„Wir raten Immobilieninteressierten zu einem Kassensturz“

Stefan Terliesner Berater Sachwerte Top News

Hohe Immobilienpreise, emporschnellende Baukosten und jetzt auch noch steigende Zinsen trüben das Umfeld für Kreditnehmer ein. Was es für derzeitige und künftige Bauherren zu beachten gilt, verrät Interhyp-Vorständin Mirjam Mohr im procontra-Interview.

Interhyp-Vorständin Mirjam Mohr. Bild: Interhyp/Fotograf: Andreas Pohlmann

Geht von steigenden Bau-Zinsen aus: Interhyp-Vorständin Mirjam Mohr. Bild: Interhyp/Fotograf: Andreas Pohlmann

procontra: Wird es immer schwieriger sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen?  

Mirjam Mohr: Die Zinsen liegen heute bei rund einem Prozent für zehnjährige Darlehen. Das ist im historischen Vergleich noch immer sehr niedrig. Vor zehn Jahren lagen die Konditionen bei mehr als dem Dreifachen der heutigen Niveaus. Insofern ist die Finanzierung sehr günstig. Allerdings sind die Immobilienpreise in den letzten zehn Jahren sehr stark gestiegen, in 2020 und 2021 noch einmal besonders deutlich. Dazu hat auch die Corona-Krise beigetragen. Das eigene Zuhause als Ort der Sicherheit ist stärker in den Fokus geraten, zum Beispiel auch, weil das Home-Office an Bedeutung gewonnen hat. Das hat die Nachfrage nach Immobilien zusätzlich angeheizt. Die gestiegenen Baukosten haben ihr übriges beigesteuert, sodass Immobilienkäufer zwar einerseits von niedrigen Zinsen profitieren, dies aber hohen Preisen entgegensteht. Die positiven Zinseffekte wiegen für viele Menschen die Preissteigerungen nicht mehr auf. Vor allem der Eigenkapitaleinsatz, der für eine Finanzierung nötig ist, erschwert der Kauf.

procontra: Könnten Sie die Entwicklung bei den Preisen und Baukosten konkretisieren?  

Mohr: Einige Zahlen zeigen das sehr eindrucksvoll: Vor zehn Jahren lag der Durchschnittspreis für eine finanzierte Immobilie noch bei etwa 290.000 Euro inklusive Nebenkosten – heute sind es schon rund 490.000 Euro, also rund 200.000 Euro mehr. Allein in den letzten zwei Jahren sind die Preise pro Jahr etwa um 10 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr haben wir auch eine deutliche Steigerung der Baukosten gesehen. Gründe für die gestiegenen Kosten beim Bau sind auf der einen Seite die Lieferengpässe aufgrund der Corona-Pandemie, daneben aber auch die Inflation und die in 2020 abgesenkte Mehrwertsteuer. Eine kürzlich von uns durchgeführte Umfrage unter Bauleuten, die im vergangenen Jahr über uns finanziert hatten, zeigt, dass mehr als zwei Drittel die Kostenexplosion beim Bau stark oder sogar sehr stark spüren. Viele berichten von einem signifikanten Anstieg der Kosten: Für fast ein Drittel haben sich die Kosten um weniger als 10 Prozent verteuert, für über 40 Prozent um zehn bis 20 Prozent, für ein Fünftel um 20 bis 40 Prozent und für fünf Prozent der Umfrageteilnehmer sogar um mehr als 40 Prozent. Diese Kostensteigerungen werden von unseren Baufrauen und Bauherren als sehr belastend empfunden. Die stärksten Anstiege beziehungsweise Lieferverzögerungen haben wir übrigens bei Holz gesehen. Bei Glas oder Dämmmaterial waren die Wartezeiten oder Kostenanstiege zwar auch vorhanden, aber nicht so eklatant spürbar.  

procontra: Welche Regionen sind davon besonders betroffen?  

Mohr: Wir können vor allem die Gesamtpreise auf Basis der Städte und Bundesländer mit unseren Daten betrachten. Wir sehen hohe Kauf- und Baupreise vor allem in den Metropolen und in ihrem Umland. Besonders hohe Preise finden sich in und um München, aber auch in Hamburg, Frankfurt und Stuttgart. Betrachten wir die Bundesländer, so sind Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, aber auch Berlin – und eben Hamburg – besonders teuer, was die Preise für den Bau oder Kauf betrifft.  

procontra: Bleiben wenigstens die Zinsen niedrig?  

Mohr: Wenn wir auf die Zinspolitik, Inflation und Konjunkturentwicklung schauen, so gehen wir davon aus, dass die Entwicklungen in 2022 einen weiteren Zinsanstieg bei Immobiliendarlehen wahrscheinlich machen. Wir rechnen nicht mit sehr großen Zinssprüngen innerhalb kurzer Zeit. Wir erwarten einen leichten, aber merklichen Anstieg der Bauzinsen im Bereich mehrerer Zehntelprozentpunkte. Das prognostizieren zu Jahresbeginn auch alle von uns befragten Banken im monatlichen Bauzins-Trendbarometer, das wir für unseren monatlichen Zinsbericht erheben.  

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