„Die Riester-Rente ist schon seit vielen Jahren ein müffelnder Ladenhüter“

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

Während der GDV kürzlich einen Boom beim Riester-Neugeschäft verkündete, beäugen Kritiker das staatlich geförderte Rentenprodukt weiterhin argwöhnisch. Sie fordern eine Altersvorsorge, die gänzlich ohne die Versicherungswirtschaft auskommt.

Die Riester-Rente ist schon seit vielen Jahren ein müffelnder Ladenhüter Bild: Bund der Versicherten (BdV)

„Die Riester-Rente ist schon seit vielen Jahren ein müffelnder Ladenhüter“, sagt Axel Kleinlein, Vorstandsprecher vom Bund der Versicherten (BdV). Bild: Bund der Versicherten (BdV)

Ende Januar vermeldete der GDV auf seiner Jahresmedienkonferenz einen Neugeschäfts-Boom bei den Riester-Renten. Demnach haben sich im vergangenen Jahr so viele Verbraucher für die geförderte Altersvorsorge entschieden wie seit 2016 nicht mehr. Für das Neugschäft wurde ein Zuwachs von zwölf Prozent vermeldet, 310.000 Versicherungsverträge seien hinzugekommen, der Bestand liege damit konstant bei 10,4 Millionen. GDV-Vorsitzender Wolfgang Weiler mutmaßte, dass sich Kundinnen und Kunden vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte um das Thema Altersvorsorge „noch einen Vertrag gesichert“ hätten.

Peu à peu ziehen sich jedoch immer mehr Anbieter aus dem Geschäft zurück, so plant aktuell die Sparkassen Tochter Deka das Neugeschäft ab Sommer dieses Jahres komplett einzustellen. Die DWS-Group, einer der größten Riester-Anbieter, hat ihr Neugeschäft mit Riester-Produkten bereits vor einem halben Jahr beendet. Aber wie passen die Zuwachszahlen und besagte Entwicklungen zusammen?

Dass der GDV in seiner Jahresmedienkonferenz gerade das eigentliche Sorgenkind Riester thematisiert, dürfte kein Zufall sein. Noch immer wird im politischen Berlin diskutiert, welche Zukunft die Riester-Rente haben soll – die Optionen changieren zwischen Reformierung und Abschaffung.

Die Versicherungswirtschaft möchte am bestehenden System grundlegend festhalten, plädiert lediglich für einige Nachbesserungen. Positive Neugeschäftszahlen sollen darum auch illustrieren, dass das bestehende System durchaus noch Vertrauen in der Bevölkerung besitzt. Von einem Scheitern der Riester-Rent könne folglich keine Rede sein.

Nun, wenige Wochen später, meldet sich die Gegenseite zu Wort: „Die Riester-Rente ist schon seit vielen Jahren ein müffelnder Ladenhüter. Eine leichte Steigerung der Verkaufszahlen auf sehr niedrigem Niveau ändert daran nichts“, sagt Axel Kleinlein, Vorstandsprecher vom Bund der Versicherten (BdV), nun gegenüber dem Manager Magazin. Man dürfe die Zunahme der Vertragsabschlüsse nicht überbewerten. Zumal Kleinlein zufolge die Verträge meist unter Druck verkauft und im Anschluss von den Verbrauchern meist schnell wieder gekündigt werden.

Altersvorsorge ohne Versicherungsindustrie

Er kritisiert vor allem die Kosten, die Lebensversicherer bei Vertragsabschluss verlangen und warnt: „Die jungen Leute von heute haben bei einer Riester- oder Rürup-Rente kaum eine Chance, in Form einer Rente das herauszubekommen, was in den Vertrag fließt.“ Selbst eine Rendite von Null Prozent könnten jüngere Kunden kaum erwarten. Er fordert: „Wir brauchen endlich Altersvorsorge ohne die Versicherungsindustrie!“

Demgegenüber sei die gesetzliche Rente ein „Renditeturbo“. Der BdV-Vorstand lobt zudem die Deutsche Rentenversicherung, die mit der gesetzlichen Rente ein „echtes Erfolgsmodell“ aufgesetzt habe. „Neben Altersrenten leistet die DRV ja auch noch Erwerbsminderungsrenten, Beitragszuschüsse zur Kranken- und Pflegeversicherung und noch mehr. Zeigen Sie mir ein privates Versicherungsprodukt mit vergleichbaren Leistungen“, so Kleinlein.

„Die Riester-Rente ist nicht reformierbar“

Auch Gerhard Schick, ehemaliger Grünen-Politiker und Mitinitiator der Bürgerbewegung Finanzwende, bezeichnet das vermeintliche Comeback der Riester-Rente als „schöne Erzählung, die an der bitteren Realität für viele Verbraucher vorbeigeht“, so der promovierte Volkswirt im Gespräch mit dem Manager-Magazin.

Er glaubt nicht, dass die staatlich geförderte Rente eine Zukunft haben kann: „Die Riester-Rente ist nicht reformierbar.“ Die bisherigen Reformbestrebungen seien in Gänze gescheitert. Schick plädiert für kostengünstige, einfache und effiziente Produktangebote, in die Bürger standardmäßig investieren und nennt als Vorbild das schwedische Altersvorsorge-Modell. Einem Schweden stehe, allein wegen der niedrigen Kosten des Fonds, im Alter ein fünfstelliger Betrag mehr zur Verfügung als einem durchschnittlichen Riester-Sparer in Deutschland, moniert Volkswirt Schick.

In Schweden investiert seit über zwanzig Jahren jeder Mensch automatisch 2,5 Prozent des Bruttolohns in einen staatlich organisierten Aktienfonds. „Eine Agentur gibt die Zahlungen weiter an Investmentgesellschaften, die dieses Geld anlegen“, erklärte kürzlich Tabea Bucher-Koenen, Professorin am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung der Universität Mannheim, auf einer Veranstaltung des Deutschen Instituts für Altersvorsorge. „Alles wird zentral geregelt, dadurch werden die Kosten massiv gesenkt. Es gibt keine Einzelverträge mit Versicherungsunternehmen oder Fondsgesellschaften“, so Bucher-Koenen.

Ob jedoch ein öffentlich verwalteter Vorsorgefonds auch in Deutschland kommen wird, bleibt abzuwarten. Im aktuellen Koalitionsvertrag hat die Ampel-Koalition lediglich einen Prüfauftrag vereinbart. Wie es mit Riester weitergeht, bleibt unklar – lediglich Bestandschutz für die rund 16 Millionen Verträge wurde eindeutig im Vertrag festgehalten. Gut möglich also, dass Wortbeiträge zum Thema Riester in Zukunft nicht seltener werden.

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