pro/contra: Sollte das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden?

Anne Mareile Walter Berater Versicherungen Top News

Die Debatte über die Erhöhung des Renteneintrittsalters flammt immer wieder auf. Für procontra diskutieren darüber Professor Michael Eilfort, Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft, und Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK.

Rentenalter Bild: Stiftung Marktwirtschaft/VdK, Marlene Gawrisch

Die Debatte um eine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters ist noch lange nicht zu Ende geführt: Prof. Dr. Michael Eilfort und Verena Bentele schätzen das Thema für procontra ein. Bild: Stiftung Marktwirtschaft/VdK, Marlene Gawrisch

Professor Dr. Michael Eilfort (Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft): Pro

1889 wurde unter Otto von Bismarck die Gesetzliche Rentenversicherung eingeführt. Das Renteneintrittsalter lag bei 70 Jahren, die Mindestarbeitsdauer für den Rentenerhalt bei 30 Jahren, der Beitragssatz bei 1,7 Prozent, hälftig von Arbeitgebern und Arbeitnehmern getragen. Versicherungsfremde Leistungen waren nicht vorgesehen. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug damals etwas über 40 Jahre.

2022 liegt das Renteneintrittsalter bei knapp 66 Jahren (auf dem Weg zu 67). Es erfolgen ohne vorherige Einzahlungen Renten(zusatz)leistungen, unter anderem für niedrige Einkommen (Grundrente), Kinder (Anerkennung Erziehungszeiten) und Hinterbliebene. Der Beitrag liegt (noch) bei 18,6 Prozent, mit programmierter Steigerung wegen der Baby-Boomer, obwohl schon jetzt jährlich über 100 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt an die Rentenkasse fließen. Die durchschnittliche Lebenserwartung erreicht über 80 Jahre und die Alterung der Bevölkerung schreitet unaufhaltsam voran.

Umlagefinanzierte Rente höchstens für aktuelle Rentner sicher

Wer eins und eins zusammenzählt, weiß: Die umlagefinanzierte Rente ist allenfalls für die aktuellen Rentner sicher – und die Lage der Altersversorgung spitzt sich zu. Die Großen Koalitionen haben mit ihren Rentengaben 2014 (unter anderem die Mütterrente und die Rente mit 63) und 2018 (die „doppelte Haltelinie“) Wohltaten verteilt, die die Probleme massiv verschärfen. Damit wurde im Hier und Jetzt die Wählermehrheit über 55 bedient und Lobbyisten der Sozialverbände gefallen ihren wichtigsten „Kunden“ mit immer neuen Forderungen – zu Lasten Dritter, vor allem der Jüngeren.

Niemand will laufende Rentenleistungen kürzen. Ebenso kann aber niemand, der noch einen Hauch wirtschaftlicher Vernunft spürt, Leistungsbereitschaft erhalten und Arbeit in Deutschland nicht überteuer machen will, für eine deutliche Steigerung des Beitragssatzes eintreten. Eine weitere „Versteinerung“ des Bundeshaushalts mit dann weit über einem Drittel nur für die Rentenkasse und noch weniger Investitionsspielräumen kann auch niemand ernsthaft wollen. Steuererhöhungen in einem Land, dessen Steuerquote ein Rekordhoch erreicht hat und in dem über die Progression umverteilt wird wie kaum irgendwo anders, auch nicht.

Keine weitere "Versteinerung" des Bundeshaushalts

Also: Wo soll das Problem liegen, wenn die Menschen immer gesünder, immer älter werden und einen Teil der gewonnenen Zeit dann auch arbeiten? Dabei ist Letzteres in den meisten Fällen auch nicht mit schrecklicher Fron und Qual gleichzusetzen, sondern mit Erfüllung und Teilhabe verbunden. Die automatische Aufteilung des Zugewinns an Lebenserwartung in Arbeitszeit und Ruhestand ist nicht nur generationengerecht und fiskalisch notwendig, sondern leistet darüber hinaus auch einen wichtigen Beitrag, den Fachkräftemangel abzumildern.

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