeit in ihren Produktionsstätten tolerieren, jemand mit „Ja, na klar, ist mir doch egal.“ antwortet. Solche Menschen mag es auch geben. Das ist aber glücklicherweise eine verschwindende Minderheit. Ich erwarte unbedingt, dass durch die zunehmende Transparenz gegenüber den Kundinnen und Kunden auch eine erhebliche Zunahme des Bewusstseins über die eigene Verantwortung in den Führungsetagen der Versicherer und Investmenthäuser, aber auch über die massiv steigende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten und die damit verbundenen Chancen zu verzeichnen sein wird.

Das wird nicht von einem Tag auf den anderen am 2. August 2022 stattfinden. Es ist ein Prozess, in dem wir aber längst sind. Viele gute Unternehmen unserer Branche haben bereits – auch ohne dass wir schon klare Leitplanken des Gesetzgebers haben (Stichwort Taxonomie) – sehr aktive Schritte in diese Richtung unternommen. Jeder Schritt weiter zählt und ist besser als Stillstand bei diesem Thema. Daher: Ja, AUCH durch die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenz werden die Finanzprodukte nachhaltiger.

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