Allgefahrenversicherung: Alles drin, alles einfach?!

Stefan Terliesner Versicherungen

Allgefahrenversicherungen klingen für Kunden komfortabel. Doch die meisten Produktgeber machen kein großes Aufsehen um ihr Rundum-Sorglos-Angebot. Dafür gibt es Gründe.

Allgefahrenversicherung: Alles drin, alles einfach?! Bild: Adobe Stock/alphaspirit

Der Markt für Allgefahrenpolicen wächst. Über einen Vertrag können sieben Risiken versichert werden. Über die Vor- und Nachteile für Makler. Bild: Adobe Stock/alphaspirit

So einfach geht die Absicherung von Risiken: Mit Abschluss einer Police ist alles versichert, was nicht explizit ausgeschlossen ist. Das Bedingungswerk ist kurz und eindeutig. Wichtige Deckungen wie Elementarschäden sind automatisch enthalten. Das Zauberwort dafür lautet: Allgefahrenversicherung.

Im Gewerbegeschäft sind sie durchaus üblich. Neuerdings stellt der eine oder andere Versicherer aber auch sein Angebot an All-Risk-Policen im privaten Bereich ins Schaufenster. Beispiele sind Helvetia mit dem neuen Komplettschutz Helvetia eCar und die Bayerische mit einer Überarbeitung der Meine-eine-Police.

Vorteile für Makler

Den Anbietern zufolge haben All-Risk-Policen Vorteile für Kunden und Makler. „Sie erleichtern Vermittlern das Thema Haftung und lassen Kunden nicht rätseln, ob bestimmte Fälle jetzt versichert sind oder nicht“, sagt Alina Sucker, Underwriting Manager Art & Private Clients bei Hiscox Deutschland. Und weiter: „Keine komplizierten prozentualen Wertsachenanteile sind versichert, sondern beispielsweise der Schmuck ist zur genannten Summe weltweit abgesichert, auch gegen Verlieren und Liegenlassen.“

Die Nachfrage nach diesem Produkt steige deutlich. „Immer mehr Kunden wollen einen Rundumschutz und sich nicht die Frage stellen, ob der Versicherer zahlt, wenn das Kind ein Kunstwerk aus Versehen zerstört.“ Konkrete Absatzzahlen nannte der Versicherer auf procontra-Anfrage allerdings nicht.

Hiscox ist auf gewerbliche Bürorisiken spezialisiert, wie sie vor allem bei IT-Firmen, Dienstleistern und Beratungsunternehmen bestehen. Das Privatgeschäft mit Allgefahrenschutz macht Hiscox praktischerweise gleich mit. „All unsere Privatkunden-Versicherungen sind Allgefahrenprodukte“, erklärt Sucker. Damit sei All-Risk keinesfalls ein Nischenprodukt für den Spezialversicherer. Die Zielgruppe bestehe aus vermögenden Privatkunden, die sich rundum gut abgesichert wissen wollen. Ebenso Kunden, die ihre „Schätzchen“, wie etwa das Ferienhaus, das wertvolle Kunstwerk oder den geliebten Oldtimer umfassend absichern möchten.

Schutz für Private

Auch Branchenprimus Allianz offeriert nicht nur Gewerbe- und Industriekunden den Allgefahrenschutz, sondern auch Privatleuten. Laut einer Sprecherin des Versicherers erfolgt das Angebot in einzelnen Tarifen der folgenden Kategorien: Hausrat und Wohngebäude (Tarif Premium), Kunst (Allianz Art Privat), Ausstellungen (Transport-/Kunst-Police) sowie Auto (Akku von Elektro-/Hybridfahrzeugen, Oldtimer).

Wettbewerber AXA bietet in der Kfz-Versicherung in der Produktlinie Mobil Komfort eine Allgefahrendeckung als festen Bestandteil des Produkts. „Dies ist besonders für risikoaverse Kunden interessant und bietet ein Maximum an Absicherung“, berichtet Claus Hunold, Leiter Maklervertrieb bei AXA auf Anfrage. Aufgrund der Vielzahl an Tarifmerkmalen könne AXA kein aussagekräftiges Preisbeispiel geben. Die Bayerische nennt zwar auch keine Kosten, zeigt in ihrer Produktbroschüre zur Meine-eine-Police aber Leistungsbeispiele.

Dass die Prämie einer Allgefahrenversicherung in der Regel höher ist als bei einer herkömmlichen Versicherung, deren Schutz sich über eine Liste bekannter Gefahren erstreckt, ist einleuchtend. Höhere Prämien bedeuten für Vermittler auch attraktivere Courtagen. Dem steht allerdings der Abschluss nur eines Versicherungsvertrags gegenüber, was tendenziell wiederum in Summe weniger Vergütung bedeutet. Unter Maklern sind All-Risk-Policen daher umstritten. Ihre Allgefahrenversicherungen adressieren Vermittler auf ihren Webseiten fast nur an Gewerbekunden, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen.

