Warum die TK-Kampagne "Life-saving Handjob" ein fataler Fehler ist

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

Die Techniker Krankenkasse will über Hodenkrebs aufklären – und wirbt dafür mit Sexismus und Diskriminierung. Auf die nachfolgende Empörung reagiert das Unternehmen gelassen. Und verkennt den Schaden, den es durch die Kampagne anrichtet.

Warum die TK-Kampagne "Life-saving Handjob" ein fataler Fehler ist Bild: TK/Youtube (Screenshot)

Die Pornodarstellerin Anny Aurora soll Männer für das Thema Hodenkrebs sensibilisieren. Die Kampagne geht auf mehreren Ebene ziemlich schief. Bild: TK/Youtube (Screenshot)

Krebsvorsorge ist wichtig, Aufklärung darüber umso wichtiger. Entsprechend versucht die Techniker Krankenkasse (TK) aktuell für das Thema Hodenkrebsvorsorge zu sensibilisieren. Die Sache mit der Aufmerksamkeit hat sie auf jeden Fall schon mal hinbekommen: In dem Videoclip mit dem untrüglichen Titel „Life saving Handjob“ wirbt das Erotik-Modell Anny Aurora für besagte Vorsorge. Seitdem das Video veröffentlicht wurde, fegt ein Shitstorm über den Krankenversicherer hinweg. Um die Aufregung zu verstehen, muss man das Filmchen allerdings gesehen haben – und möglicherweise ein reflektierter Mensch im 21. Jahrhundert sein.

Erste Szene: Eine junge Frau steht unter der Dusche. Im Hintergrund läuft Fahrstuhlmusik oder eben: eine Melodie, die Kennerinnen dem Pornogenre zuordnen würden. Es klingelt. Sie schnappt sich ein Handtuch und öffnet die Tür. Vor ihr steht ein junger Mann, orangefarbenes T-Shirt, Jeans: „Hallo ich bin der neue Nachbar.“ Ihre Antwort: „Oh, sehr cool, möchtest du reinkommen für ein paar Drinks?“ Logisch, welche Frau, nur im Handtuch bekleidet, würde einem Fremden an der Haustür nicht genau so begegnen? Klarer Fall.

Die beiden Protagonisten setzen sich aufs Sofa, sie lässt ihn wissen: „Ok, lass mich kurz in was Gemütliches schlüpfen, dann hole ich die Getränke und dann können wir uns kennenlernen.“ Er antwortet: „Ok, ja“, atmet tief durch und guckt einigermaßen belämmert seiner neuen Nachbarin hinterher. Das Ganze weiterhin unterlegt von sexy Fahrstuhl-/Pornomusik, die nur eines verheißen kann: Das Skript bleibt schlecht.

Die Protagonistin kommt wieder, hält die Getränke in der Hand, posiert kurz: „Ta-daaa.“ Sie setzt sich in ihrer überaus gemütlichen engen kurzen Jeanshose und dem tief ausgeschnittenen Top, die zwei versprochenen Drinks in der Hand, Wasser mit Eiswürfeln, schließlich wollen wir ja gesund bleiben, neben ihn auf die Couch, beide sehen sich tief in die Augen und schon wird hemmungslos losgeknutscht. Wer kennt es nicht?

Dann sagt sie: „Steh auf“, Zuschauerinnen schwahnt, was jetzt kommen soll („Handjob“) – und der Spot wird jäh unterbrochen. Schwarzer Hintergrund, weiße Schrift: „Die Techniker Krankenkasse präsentiert: Der Handjob gegen Hodenkrebs“. Plötzlich klärt besagte Nachbarin darüber auf, wie Männer ihren Hoden auf bösartige Veränderungen einfach selbst untersuchen können. „Jetzt erzähle ich euch, wie ihr die Selbstuntersuchung ganz einfach zu Hause selbst machen könnt.“ Wer hat es nicht erwartet? Hier geht es darum, Hodenkrebs schon im Frühstadium zu erkennen.

Einfach mal den Perspektivwechsel wagen

Um zu verstehen, warum das Ganze ziemlich daneben geht, hilft ein Perspektivwechsel: Drehen wir das Ganze also einmal um: Eine Frau klingelt bei einem jungen Mann, der ihr im Handtuch öffnet, sie sagt, sie sei die neue Nachbarin, er antwortet: Super, komm rein, ich mache uns Drinks. Die beiden sitzen auf dem Sofa, er ist in seine super bequeme Skinny Jeans geschlüpft und trägt ein hautenges schwarzes Hemd, die Manschettenknöpfe (in Familienbesitz seit 1890) halten die Knopflöcher lässig zusammen. Dann sagt er: „Steh auf.“ Uuuuuund: Cut. Danach erklärt er: „So tasten Sie zuhause ihre Brüste ab. Stichwort: Brustkrebsvorsorge. Zwinker, zwinker.“

Und wer jetzt sagt: „Ist doch super!“, hat auf vielen Ebenen etwas nicht verstanden: Zum einen ist die ganze Angelegenheit extrem sexistisch – für alle Geschlechter. Der Spot bedient lästige Stereotype wie: Frauen öffnen gerne leichtbekleidet die Wohnungstür und bitten leichtfertig einen ihnen völlig fremden Menschen herein. Wenn Frauen sich etwas Gemütliches anziehen, handelt es sich dabei um enganliegende Hotpants und tief ausgeschnittene Tops. Außerdem haben Frauen natürlich stets Modelmaße. Die 90er Jahre klingeln gerade und hätten gerne ihren Sexismus zurück.

