Schadenfall der Woche: Arzt versteigert NFT-Röntgenbild eines Terroropfers

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Panorama

Im November 2015 wurden in Frankreich 130 Menschen durch Terroristen getötet. Ein Pariser Arzt wollte nun das Röntgenbild einer Überlebenden als Non-Fungible Token im Internet versteigern. Die Empörung ist groß – die Justiz ermittelt.

Schadenfall der Woche: Arzt versteigert NFT-Röntgenbild eines Terroropfers Bild: picture alliance/dpa/Malte Christians

Trauernde Menschen in der Nähe des Bataclan Konzertsaals in Paris. Jetzt wurde bekannt: Ein Pariser Arzt wollte das Röntgenbild einer jungen Frau, die den Anschlag auf das Bataclan überlebt hat, verkaufen. Bild: picture alliance/dpa/Malte Christians

Als eine junge Frau und ihr Verlobter am 13. November 2015 in den Pariser Konzertsaal Bataclan aufbrachen, wussten sie noch nicht, dass sie Zeugen eines der schlimmsten Anschläge in Frankreich werden würden. Und dass ihn nur einer von beiden überleben würde.

An jenem Abend wurden 90 der 1.500 Zuschauer im Musikklub Bataclan von Terroristen des sogenannten „Islamischen Staates“ getötet, Hunderte wurden verletzt. Unter den Verletzen befand sich auch die junge Frau, die Stunden später im größten Pariser Krankenhaus operiert wurde.

In den meisten Fällen wird vor einer Operation ein Röntgenbild des beschädigten Körperteils gemacht, so auch an diesem Abend. Auf dem Röntgenbild der jungen Frau ist ihr gebrochener Unterarm zu sehen, daneben hat sich eine Kalaschnikow-Kugel gebohrt. Das ist deswegen bekannt, weil der diensthabende Arzt, der besagte Röntgenbilder, wie es auch üblich ist, gespeichert hat, genau jenes Bild der jungen Patientin auf einer NFT-Plattform zum Verkauf angeboten hat. Bei einem NFT (Non-Fungible Token) handelt es sich um ein digitales einzigartiges Sammlerstück, das wie auch Kryptowährungen auf der Blockchain-Technologie basiert. Nur über ein Echtheitszertifikat kann es verkauft oder getauscht werden.

Justiz ermittelt gegen den Arzt

Auf der auf digitale Kunstwerke spezialisierten Plattform Open Sea wollte der Chirurg das Bild für ein Mindestgebot von umgerechnet 2.446 Euro versteigern, berichtet das Kunstmagazin monopol. Die französische Justiz hat nun Vorermittlungen gegen den Arzt eingeleitet wegen des Verdachts auf Verletzung des Berufsgeheimnisses, so die Pariser Staatsanwaltschaft.

In der Verkaufsanzeige habe der Mediziner, nach einem Bericht des Nachrichtenportals Mediapart, explizit Bezug auf den Terroranschlag genommen und damit geworben, dass er die Überlebende operiert habe. „Diese junge Patientin, die bei dem Angriff ihren Freund verloren hat, hatte eine offene Fraktur des linken Unterarms mit einer verbliebenen Kalaschnikow-Kugel im Weichgewebe“, hieß es in der Online-Anzeige.

Frankreich wurde in der Nacht vom 13. November 2015 an mehreren Orten gleichzeitig zur Zielscheibe islamistischer Attentäter. Bevor Angreifer in den Konzertsaal des Bataclan eindrangen und mit ihren Maschinengewehren in die Menge schossen, sprengten sich Selbstmordattentäter im Fußballstadion Stade de France in die Luft. Weitere Männer fuhren in die Ausgehviertel im Osten von Paris und schossen wahllos auf Restaurantterrassen und Passanten. Insgesamt verloren in dieser Nacht 130 Menschen ihr Leben. Die meisten Attentäter sprengen sich danach selbst in die Luft oder wurden von der Polizei erschossen.

Seit September steht der einzige noch lebende Attentäter, Salah Abdeslam, vor einem Pariser Gericht. Von den insgesamt 20 Angeklagten sind nur 14 anwesend. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass viele der Angeklagten nicht mehr leben. Im Mai dieses Jahres will das Gericht die Urteile verkünden.

Eine fragwürdige Begründung

In Frankreich hat die Anschlagserie große Wut, Bestürzung und Trauer ausgelöst. Das Land befindet sich bis heute in einem Alarmzustand, neu eingeführte Antiterrorgesetze haben den Alltag vieler Franzosen verändert. Entsprechend groß war die Empörung über das Verhalten des Arztes. Der Leiter des Pariser Krankenhausbetreibers verurteilte den Fall aufs Schärfste und kündigte Konsequenzen an.

Der Mediziner nahm die Anzeige aus dem Netz. Er bereue zufolge dem Sender BFM TV seine Handlung und nannte sie eine Dummheit und einen schweren Fehler. Es sei ihm demnach nicht um Geld gegangen, sondern er habe das Bild im Rahmen eines künstlerischen Experiments zum Thema Gewalt anbieten wollen. Um eine Erlaubnis für den Verkauf des Röntgenbildes hatte er die Patientin nicht gebeten.

Nicht nur die Kollegen des Chirurgen reagierten verständnislos, auch die junge Frau, deren Verlobter bei dem Anschlag getötet wurde, zeigte sich fassungslos.

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