ADAC: Versicherer kämpft mit Coronaleugnern und Impfgegnern

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Panorama

Zum Sars-Cov-2-Virus und den Corona-Impfungen kursieren jede Menge abenteuerliche Erzählungen. Verschwörungsgläubige werfen aktuell dem ADAC vor, der Versicherer zahle künftig nicht mehr bei eventuellen Impfschäden. Der Grund: das Unternehmen verfüge über geheime Informationen.

ADAC: Versicherer kämpft mit Coronaleugnern und Impfgegnern Bild: picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt

Verschwörungsgläubige werfen dem ADAC vor, er habe seine Vertragsbedingungen so verändert, dass die Versicherung eventuelle Impfschäden nicht mehr abdeckt. Bild: picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt

Während der Corona-Pandemie liegen bei vielen Menschen die Nerven blank. Während die einen „stabil“ bleiben, sich also trotz Erschöpfung und Verzweiflung keinen abstrusen Theorien über die Pandemie hingeben, hängen andere immer abenteuerlicheren Verschwörungsmythen hinterher.

Jüngstes Beispiel: Der ADAC verfüge über besonders geheimes und exklusives Wissen zu Nebenwirkungen von Covid-19-Impfstoffen, weswegen das Unternehmen eine Klausel in den Unfallversicherungsverträgen nachträglich hinzugefügt habe. „Schäden aufgrund angeordneter Massenimpfungen“ decke der Versicherer demzufolge nun nicht mehr ab.

Dazu muss man allerdings wissen: Die Klausel wurde nicht erst kürzlich ergänzt, wie von Verschwörungsgläubigen behauptet. „Der hier mehrfach geteilte Passus aus der ADAC Unfallversicherung wurde nicht wegen der aktuell diskutierten Corona-Impfpflicht aufgenommen. Er ist bereits seit 2007 Bestandteil der Versicherungsbedingungen“, vermeldete der ADAC über „Twitter“.

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Die Reaktion auf der Plattform war deswegen nötig geworden, weil dort die Anhänger von Verschwörungsgeschichten besagten Passus zur Unterfütterung ihrer Verschwörungserzählung verwendet hatten.

Einer von ihnen ist Stefan Homburg, emeritierter Ökonomie-Professor und Statistiker, zudem Impfgegner, Coronaleugner und Twitterer mit 64.300 Followern. Der Finanzwissenschaftler hatte das besagte Gerücht weiterverbreitet und damit die Spekulationen angeheizt, der ADAC habe sich zu diesem Schritt entschieden, weil demnächst eine allgemeine Impfpflicht seitens der Politik ausgesprochen werde und der ADAC nicht für eventuelle Impfschäden haften wolle. Die Deutung des Coronaleugners: Der Versicherer verfüge über geheimes Wissen zum Thema Impfnebenwirkungen und -schäden, also über Informationen, die der Bevölkerung absichtlich vorenthalten werden – dabei handelt es sich um ein überaus beliebtes Narrativ unter Verschwörungsgläubigen.

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Auch das Recherchenetzwerk Correctiv berichtete über den Fall und stellte klar: Die Regelung nimmt Bezug auf Impfungen, für die es eine gesetzliche Impfpflicht gebe. Die Vertragsbedingungen von 2007 sind nun öffentlich einsehbar, darin ist auch der Passus des Anstoßes über „angeordnete Massenimpfungen“ enthalten: „Nicht versichert sind (...) Impfschäden aufgrund angeordneter Massenimpfungen. Versicherungsschutz besteht jedoch für die Folgen von sonstigen Impfungen (§3, 2b)“, so der Wortlaut in den Versicherungsbedingungen.

Demnach sind, wie ADAC-Sprecher Alexander Machowetz gegenüber Correktiv bestätigte, Impfschäden seit 2007 in dem Unfallschutz enthalten. „Vorher waren sie, wie seinerzeit üblich, gar nicht versichert“, so Machowetz. Mögliche Fälle von Impfschäden werden individuell geprüft, ausgenommen seien staatlich verfügte Impfungen.

Damit zieht sich der ADAC jedoch nicht aus der Verantwortung, der Grund für den Passus ist wesentlich simpler: Für Impfschäden durch Covid-19-Impfungen haftet nämlich der Staat. Im Infektionsschutzgesetz heißt es: „Wer durch eine Schutzimpfung (…), die gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 (…) vorgenommen wurde (…) eine gesundheitliche Schädigung erlitten hat, erhält nach der Schutzimpfung wegen des Impfschadens (…) auf Antrag Versorgung in entsprechender Anwendung der Vorschriften des Bundesversorgungsgesetzes (…).“

Weitere Verschwörungen, weitere Versicherer

Aktuell sieht sich der ADAC abermals mit einem Vorwurf aus dem sozialen Netzwerk Twitter konfrontiert: Eine aufgebrachte Kundin wirft dem Versicherer vor, aufgrund ihres Impfstatus (nicht geimpft) keinen Mietwagen bekommen zu haben. Auch hier musste der Versicherer, erneut über Twitter, Stellung beziehen: „Der Impfstatus spielt keine Rolle“, stellt der ADAC klar.

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Der ADAC ist nicht der einzige Versicherer, der mit Falschinformationen zu kämpfen hat: Seit über einem Jahr kursiert im Internet die Behauptung, dass ein Lebensversicherer nach dem Tod eines Franzosen – vermeintlich durch eine Covid-19-Impfung – die Zahlung verweigert habe. Die Familie des Verstorbenen sei mit ihrer Klage vor Gericht gescheitert, da die Richter eine „freiwillige Impfung mit experimentellem Impfstoff“ als Suizid gewertet hätten.

Diese Geschichte ist frei jedoch erfunden: Es gibt keine Belege dafür, dass ein solcher Gerichtsprozess überhaupt stattgefunden habe, stellte abermals die Rechercheplattform Correctiv klar. Auch die französische Zeitung Libération und die Nachrichtenagentur dpa konnten im Rahmen eines Faktenchecks keine Belege für die Geschichte finden.

Eine sehr laute kleine Minderheit

Angesichts dieser und vieler weiterer abstruser Behauptungen, könnte man annehmen, dass dieser Art Verschwörungsgeschichten pandemiebedingt zugenommen haben. „Der Glaube an Verschwörungen liegt in Deutschland über die letzten Jahre relativ konstant bei 20 bis 30 Prozent“, sagte die Psychologin Pia Lamberty, auf einer Veranstaltung der Psychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Lamberty forscht zu Verschwörungen und sieht das menschliche Kontrollbedürfnis und den Wunsch nach Sicherheit als Motive für den Verschwörungsglauben. „Je stärker Menschen an eine Verschwörung glauben, die hinter allem steht, desto eher lehnen sie die medizinische Wissenschaft ab und wenden sich alternativen Ansätzen zu“, so die Expertin.

Eine Studie, die Forschende der Universitäten Wien und Edinburgh Ende vergangenen Jahres veröffentlicht haben, gibt Lamberty Recht: Der Anteil der Corona-Leugner beziehungsweise der Anhänger von Corona-Verschwörungstheorien ist demnach sogar gesunken: Haben 2020 noch 14 Prozent der Aussage zugestimmt, es gebe kein Corona-Virus und bei den Schutzmaßnahmen handele es sich um eine hysterische Überreaktion, waren es im vergangenen Jahr nur noch neun Prozent.

Ein Grund: Viele der Befragten mussten feststellen, dass die Gefahr real ist. Ein anderer: die anhaltenden Aufklärungsbemühungen. Und eines haben Anhänger von Verschwörungen gemein: Sie beziehen ihre Informationen aus den sozialen Medien.

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