Umkehr der Beweislast

Ein großer Vorteil von Allgefahrenversicherungen ist die Umkehr der Beweislast im Schadenfall. Normalerweise muss der Versicherungsnehmer das Vorliegen des Versicherungsfalls nachweisen. Dies gilt auch, wenn eine klassische Deckung um sogenannte „unbenannte Gefahren“ erweitert wird. Bei All-Risk-Policen dagegen ist der Versicherer in der Pflicht. Dazu Peter Pillath, Underwriter Manager Commercial Property & General Liability bei Hiscox Deutschland: „Während bei einer Benannten-Gefahren-Deckung der Kunde dafür verantwortlich ist, wenn etwas nicht versichert ist, was er gegebenenfalls hätte versichern wollen oder sollen, trägt bei der Allgefahrenversicherung der Versicherer die Verantwortung, wenn er nicht etwas ausgeschlossen hat, was er eigentlich nicht hätte versichern wollen. Der Nachweis, dass ein Ausschluss im konkreten Schadenfall greift, obliegt dem Versicherer.“

Allgefahrenversicherungen können aus einem weiteren Grund sinnvoll sein, wenn bei Kunden und Maklern eine vergleichsweise hohe Unsicherheit in Bezug auf mögliche Risiken besteht. Dies gilt zum Beispiel für den noch jungen Markt für Elektroautos. Für viele Menschen sind noch zu viele Fragen offen, um sich auf diese Art der Mobilität einlassen zu können, schreibt Helvetia in einer Pressemitteilung zur neuen Helvetia eCar. Daher habe Helvetia eine Kfz-Versicherung auf den Markt gebracht, „die einfach alles versichert“.

E-Autos im Fokus

Helvetia eCar sei ein monatlich kündbarer Komplettschutz. Die Allgefahren-Kfz-Haftpflichtversicherung inklusive Vollkasko decke gezielt die Risiken ab, die mit batteriebetriebenen Fahrzeugen verbunden sind, inklusive Cyberschutz bei Manipulation der Software im Fahrzeug. Ebenfalls enthalten sei Hilfe, falls das Fahrzeug aufgrund eines leeren Akkus liegen bleibt. Dann könne der Fahrer sein Auto von einer Pannenhilfe zur nächsten Ladestation abschleppen lassen. Wallboxen und Ladezubehör seien ebenfalls mitversichert. Weitere Leistungen kämen hinzu. Die gesamten Versicherungsbedingungen seien auf „nur sieben Seiten“ beschrieben, skizziert Helvetia einen weiteren Vorteil für Kunden und Makler.

Am offensivsten geht die Bayerische mit dem Thema Allgefahrenversicherung um. Die seit 2016 erhältliche Meine-eine-Police hat der Versicherer eigenen Angaben zufolge jetzt komplett überarbeitet. Diese enthalte nun nachhaltige Leistungen in den Bereichen Hausrat, Haftpflicht und Wohngebäude ohne Mehrbeitrag. Zum Beispiel übernehme der Versicherer bis zu 20 Prozent des Anschaffungswerts für nachhaltig produzierte Möbel oder für Haushaltsgeräte der höchsten Energie-Effizienzklasse. Auch Wandladestationen für Elektroautos seien mitversichert. Weitere Verbesserungen wie Leistungsgarantien kämen hinzu.

Auch als Bündelprodukt

Wie die Bayerische berichtet, bündelt das Produkt bis zu sieben Komposit-Bausteine in nur einem Vertrag. Bestehende Versicherungen – auch von Fremdanbietern – könnten eingebunden werden. Einige Komponenten der Meine-eine-Police folgten dem Allgefahrenprinzip – und zwar: Wohngebäude, Hausrat/Glas und Haftpflicht. In diesen Bereichen sei alles mitversichert, was nicht ausdrücklich anders geregelt ist.

Das Schutzpaket richte sich an Familien, die in Einfamilienhäusern wohnen und einen umfassenden Versicherungsservice wünschen. Das kann ein Vorteil sein. Denn Veränderungen in Familienleben sind vom ersten Moment an mitversichert. Und lebhaft geht es in vielen Familien zu: Geburt eines Kindes, Auszug eines Kindes, Kinder ziehen mit eigenen Kindern wieder ein, Oma und/oder Opa leben im Haushalt und so weiter.

Das freilich sind auch alles Beratungsanlässe für einen Makler. Die fallen vielleicht nicht gänzlich weg, Inhaber einer Allgefahrenversicherung fühlen sich vermutlich aber „gut versorgt“ und wünschen mitunter weniger Beratung. Das ist der Nachteil aus Maklersicht. Der Nachteil aus Kundensicht: All-Risk-Policen sind relativ teuer.

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