Wer bei einer Schiffshavarie zahlen muss

Martin Thaler Versicherungen Panorama

Vergangene Woche lief ein Container-Riese in der Deutschen Bucht auf Grund – nur mit Mühe ließ sich das 400 Meter lange Schiffe bergen. Doch wer kommt in diesem Fall eigentlich für die Kosten auf?

Mumbai Maersk Bild: picture alliance/Sina Schuldt

8 Schiffe mussten helfen, die in der Wesermündung festgefahrende "Mumbai Maersk" zu befreien. Bild: picture alliance/Sina Schuldt

Der erste Versuch schlug noch fehl, beim zweiten Mal meldeten die Helfer dann einen Erfolg: Das am Mittwoch auf einer Sandbank in der Wesermündung havarierte Frachtschiff „Mumbai Maersk“ konnte am Freitagmorgen erfolgreich freigeschleppt werden.  

Ein echter Kraftakt: Mit einer Länge von 399 Metern und einer Breite von 59 Metern gehört die Mumbai Maersk zu den größten Container-Schiffen der Welt. 19.000 Container finden an Bord Platz – beladen war er zum Zeitpunkt der Havarie jedoch nur mit rund 7.000. Dennoch: „Um ein Schiff dieser Größe bewegen zu können, das sich einmal festgesetzt hat, braucht man enorme Kräfte“, erklärte Robby Renner, Leiter des Havariekommandos laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung". Insgesamt acht Schiffe waren an der Rettungsmission beteiligt – der Hochseeschlepper „Union Sovereign“, das Mehrzweckschiff „Neuwerk“ sowie sechs Assistenzschlepper.  

Solidaritätsprinzip bei Havarie Grosse

Auch wenn bislang keine Schadenschätzungen vorliegen und wohl auch das unweit der Wesermündung liegende Wattenmeer nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde, könnte die Kosten für die Bergung des Container-Riesen hoch ausfallen. Doch wer zahlt in einem solchen Fall eigentlich?  

Laut Torben Siegmund, bei der R+V-Tochter Kravag Leiter der Abteilung Transportversicherungen, gelte auf Schiffen das sogenannte Solidaritätsprinzip. „Die Reeder und alle Kaufleute, die auf einem Schiff Waren transportieren lassen, bilden eine Gefahrengemeinschaft“, so Siegmund. „Das bedeutet: Gemeinsam haften alle am Seetransport beteiligten Parteien für die Schäden und Kosten, die bei einer so genannten Havarie Grosse entstehen.“  

Unter Havarie Grosse versteht man alle Schäden, die aus einer Entscheidung des Kapitäns zur Rettung des Schiffs resultieren. Beispielsweise könne der Kapitän Container über Bord werfen lassen, um das Schiff leichter zu machen. Auch die Beauftragung von Schleppern kann er veranlassen. Wie viel wer zahlen muss, hängt davon ab, welchen Anteil seine Waren am Gesamtwert der Ladung hatten. Errechnet wird dieser Anteil von einem so genannten Dispacheuer. Im schlimmsten Fall können die von den einzelnen Kaufleuten zu tragenden Kosten die Höhe des gesamten Warenwertes betragen.  

Jeden Tag sieben Schiffsunfälle

Um sicherzugehen, dass diese Kosten gezahlt werden, verfügt der Reeder über ein Pfandrecht. Er kann die Waren der Kaufleute so lange einbehalten, bis diese ihren Anteil an der Havarie Grosse beglichen haben. Vorbeugen lässt sich hiergegen mit dem Abschluss einer Warentransportversicherung – diese übernimmt sowohl den Anteil an der Havarie Grosse, als auch die Kostenerstattung für verlorene oder beschädigte Ware.  

Zwar wurde laut Angaben des Industrieversicherers AGCS im Jahr 2020 die zweitgeringste Zahl der Totalverluste großer Schiffe (49) in diesem Jahrhundert gemeldet, doch noch immer würden sich laut R+V – rein statistisch betrachtet – jeden Tag sieben Schiffsunfälle ereignen.  

So gingen bei einem Sturm im Januar 2019 insgesamt 342 Container des Frachters „MSC Zoe“ verloren. Bewohner der ostfriesischen Inseln fanden in den folgenden Tagen Unmengen an Überraschungseier-Figuren und anderem Plastikmüll an den Stränden. Für die Umwelt des empfindlichen Ökosystems Wattenmeer ein schwerer Schaden, für die Besitzer des verlorenen Transportgutes ein hoher Verlust.

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