Altersvorsorge: Experten entwerfen Zukunftsszenario

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

Die Experten vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften machen sich für eine ganze Reihe zum Teil unpopulärer Maßnahmen stark, um einem Kollaps der gesetzlichen Renten vorzubeugen. Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Forderungen: die grundlegende Reform der Riesterrente.

Riesterrente: Wirtschaftsexperten fordern Garantieabsenkung Bild: Adobe Stock/Fokussiert

Experten des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften (ifa) fordern neben der Abkehr von der doppelten Haltelinie und der Anhebung des Renteneintrittsalters auch eine grundlegende Reform der Riesterrente. Bild: Adobe Stock/Fokussiert

Am Dienstag wurde bekannt, dass die Renten um ein sattes Plus steigen sollen: Mussten die Rentnerinnen und Rentner im vergangenen Jahr eine Nullrunde hinnehmen, dürfen sie sich ab 1. Juli dieses Jahres über eine Erhöhung um bis zu 6,12 Prozent freuen. Allerdings könnte die Freude über diese Anhebung von historischem Ausmaß über das weiterhin bestehende Rentenproblem hinwegtäuschen: Nach wie vor ist unklar, wie die gesetzliche Rente in Zukunft finanziert werden soll.

Erst im November vergangenen Jahres malte eine Studie der Bertelsmann Stiftung ein düsteres Zukunftsbild. Demnach könnte nach aktuellem Stand im Jahr 2035 bereits die Hälfte des Einkommens der Erwerbstätigen für die Sozialversicherungsbeiträge draufgehen. Einhundert Menschen im erwerbsfähigen Alter stehen derzeit rund 35 Rentnern oder Pensionären gegenüber, bis 2035 könnten es 48 Rentner pro 100 Erwerbstätige sein. Das Fazit der Studie: Es drohe „eine gefährliche Belastungsprobe für Staatsfinanzen und Sozialsysteme“. Die Experten kritisierten unter anderem die 2019 eingeführte „doppelte Haltelinie“, der zufolge bis 2025 der Beitragssatz zur gesetzlichen Rente nicht über 20 Prozent steigen dürfe, während das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken soll.

Dieser Kritik schließt sich das Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (ifa) im Rahmen der aktuellen Studie „Thesen zur Zukunft der Altersvorsorge in Deutschland“ im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment an und fragt: Wie lässt sich einer Altersarmut vorbeugen, ohne die heutigen Beitragszahler und Rentner gleichermaßen zu sehr zu belasten?

Die Politik müsse dafür „an vielen Stellschrauben gleichzeitig drehen“, so die Finanzmathematiker. Sie fordern die Abkehr von bereits getroffenen Entscheidungen, die bisher qua Koalitionsvertrag als gesetzt galten: Nicht ganz neu ist dabei der Ruf nach der Anhebung des Renteneintrittsalters – ein Thema, das immer wieder durchaus emotional diskutiert wird. Auch die Absenkung des Mindestrentenniveaus und die Anhebung des Höchstbeitragssatzes sollen kein Tabu bleiben. Die bisherigen Versprechen seien „weder zielführend noch generationengerecht“. Auch die ifa-Experten fordern eindringlich die Abkehr von der „doppelten Haltelinie“: Da dieses Szenario bereits unausweichlich sei, sei die Politik in der Pflicht, die Bürger darüber auch transparent zu informieren, mahnen die Wissenschaftler.

Kapitaldeckung muss erst Wirkung entfalten

Unter anderem zwei Themen sind für die ifa von zentraler Bedeutung: die Kapitaldeckung der gesetzlichen Rente und die Riesterrente. Der im Koalitionsvertrag vorgesehene Kapitalstock für die gesetzliche Rentenversicherung stelle laut Ifa-Institut einen sinnvollen ersten Schritt dar, wobei noch zu klären sei, welches Volumen im weiteren Verlauf aufgebaut werden muss. Eines steht für die ifa fest: Der Kapitalstock müsse deutlich umfangreicher als die im Koalitionsvertrag vorgesehenen zehn Milliarden Euro ausfallen. Bei dieser Summe handele es sich nur um einen symbolischen ersten Schritt.

