„Die Taxonomie ist für die nachhaltige Anlage kein Zwang“

Investmentfonds Investment-Talk von Jan Wagner

Die EU hat Atom- und Gaskraft als „nachhaltig“ eingestuft. Bislang wurden diese Energiequellen von nachhaltigen Fonds in Deutschland ausgeschlossen. Ob Anbieter die Lage neu bewerten, erklärt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment.

Ingo Speich, Bild: Deka Investment

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment. Bild: Deka Investment

procontra: Herr Speich, mit der Taxonomie sollte ein Standard für nachhaltige Investments in der EU geschaffen werden. Mit der Aufnahme von Atom- und Gaskraft in die Taxonomie wurde das Ziel verfehlt. Ist solch ein Standard überhaupt machbar?

Ingo Speich: Die Vorstellungen zur Nachhaltigkeit in Europa sind tatsächlich zu heterogen. Die Folge: In den EU-Mitgliedsländern gibt es unterschiedliche Entwicklungen. In Deutschland haben wir zum Beispiel für nachhaltige Fonds das FNG-Siegel (Qualitätssiegel vom Forum Nachhaltige Geldanlagen). Dieses schließt die Atomkraft aus und wird auch nicht durch die Taxonomie ersetzt. In Frankreich dagegen gilt die Atomkraft als eine nachhaltige Investition. Die Franzosen haben sich auf EU-Ebene durchgesetzt, deshalb wurde Atomkraft nun auch in die Taxonomie aufgenommen. Es gibt aber auch einen weiteren Grund, warum die Taxonomie nicht als einheitlicher Standard taugt: Sie ist viel zu schmal. Aktuell ist sie auf das Thema Klimawandel und Klimaschutz reduziert. Legt man diese Kriterien auf den weltweiten Aktienmarkt an, würden sich Stand heute nur drei bis fünf Prozent der Unternehmen dafür qualifizieren. Das heißt aber nicht, dass es dabei bleibt. Unternehmen werden zunehmend taxonomiekonforme Umsätze berichten und die Taxonomie wird sich verbreitern. Themenfelder wie Wasser- und Meeresressourcen, Kreislaufwirtschaft, Umweltschutz und Biodiversität werden hinzukommen. Hoffnung besteht auch, dass wichtige soziale Aspekte aufgenommen werden. Mit der breiteren Investierbarkeit wird die Taxonomie auch eine größere Bedeutung erlangen.

procontra: Die Deka macht laut der EU nunmehr nichts Falsches, wenn sie in die Atomkraft oder in die Gaskraft investiert. Werden sie ihren nachhaltigen Investmentansatz überdenken?

Speich: Unser Ansatz hat sich bewährt, daher sehen wir auch keinen Anlass, diesen anzupassen. Die Taxonomie hat keinen verbindlichen Charakter für die nachhaltige Anlage. Bei der Deka werden Firmen, die mehr als fünf Prozent ihres Umsatzes mit Nukleartechnik generieren, weiterhin ausgeschlossen. Auf null Prozent Nukleartechnik zu kommen ist schwierig, weil viele Unternehmen aufgrund von Lieferketten ein indirektes Exposure zur Nukleartechnik haben können. Zudem ist bei weniger als fünf Prozent Umsatz die Materialität und damit das Risiko für das Portfolio zu vernachlässigen. Wir schließen aus zwei Gründen Atomkraft aus. Erstens: Mit der Technik wird gegen den Grundsatz der Nachhaltigkeit verstoßen, weil Ewigkeitslasten produziert werden. Die Endlagerfrage ist schließlich nicht gelöst. Damit wird gegen den Grundsatz der Nachhaltigkeit verstoßen, nach dem zukünftige Generationen nicht über Gebühr belastet werden dürfen. Der zweite Grund ist das Ereignisrisiko. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit eines Super-GAUs sehr gering. Aber wenn er passiert, sind die negativen finanziellen Auswirkungen auf die Aktien oder Anleihen extrem hoch. Bei Gas haben wir keinen grundsätzlichen Ausschluss des Energieträgers in den Portfolien. Es kommt aber zu Ausschlüssen, weil entweder der Versorger neben Gas auch die Atomkraft nutzt oder weil die CO2-Emissionen des entsprechenden Unternehmens einfach zu hoch sind.

procontra: Ab August müssen die Berater fragen, ob die Kunden nachhaltig investieren wollen. Was soll der Berater machen, wenn der Kunde sagt, er habe mit Atom- oder Gaskraft kein Problem – einen französischen Fonds empfehlen?

