Was Deutschland von anderen Rentensystemen lernen kann

Hannah Petersohn Berater Investmentfonds Versicherungen Top News

Das deutsche Rentensystem muss dringend reformiert werden. Ein Blick über den Tellerrand kann bei der Lösungssuche helfen. Was konkret machen Länder wie Schweden oder die Niederlande anders? Und was müssen Politiker dringend verändern?

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Sollte sich Deutschland an skandinavischen Rentenmodellen orientieren? Bild: Adobe Stock/Jürgen Fälchle

Die Ambitionen der Ampel-Parteien in Bezug auf das Rentensystem sind groß: „Wir halten das Rentenniveau stabil, erweitern die gesetzliche Rentenversicherung um eine teilweise Kapitaldeckung und werden das System der privaten Altersvorsorge grundlegend reformieren“, heißt es vollmundig im Koalitionsvertrag. Doch zum einen ist das Thema nicht neu: Dem Passus gehen bereits jahrzehntelange Diskussionen und unzählige Rentenreformen voraus.

Die Warnungen von Experten, dass unser Rentensystem in seiner jetzigen Form den Entwicklungen nicht standhalten wird, Stichwort: Niedrigzins und demografischer Wandel, sind nicht neu. Und zum anderen ist die berechtigte Frage: Sind die Politiker dieses Landes dazu überhaupt in der Lage? Verfügen sie über das nötige Finanzwissen, um dringend notwendige Reformen zu entwickeln und klug durchzusetzen?

„Unsere verantwortlichen Politiker haben in Bezug auf ihre Finanzbildung einen hohen Weiterbildungsbedarf“, sagt Alexander Leisten, Deutschlandchef des Vermögensverwalters Fidelity International. Schweden, das gerne als Vorbild beim Thema Rentensystem herangezogen wird, trumpfe im Gegensatz dazu mit „hochprofessionellen Anlegern, die auch ein Verständnis für Finanzkrisen haben“ auf. Der Weg zu einem solchen Grad der Professionalisierung sei weit, so der Anlageexperte in einer Diskussionsrunde des Deutschen Instituts für Altersvorsorge.

Ein Blick über die Grenze kann sich hinsichtlich der Frage, wie ein zukünftiges deutsches Rentenmodell aussehen soll, lohnen. Das Beratungsunternehmen Mercer bewertet alljährlich die Altersvorsorgesysteme der verschiedenen Staaten – Deutschland liegt dabei nur im Mittelfeld, während Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden innerhalb der ersten zehn Plätzen rangieren.

Das „nordische Modell“ gibt es nicht

In Schweden verfügt jeder Mensch über eine Art Sparkonto, in das automatisch 2,5 Prozent des Bruttolohns fließt. Dieses Geld wird dann in Fonds, die jeder nach seinen Präferenzen frei wählen kann, eingezahlt. „Eine Agentur gibt die Zahlungen weiter an Investmentgesellschaften, die diesen Batzen Geld anlegen“, erklärt Tabea Bucher-Koenen, Professorin am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung der Universität Mannheim. Dann wird das Geld wieder an die Agentur ausgezahlt, die es wiederum an die Menschen überweist. „Alles wird zentral geregelt, dadurch werden die Kosten massiv gesenkt. Es gibt keine Einzelverträge mit Versicherungsunternehmen oder Fondsgesellschaften“, so Bucher-Koenen.

Diese Form der verpflichtenden Altersvorsorge wurde 2000/2001 eingeführt, damals wählten nur 30 Prozent der Einzahlenden den sogenannten Standardfonds, die anderen präferierten aktiv gemanagte Anlagen. Das habe sich komplett gewandelt: Die neu dazukommenden Einzahlungsberechtigten investieren zu über 90 Prozent in den sogenannten „AP7 Fonds“, der nicht nur sicherer ist, sondern auch seine Renditetauglichkeit bewiesen habe. Maximal fünf verschiedene Fonds dürfen ausgewählt werden, über 800 Fonds stehen zur Auswahl. Das klingt alles nahezu simpel, noch dazu verspricht die zentrale Steuerung Sicherheit und wenig Mühen seitens der Bürger. Aber taugt das System auch für Deutschland?