Zudem müsse man sich klar machen: Die Kapitaldeckung brauche Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. Jene Länder, die in der Debatte gerne als Vorbilder herangezogen werden, haben dieses System bereits vor Jahrzehnten eingeführt und ernten heute die Früchte. Die Generation, die in den 2030er-Jahren hierzulande in Rente geht, könne von der nunmehr eingesetzten Kapitaldeckung dann aber noch nicht profitieren.

Genau an dieser Stelle argumentiert die ifa für die Riesterrente: Über sie werde im Sinne eines kapitalgedeckten Systems bereits seit Jahren Geld angespart, was als pro-Argument bisher nicht ausreichend bedacht sei. Angesichts des Vertrauensverlusts auf Seiten der Bevölkerung beim Thema Riesterrente müsse sie mit wenigen, aber einfachen Maßnahmen gestärkt werden. Schließlich sei Riester aus Sicht der ifa-Analysten geeignet, „die Schere zwischen Arm und Reich zu verringern“.

In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach Riester-Produkten allerdings stark zurückgegangen – vielfach werden die hohen Kosten und die niedrigen Renditen der Produkte bemängelt. Axel Kleinlein, Vorstandsprecher vom Bund der Versicherten (BdV), kritisierte vor wenigen Wochen vor allem die Kosten, die Lebensversicherer bei Vertragsabschluss verlangen und warnte: „Die jungen Leute von heute haben bei einer Riester- oder Rürup-Rente kaum eine Chance, in Form einer Rente das herauszubekommen, was in den Vertrag fließt. Immer mehr Anbieter hatten sich zudem zuletzt aus dem Geschäft mit Riester-Policen zurückgezogen.

Welche Zukunft die Riester-Rente noch haben kann, ob sie also reformiert oder ganz abgeschafft werden soll, wird auf politischer Ebene weiterhin diskutiert. Die Wissenschaftler vom Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften setzen auf das Fortbestehen der Riesterrente: Schließlich hätten bereits viele Menschen signifikante Beiträge dadurch angespart; ein neues System würde zudem sehr viel Zeit zur Etablierung benötigen. Zeit, die man aber nicht mehr habe.

Absenkung von Garantien erhöhe Renditechancen

Die ifa-Experten sehen den wichtigsten Reformbedarf bei der Riesterrente in Bezug auf die geforderten Garantien: Sei die vorgeschriebene Garantie von 100 Prozent der Beiträge bei der Einführung des Instruments durchaus sinnvoll gewesen, auch um ein sicheres Produkt anbieten zu können, habe sich das mit dem bestehenden Negativzins-Umfeld geändert. Die Wirtschaftswissenschaftler plädieren darum nun für riskantere, dadurch aber auch chancenreichere Anlagen wie zum Beispiel in Aktien.

Bleibe es bei der durch die Beitragsgarantierung notwendige sichere Anlagewahl, sei das Renditepotenzial schlicht unangemessen gering für eine so langfristige Laufzeit. „Im aktuellen Zinsumfeld erhöht eine maßvolle Absenkung von Garantien die Chancen stark. Das relevante (reale) Risiko steigt hingegen kaum – wenn überhaupt. Deshalb sind Produkte mit maßvoll abgesenkter Garantie auch für sicherheitsorientierte Verbraucher bedarfsgerecht“, schreiben die Studienautoren.

In den ifa-Analysen stelle ein Garantieniveau von circa 70 bis 80 Prozent der gezahlten Beiträge einen „Kipppunkt“ dar: Bis dahin steige das reale Renditepotenzial bei üblichen Altersvorsorgeprodukten deutlich stärker an als das reale Risiko. Senke man die Garantie dann aber noch weiter ab, so steige wieder das Risiko stärker als die Chance. In Abhängigkeit davon, welche Produktausgestaltung der Staat präferiert, also ob die Wahl eher auf Sicherheit oder eher auf Chancen fällt, müsste das Garantieniveau angepasst werden.

Aus ifa-Sicht wäre es sogar angemessen, den Anbietern der Riesterrente die Entscheidung über das Garantieniveau zu überlassen. „Dies ist insbesondere für Verträge sinnvoll, deren zukünftiges Renditepotenzial aufgrund des bisherigen Vertragsverlaufs und des aktuellen Zinsniveaus beschränkt ist“, resümieren die Autoren.

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