Wie nachhaltig ist die deutsche Versicherungswirtschaft?

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

Deutsche Unternehmen sind im Umbruch: Sie müssen ihr Handeln schrittweise entlang der ESG-Kriterien ausrichten. Viele fürchten die damit verbundenen Risiken – in Bezug auf Investitionen und Anlagen, aber auch mit Blick auf den eigenen Ruf.

Wie nachhaltig ist die deutsche Versicherungswirtschaft? Bild: Adobe Stock/Fokussiert

Die Versicherer hierzulande haben die Nachhaltigkeitsrisiken auf dem Schirm - aber das allein genügt nicht. Bild: Adobe Stock/Fokussiert

„Nachhaltigkeit ist eines der großen Themen unserer Zeit – auch für Versicherer“, wird Frank Grund, BaFin-Exekutivdirektor für Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht im BaFin-Journal zitiert. Doch: Er untertreibt. Es ist das größte Thema unserer Zeit. Schließlich hat nachhaltiges Wirtschaften unmittelbaren Einfluss auf den Klimawandel. Und wenn der Klimawandel – samt seiner gegenwärtigen und den bereits absehbaren Folgen – nicht aufgehalten wird, bedroht er nicht nur die Ökonomie, sondern die Lebensgrundlage aller.

Der Klimawandel ist laut aktuellem Allianz Risk Barometer sogar der „größte Aufsteiger“ im jährlich erhobenen Risiko-Ranking:  21 Prozent der befragten Geschäftsführer, Risikomanager, Makler und Versicherungsexperten halten ihn damit für ein größeres Risiko als den Ausbruch einer Pademie, Markveränderungen oder makroökonomische Entwicklungen.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass Unternehmenslenker das Thema nach oben auf die Agenda setzen – entsprechend erfreulich ist, dass Nachhaltigkeit von den Versicherern ernst genommen wird. Bei mittlerweile rund 92 Prozent der Versicherer und Pensionsfonds ist bereits die gesamte Geschäftsleitung und nicht nur einzelne Vorstandsressorts für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken verantwortlich. Das ist das Ergebnis einer aktuellen BaFin-Umfrage unter 260 Versicherungsunternehmen und Pensionsfonds.

Die Finanzdienstleistungsbehörde wollte wissen, wie Versicherer und Pensionsfonds mit den sogenannten Nachhaltigkeitsrisiken umgehen. Schließlich müssen sich Unternehmen immer mehr entlang der sogenannten ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) ausrichten und Auswirkungen auf Kapitalanlage, Risikozeichnung, aber auch die eigene Reputation im Blick behalten.  

Die Sorge um den guten Ruf

Insgesamt fällt das Ergebnis der Umfrage positiv aus: Demnach berücksichtige der weit überwiegende Teil der Befragten sämtliche ESG-Aspekte, also sowohl physische wie auch transitorische Klimarisiken, wie beispielsweise die Verknappung und Verteuerung fossiler Energieträger, soziale Faktoren und solche, die die Unternehmensführung betreffen.

Der großen Mehrheit, nämlich 98 Prozent der Unternehmen, geht es dabei zum einen darum, Nachhaltigkeitsrisiken zu erkennen und weiter im Blick zu behalten. Ähnlich wichtig ist es ihnen aber auch, Reputationsschäden zu vermeiden. 96 Prozent der Befragten begründeten damit ihr Nachhaltigkeitsstreben.

Positiv hob die BaFin hervor, dass viele Versicherer beim Thema Nachhaltigkeit nicht nur die Risiken, sondern auch potenzielle Möglichkeiten sehen: Drei Viertel der befragten Versicherer und Pensionsfonds (75 Prozent) wollen die Chancen, die sich aus dem Übergang hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft ergeben, gezielt nutzen.

Die Mehrheit der Umfrageteilnehmer ist sich dabei einig, dass die sogenannten Nachhaltigkeitsrisiken grundsätzlich alle Risikokategorien beeinflussen: 93 Prozent sehen Folgen für das Markt- beziehungsweise Anlagerisiko, während 88 Prozent die Gefahr einer Rufschädigung in Betracht ziehen – wobei nur knapp die Hälfte der Befragten wirklich wesentliche Auswirkungen auf Markt- und Reputationsrisiko fürchten.

In puncto Auswirkungen der Nachhaltigkeitsrisiken auf bestimmte Geschäftsfelder sieht das Gros der Umfrageteilnehmer (89 Prozent) die Kapitalanlage im Fokus. Vor allem Auswirkungen der Klimarisiken sorgen die Unternehmen, noch mehr als soziale und die Unternehmen selbst betreffende Risiken. Erstaunlicherweise rechnen nur wenige Versicherer mit Auswirkungen auf die Produkt- und Zeichnungspolitik.

Too little, too late?

Trotz der ganz offensichtlich recht ausgeprägten Sorge um die Risiken, die eine Umstellung hin zum nachhaltigen Wirtschaften nach sich ziehen könnte, hat bisher nur etwa die Hälfte der befragten Unternehmen ihre Geschäfts- und Risikostrategien hinsichtlich der Nachhaltigkeitsrisiken überprüft und angepasst.

Viele Unternehmen haben, nach eigener Auskunft, sogar gerade erst mit der Umstellung begonnen beziehungsweise setzen die dafür notwendigen Projekte derzeit erst um: 46 Prozent geben an, eine eigene Geschäftsstrategie für Nachhaltigkeitsrisiken entwickelt oder eine bestehende Strategie entsprechend angepasst zu haben.

Die Hälfte der Unternehmen beginnt im Zuge dessen, wenig überraschend, zuerst mit der Festlegung von spezifischen Nachhaltigkeitszielen beziehungsweise richtet die Geschäftstätigkeiten im Sinne eines „Alignments“ entlang politischer Zielsetzungen aus. So orientieren sich Unternehmen zum Beispiel an den Zielen des Pariser Klimaabkommens und planen dementsprechend ihre Treibhausgasemissionen beispielsweise in der Warenproduktion zu minimieren.

Dass Unternehmen sich gänzlich von bestimmten Geschäftsfeldern verabschieden, um den Nachhaltigkeitsrisiken beizukommen, ist mit einer Zustimmung von nur 16 Prozent eher die Ausnahme. Eine Einschränkung von Geschäftsfeldern sehen allerdings immerhin knapp ein Drittel (30 Prozent) vor.

Unternehmen nehmen zu selten Stresstests vor

Obwohl die Unternehmen hierzulande insgesamt also sehr wohl die Schwierigkeiten, die der grundlegende Wandel aller Industriezweige mit sich bringen wird, auf dem Schirm haben, setzen sie erstaunlich selten nachhaltigkeitsbezogene Stresstests und Szenario-Analysen ein, moniert die BaFin.

Demnach geben nur knapp ein Viertel der Befragten an, entsprechende Stresstests bereits durchzuführen. 72 Prozent der befragten Versicherer und Pensionsfonds haben indes noch keine Tests durchgeführt, 44 Prozent bereiten immerhin welche vor. Hier sieht die BaFin dringenden Nachholbedarf, da die sie klimawandelbezogene Szenarioanalysen im Rahmen des sogenannten ORSA, dem Own Risk and Solvency Assessment, von Versicherern schon in diesem Jahr erwartet. Und zwar von jenen, für die die Solvency II Richtlinie gilt.

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