Speich: Ich halte die Wahrscheinlichkeit für sehr gering, dass der deutsche Kunde einen nachhaltigen Fonds nicht haben möchte, weil er Atomkraft und fossile Energieträger ausschließt. Meine Zuversicht beruht auf einer repräsentativen Umfrage von uns im September, die gezeigt hat, dass die Privatkunden Atomkraft nicht als eine nachhaltige Investition sehen. Wenn aber ein Kunde einen nachhaltigen Fonds mit Atomkraft haben möchte, wird der Berater das entsprechende Produkt wählen. Das ist ganz klar. Der Kunde muss aber auch wissen, dass eine Investition in die Nukleartechnik auch bedeuten kann, dass er damit Nuklearwaffen unterstützt und nicht nur in die Stromproduktion investiert. 

procontra: Manche Berater befürchten, dass sie einem Haftungsrisiko ausgesetzt sind, weil die besagte Nachhaltigkeitspräferenzabfrage vor der Taxonomie in Kraft treten soll. Stimmt das?

Speich: Ein Haftungsrisiko sehe ich nicht. Nach derzeitigem Informationsstand wird die Taxonomie vor dem regulatorischen Inkrafttreten der Präferenzabfrage definiert sein. Asset Manager werden auch künftig unterschiedliche Definitionsansätze bei nachhaltigen Produkten haben, wichtig ist die Transparenz gegenüber dem Kunden. Außerdem ist es vollkommen normal, dass die Kriterien für die Taxonomie sich ständig weiterentwickeln. Wir haben es mit einem additiven System zu tun – es werden immer weitere Felder dazu geschaltet. Fonds, die eine hohe EU-Taxonomiekonformität aufweisen, sind und bleiben eine Alternative für den Kunden, wenn er sich dies wünscht.

procontra: Mit Blick auf 2022 würden wir gerne wissen, wie sich der Anleger positionieren soll. Kommt es zu einer Zinswende und wird damit die langjährige Aktienrallye vorbei sein?

Speich: Wir sehen die Aktienmärkte weiterhin positiv und gewichten Aktien auch über, wenn auch nicht so stark wie im vergangenen Jahr. Diese Haltung beruht darauf, dass wir trotz der rasant steigenden Corona-Infektionszahlen 2022 ein ziemlich robustes Wirtschaftswachstum haben werden, also zwischen 3,5 und vier Prozent für Europa und die USA. Wir werden auch mit Blick auf die Aussagen der Fed (US-Notenbank) steigende Zinsen sehen. Doch aus heutiger Sicht dürfte das Zinsniveau in diesem Jahr moderat bleiben, und daher dürfte sich dies nicht zu negativ auf die Unternehmensgewinne auswirken. Wir bei der Deka rechnen hier mit einer Steigerung von acht bis zehn Prozent. Eine Einschränkung, die wir machen, ist die Möglichkeit einer Lohn-Preis-Spirale. Dann müssten die Zentralbanken doch fester an der Zinsschraube drehen und würden natürlich die Aktienkurse belasten. Aber das sehen wir derzeit nicht.

procontra: Ist es also nicht zu spät für den aktienscheuen deutschen Sparer doch in den Markt einzusteigen?

Speich: Überhaupt nicht. Man muss sehen, dass wir auch nach Berücksichtigung der Inflation immer noch einen deutlich negativen Realzins haben. Selbst wenn die Zinsen steigen, werden sie immer noch im negativen Bereich bleiben. Damit scheiden festverzinsliche Papiere als eine attraktive Alternative aus. Als ein großer Freund von Aktien würde ich immer sagen, wenn man einen längeren Investmenthorizont hat, sollte man sukzessive in den Markt einsteigen - zum Beispiel mit einem Fondssparplan. Denn an den attraktiven Renditen von Aktien führt kein Weg vorbei, langfristig gesprochen.

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