Einzelne Elemente auswählen und auf den Prüfstand stellen

„Oft heißt es: Lasst es uns genauso machen wie in Skandinavien. Aber die Systeme unterscheiden sich fundamental voneinander“, sagt die Wissenschaftlerin Bucher-Koenen. Es gebe nicht das eine nordische System. In Dänemark gebe es beispielsweise eben kein beitragsfinanziertes Rentensystem, sondern eine steuerfinanzierte Grundrente und ein starkes verpflichtendes betriebliches Rentensystem. „Das ist grundlegend anders als das schwedische Modell.“

Die Expertin rät, einzelne Elemente auszuwählen und zu überprüfen, was Deutschland dadurch lernen könne. Im Mercer-Report belegen die Niederlande den zweiten Platz. Dort gibt es einen sogenannten Lebenszyklusfonds, das heißt, die Niederländer investieren nicht ihr Leben lang in Aktien. Die Quote wird mit nahendem Renteneintrittsalter schrittweise zurückgestellt. Das hat auch seine Berechtigung: Im jungen Alter ist eine Finanzkrise noch verschmerzbar, beim Renteneintritt sollte man dann seine Schäfchen im Trockenen wissen. „Festverzinsliche Wertpapiere nehmen mit dem Alter zu. Je jünger, desto riskanter“, so Bucher-Koenen.

Niederlande: top oder flop?

Udo Müller, Principal bei der Unternehmensberatung Mercer Deutschland lobt den niederländischen Weg, schließlich ist das Land bekannt für seine hohe Quote im Bereich der betrieblichen Altersversorgung: „Jeder ist versorgt, sie haben eine enorme bAV-Durchdringung und das Versorgungsniveau liegt zwischen 90 und 100 Prozent. Da liegen wir in Deutschland deutlich darunter“, moniert der Unternehmensberater.

Allerdings ist nicht alles rosig im Nachbarland: So wird auch dort der Ruf nach Reformen immer lauter. Die Rentenfonds mit ihren Beitragszusagen sind vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der anhaltenden Niedrigzinsphase in eine Schieflage geraten. „Das hat die Rentenfonds in massive Schwierigkeiten gebracht“, sagt die Expertin Bucher-Koenen. Manche mussten ihre Beitragszusagen sogar anpassen. Der Mercer-Report sehe das Land in einem positiveren Licht als die Niederländer selbst.

Aber eines könne Deutschland vom Nachbarland lernen, sind sich Bucher-Koenen und Müller einig: Das Renteneintrittsalter werde automatisch an die Lebenserwartung angepasst. „Deswegen stehen sie im Rating auch besser da“, sagt Müller. „Es gibt gar keine Diskussionen mehr, es ist einfach Fakt: Wenn die Lebenserwartung steigt, steigt das Renteneintrittsalter.“ Eine Diskussion, die auch hierzulande immer wieder geführt wird und in der leicht vergessen wird: Viele Berufe eignen sich nicht für Arbeitnehmer jenseits der 65-Jahre.

Ein Praktikum für Politiker?

Und ist es überhaupt sinnvoll, keine Diskussionen mehr zuzulassen, sondern einfach zu beschließen? Zunächst einmal muss es überhaupt eine offen geführte Debatte darüber gehen, dass die Rente zur Finanzierung des Lebensabends eben nicht mehr reichen wird, mahnt der Deutschlandchef von Fidelity International Alexander Leisten. „Wir müssen den Menschen die Rentenlücke bewusst machen und ihnen die richtigen Instrumente an die Hand geben, damit sie beherrschbar wird. Wir müssen in Finanzbildung unseres Landes investieren, da sind wir noch ein Entwicklungsland, das muss man so deutlich sagen.“

Er sieht die Politik an vorderster Front, wenn es darum geht notwendige Entwicklungen anzustoßen. Doch was konkret kann gegen das fehlende Finanz- und Anlagewissen bei den Lenkern dieses Landes getan werden? „Ich würde Politikern empfehlen ein Praktikum (in Ländern wie Schweden oder den Niederlanden, Anm. d. Red.) zu machen", rät Anlageexperte Leisten.

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