Sexismus gegen Männer

Aber natürlich warten Frauen nicht nur optisch auf oder bestechen durch fehlendes Gefahrenbewusstsein. Sie bringen gerne Drinks, um dann einen Fremden sexuell zu befriedigen. Männer kommen allerdings auch nicht besser weg: Dem Clip zufolge wollen sie in erster Linie Pornos konsumieren und lernen am besten über Sexfilmchen, dass sie etwas für ihre Gesundheit tun müssen. Männern ist Selbstfürsorge nämlich fremd. Sie sind liebenswerte Trottel, um die sich eine Frau gerne kümmert. Das wollen Frauen ohnehin immer gerne tun, Kümmern liegt in ihrer DNA.

Männer sorgen also schlechter für ihre Gesundheit als Frauen – so der allgemeine Tenor. Das hat Ende vergangenen Jahres die „Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit“ sogar dazu bewogen, Männer als Vorsorgemuffel zu bezeichnen und sich an die Frauen zu wenden: Sie seien die Gesundheitsmanagerinnen für ihre Männer. Der sich daran anschließende und berechtigte Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten.

Der Mann, das Vorsorgemuffelchen

Aber stimmt das überhaupt? Der digitale Versicherungsmanager Clark hat in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut YouGov Menschen hierzulande befragt, wie sie ihre Gesundheitsvorsorge gestalten und mit Präventionsthemen umgehen. 18 Prozent der befragten Männer gaben an, bei der Hautkrebs-Früherkennung gewesen zu sein. Vor über einem Jahr waren es noch fünf Prozent weniger (13 Prozent). Auch die Vorsorge gegen Darmkrebs nahmen im vergangenen Jahr 17 Prozent der männlichen Teilnehmer wahr. 19 Prozent haben sich vorsorglich gegen Prostatakrebs untersuchen lassen. Diese beiden Werte lagen im Vorjahr noch bei elf Prozentpunkten.

Aber besonders interessant sind die Ergebnisse im Geschlechtervergleich: Während 26 Prozent der männlichen Befragten einen Komplett-Check haben vornehmen lassen, gaben nur 21 Prozent der befragten Frauen an, diese Untersuchung in Anspruch genommen zu haben.

Krisenmanagement? Fehlanzeige

Nun zurück zum TK-Spot: Er stereotypisiert also nicht nur Frauen, sondern auch Männer – das dürfte jetzt klar geworden sein. Und wie reagiert die TK auf den nachfolgenden medialen Aufschrei? „Wenn auch nur ein Hodenkrebsfall durch diese Aktion rechtzeitig erkannt und erfolgreich behandelt wird, hat sie sich gelohnt!“, lässt das Unternehmen in einem TK-Post auf Instagram verlautbaren, der nach dem Shitstorm veröffentlicht worden war. „Aufklärung muss dort stattfinden, wo sie die Menschen erreicht.“ Moment mal, aber welche denn genau? Heterosexuelle Männer. Das ist aber nur ein Teil der Menschen.

Gegenüber dem Fachmedium Horizont erklärte die TK: „Uns war bewusst, dass dieser ungewöhnliche Ansatz für Diskussionen sorgt. Wir verstehen, dass das zu Irritationen führen kann, halten das Thema aber für so wichtig, dass es auch in diesem Umfeld angesprochen werden sollte. Deshalb gibt es auch keine Überlegungen, die Kampagne zu stoppen.“

Nun ist es aber so, dass das Video von der Kampagnenwebsite und dem TK-Instagram-Kanal entfernt worden ist. Also haben die Verantwortlichen ganz offensichtlich doch auf die mittlerweile beim Werberat eingereichten Beschwerden reagiert. Häufigster Beschwerdegrund für eine Rüge sei, so die Chefin des Werberats Katja Heintschel von Heinegg gegenüber Horizont: Sexismus. Sexualisierung und Herabwürdigung von Frauen sei demnach das Thema, womit sich der Werberat am meisten beschäftigten müsse.

Auf Youtube lässt sich der Videoclip noch ansehen. Knapp 125.000 Menschen haben ihn (Stand: 4. Februar 2022) mittlerweile geklickt.

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