Private Unfallversicherung: „Ich sehe ein sehr großes Vertriebspotenzial“

Florian Burghardt Berater Versicherungen Top News

Während der Bestand an privaten Unfallverträgen bei vielen Anbietern rückläufig ist, wächst er bei der Haftpflichtkasse seit Jahren kräftig. Woran das liegt, erklärt Helmut Wagner, Leiter Vertragsbereich private Unfall bei dem Maklerversicherer, im Interview.

Bild: Die Haftpflichtkasse VVaG

Helmut Wagner ist seit 1997 bei der Haftpflichtkasse. Er ist Prokurist und leitet seit 2004 den Vertragsbereich private Unfallversicherung. Bild: Die Haftpflichtkasse VVaG

procontra: Der marktweite Vertragsbestand an privaten Unfallversicherungen (pUV) ist seit Jahren stagnierend bis rückläufig. Woran liegt das?  

Helmut Wagner: Der Rückgang der Vertragszahl liegt vor allem daran, dass heute zunehmend mehrere Menschen, etwa innerhalb einer Familie, unter einem Vertrag unfallversichert sind. Der Grund, warum das Bestandswachstum so niedrig ausfällt, ist, dass die pUV eine Vorsorgeversicherung ist. Viele Deutsche, das zeigt uns die Praxis, schließen aber nur eine Vorsorgeversicherung ab, also zum Beispiel entweder eine Berufsunfähigkeitsversicherung, eine Dread-Disease oder eben eine Unfall-Police. Ein Mix dieser Produkte findet eher selten statt.    

procontra: Im Jahr 2020 (Anm. d. Red.: aktuellere öffentliche GDV-Zahlen liegen noch nicht vor) ging der Gesamtbestand an Verträgen um 300.000 zurück. Machen Sie das ebenfalls an den von Ihnen genannten Aspekten fest?  

Wagner: In dieser GDV-Zahl stecken auch die Unfallversicherungen mit Beitragsrückgewähr, die sogenannten UBR-Policen, mit drin. Deren Anteil nimmt seit Jahren stetig ab und frisst damit auch ein Stück weit das Wachstum der klassischen Risikounfallversicherung auf. Nach meinen Informationen konnten die privaten Unfallversicherer in 2021 bereits wieder ein Bestandswachstum erzielen, dass aber ohne den UBR-Bereich deutlich höher ausgefallen wäre.    

procontra: Mehrere große Unfallversicherer beklagen, dass bei ihnen momentan viele UBR-Policen auslaufen und solche Produkte heute kaum noch abgeschlossen werden. Für wie sinnvoll halten Sie UBR-Policen und bietet die Haftpflichtkasse so etwas überhaupt an?  

Wagner: Wir bieten die Unfallversicherung seit dem Jahr 2000 an und haben uns von Anfang an dagegen entschieden, UBR-Policen anzubieten. Das liegt auch daran, dass wir ausschließlich mit freien Vermittlern zusammenarbeiten und diese, aus unserer Erfahrung, so gut wie gar keine UBR-Policen anbieten.    

procontra: Liegt es also überwiegend an der Zählweise der Verträge und die Nachfrage nach privaten Unfall-Policen ist gar nicht wirklich zurückgegangen?  

Wagner: Meiner Meinung nach ist die Nachfrage tatsächlich nicht zurückgegangen, sondern sie stagniert einfach schon lange. Seit Jahrzehnten liegt der Anteil der Deutschen mit pUV bei rund 40 Prozent.    

"Die pUV ist eine sogenannte Push-Sparte"

procontra: Kann dieser Anteil auch mal auf 50 bis 60 Prozent steigen oder sehen Sie kein weiteres Vertriebspotenzial?  

Wagner: Ich sehe ein sehr großes Vertriebspotenzial. Um dieses zu heben, müssen die Menschen den Vorsorgebereich als Mix aus mehreren Versicherungen verstehen. Vor allem viele junge Menschen haben noch keine pUV. Das liegt natürlich auch am geringeren Budget. Sie schließen meistens eine Kfz-Haftpflicht und eine PHV ab, weil sie es mehr oder weniger müssen. Oft wird dann aber eher noch der Hausrat versichert, anstatt an den Vorsorgebereich zu denken. Zudem belegen Umfragen, dass die Verbraucher nur wenig über die pUV wissen. Viele fühlen sich durch die gesetzliche Unfallversicherung ausreichend abgesichert und sehen fälschlicherweise keinen Bedarf einer pUV. An diesen Schrauben ließe sich gut durch Aufklärung drehen.    

procontra: Aufklärung trifft es gut: Im Jahr 2020 musste der Großteil der Unfallversicherer sinkende Vertragsbestände hinnehmen. Bei der Haftpflichtkasse ging es dagegen um knapp zehn Prozent nach oben. Was machen Sie anders?  

Wagner: Die pUV ist eine sogenannte Push-Sparte. Das heißt, kaum jemand kommt mit konkreter Nachfrage auf Versicherer und Vermittler zu, sondern sie muss angesprochen werden und sie ist auch erklärungsbedürftig. Da wir ausschließlich mit freien Vermittlern zusammenarbeiten, müssen wir nicht nur den Kunden von uns überzeugen, sondern auch den Makler, der den Vertrag letztendlich empfiehlt. Das gelingt uns nicht allein mit einem hohen Leistungsinhalt zu einem günstigen Preis, sondern wir investieren auch viel in gute Erreichbarkeit und schnelle Bearbeitung der Anliegen von Kunden und Vermittlern.    

procontra: Die Versicherer bemühen sich seit einiger Zeit vermehrt, ihr Image vom reinen Schadenregulierer zum Kümmerer zu entwickeln. Welche Entwicklungen erwarten Sie vor diesem Hintergrund konkret in der pUV?  

Wagner: Wir sind in einer Phase, in der die existierenden Leistungen weiter erhöht werden. Gleichzeitig wäre es gut, wenn die Anbieter die Unfall-Sparte etwas selbsterklärender machen könnten. Dadurch würde wohl auch die aktive Nachfrage steigen. Bis dahin wird es aber wahrscheinlich noch ein paar Innovationsgenerationen dauern. Mit Blick auf die Kümmerer-Funktion erachte ich die Assistance-Leistungen in der pUV als immer bedeutender. Wer nach einem Krankenhausaufenthalt noch Einschränkungen durch seine Verletzung hat ist froh, wenn er kurzzeitig ambulante Pflege beziehungsweise Hilfe im Haushalt erhält bis alles wieder allein funktioniert. Auch ergänzende Rehamaßnahmen, die über die gesetzlichen Leistungen hinausgehen, verbessern die Heilungschancen und die Geschwindigkeit der Rehabilitation erheblich.

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