Schadenfall der Woche: Da ist der Wurm drin

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Panorama

Das Gerücht, ein Entwurmungsmittel könnte bei der Behandlung schwerer Corona-Verläufe helfen, machte im vergangenen Jahr die Runde. Trotz fehlender Wirksamkeit und Vergiftungsgefahr übernehmen in den USA nun einige Krankenkassen die Kosten.

Schadenfall der Woche: Da ist der Wurm drin Bild: procontra

Manche US-amerikanische Krankenkassen zahlen ihren Versicherten ein Wurmmittel für die Behandlung einer Corona-Infektion - trotz fehlender Wirksamkeit. Die Folge: Immer mehr Menschen mussten die Giftnotrufzentrale kontaktieren. Bild: procontra

Es klang von Anfang an wie ein Aprilscherz: Ein Medikament, das ursprünglich Pferde oder Rinder von lästigem Wurmbefall befreien sollte, wird zur Behandlung einer Corona-Infektion eingesetzt. Besonders bei Impfskeptikern galt das unter dem Namen Ivermectin vertriebene Medikament schnell als Wundermittelchen. Ende vergangenen Jahres war es in österreichischen Apotheken sogar ausverkauft, nachdem es durch den Chef der rechten FPÖ, Herbert Kickl, angepriesen worden war. Kickl selbst nannte das Ganze den „Plan B“ im Kampf gegen Sars-Cov2 und gab sich überzeugt: Die frühzeitige Behandlung einer Infektion sei allemal besser als die Impfung.

Doch nicht nur im deutschsprachigen Raum tummeln sich derlei absurde Behandlungsphantasien, auch in den USA griffen immer mehr Corona-Patienten zu Ivermectin. Die dortige Arzneimittelbehörde FDA sah sich schließlich sogar gezwungen via Twitter die Bürger daran zu erinnern: „Du bist kein Pferd. Du bist keine Kuh. Ernsthaft. Hör auf.“

Ganz offensichtlich verhallte die flehentliche Bitte: Im vergangenen Jahr haben, nach einem Bericht des Nachrichtenportals t-online, US-Krankenkassen ihren Versicherten umgerechnet 114 Millionen Euro für die Selbstmedikation erstattet. Das haben Forscher der Universität Michigan berechnet, wobei sie keinen Zugriff auf die Daten des staatlichen Versicherungssystems hatten – die tatsächlichen Kosten dürften demnach noch höher ausfallen.

Mehr Anrufe bei den Giftnotzentralen

„Manche Leute werden so erst ermutigt, sich mit Ivermectin selbst zu behandeln, anstatt auf geprüfte Medikamente oder die Impfung zu setzen“, warnen die Forschenden. Fazit der Wissenschaftler: Insgesamt dürfte dieses „Entgegenkommen“ seitens der Versicherer die Kosten durch die Pandemie weiter ansteigen lassen. Dass die Selbst-Behandlung mit einem Pferdewurmkurmittel nicht allein albern klingt und unwirksam ist, sondern noch dazu äußerst gefährlich wurde schnell deutlich: Die US-Gesundheitsbehörde CDC meldete immer mehr Anrufe bei den Giftnotzentralen nach Einnahme von Ivermectin. Wurden vor der Pandemie noch knapp 4.000 Rezepte pro Woche für das Mittel ausgestellt, waren es im vergangenen Sommer 90.000.

Auch Thomas Veitschegger, Präsident der Oberösterreichischen Apothekerkammer, berichtete bereits von Vergiftungen: „Viele Leute nehmen das Medikament völlig falsch ein. Sie nehmen die weitaus höhere Dosis, die eigentlich für Pferde gedacht ist“, so Veitschegger gegenüber tagesschau.de.

Studienlage: mittlerweile eindeutig

Aber wie kam das Gerücht, ein Entwurmungsmittel könnte bei einer Corona-Infektion überhaupt helfen, in die Welt? Es gab tatsächlich Studien, wonach Ivermectin das Virus daran hindern könnte, sich weiter zu vervielfältigen. Doch das klappte gemäß besagter Laborstudien nur mit einer sehr hohen Dosierung.

Und: Eine Analyse von über einem Dutzend Studien konnte die Wirksamkeit gar nicht belegen, weswegen davon generell abgeraten wird. Das Mittel soll bei Menschen nur im Falle eines Befalls mit bestimmten Fadenwürmern, Krätzemilben oder Hautkrankheiten wie Rosazea eingesetzt werden – natürlich mit einer deutlich geringeren Dosis als für Pferde oder Kühe.

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