Schadenfall der Woche: Auf dem Stuhl von Jan Marsalek

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Panorama

Ein Online-Auktionshaus versteigert das Büro-Inventar der Wirecard AG. Die Schnäppchenjagd auf Zimmerpflanze, Drehstuhl oder Rollcontainer aus dem Hause des einstigen Zahlungsabwicklers ist eröffnet. Devotionalien from Hell oder historische Zeitdokumente mit Echtheitszertifikat?

Schadenfall der Woche: Auf dem Stuhl von Jan Marsalek Bild: procontra

Wer schon einmal auf dem Stuhl eines weltweit gesuchten Betrügers sitzen wollten, kann sich diesen Wunsch nun erfüllen: Das Büroinventar der Wirecard AG kommt unter den Hammer. Bild: procontra

Bekannte Firmenpleiten folgen stets einer bestimmten Choreografie: Im Vorfeld brodeln – medial begleitet – die Gerüchte über eine drohende Zahlungsunfähigkeit, auf dem Fuße folgt die Pleite, die nahezu in Echtzeit öffentlich wird, betroffene Mitarbeiter und geprellte Anleger äußern sich enttäuscht – bisweilen verzweifelt, ein Insolvenzverwalter tritt auf den Plan und wickelt ab.

Nicht unbedingt neu, aber von besonderem Unterhaltungswert sind dann die mit einem gewissen zeitlichen Abstand folgenden Versteigerungen des Firmeninventars. So kamen 2018 die Devotionalien des Fluggesellschaft Air Berlin unter den Hammer: Von Trolleys, über Sitze, Geschirr, Steppdecken bis hin zu Schokoherzen war alles dabei.

Jetzt ist es wieder so weit: Auf eine der bekanntesten Firmenpleiten folgt die Aushöhlung des realen Kerngeschäfts. Das Online-Aktionshaus Hämmerle versteigert das Möbelinventar der Skandalfirma Wirecard. Der Zahlungsabwickler wird abgewickelt. Insgesamt 405 Positionen werden da angeboten. Eine Position, quasi eine Art Verkaufspaket, kann schon mal aus einem „Besucherwürfel, Stoff rot, 1 Grünpflanze, Hydrokultur im Kunststoffbehälter grau, 1 Magnetplantafel“ bestehen. Das aktuelle Gebot für besagte Zusammenstellung liegt bei 40 Euro.

"Grünpflanze, 1 Stück Grünpflanze, Hydrosystem, im Kunststoffbehälter grau", Bild: Hämmerle

Voyeure des größten Bilanzskandals

Wer sich durch die Liste der dargebotenen Leftovers scrollt, fühlt sich wie eine Katastrophentouristin auf der Jagd nach dem besten Schnäppchen mit Skandal-Garantie. Wer wollte nicht schon immer auf der nächsten Geburtstagssause mit einer Grünpflanze aus dem Hause Marsalek und Braun auftrumpfen? „Garantiert krisenfest, haha.“ Oder mal am Wirecard-„Besprechungstisch vitra“ (inklusive Grünpflanze mit Kunststoffbehälter schwarz, aktuelles Gebot: 320 Euro) auf dem Bürodrehstuhl eines weltweit gesuchten mutmaßlichen Betrügers sitzen und nach vor und hinten wippen?

„Büroausstattung sedus, weiß, bestehend aus: 2 Schreibtische/Arbeitstische mit manueller Höhenverstellung, 2 Unterstellrollcontainer, 2 Bürodrehstühle, Sitzfläche Stoffbezug schwarz, Rückenteil Netzbezug schwarz, mit Armlehne (...)“, Bild: Hämmerle

Lust auf einen Cappuccino aus der Kaffeemaschine NESPRESSO GEMINI 220 (aktuelles Gebot: 280 Euro), den Wohnzimmerhintergrund verziert dabei eine abstrakte Wandcollage, Mindestpreis: 30 Euro, aktuelles Gebot: 150 Euro?

„Kaffeemaschine NESPRESSO GEMINI 220, 1 Stück Kaffeemaschine NESPRESSO GEMINI 220, incl. Zubehör“, Bild: Hämmerle

Wer sich schon immer mal gefragt hat, wie Marsalek und Co dem Druck, die eine Vertuschungsaktion in diesem epischen Ausmaß mit sich bringt, standhalten könnten, ahnt: Die Fitnessmatten, „20 Stück, unterschiedliche Ausführungen, 30 Rollen, rot und rot/braun“ (aktuelles Gebot: 60 Euro), die Nautilus Kraftstation NS4000 (800 Euro), das Spinningrad SCHWINN (160 Euro) oder der „Shiatsu-Massagesessel relaxTower mit Gravity Plus“ (1.500 Euro) könnten beim Stressabbau geholfen haben.

Objekte von beeindruckter Graumausigkeit

Die angebotenen Objekte sind in ihrer grauen, unscheinbaren Gesichtslosigkeit seltsame Vertreter des größten Betrugsskandals in der Geschichte Deutschlands, der unzählige Anleger um ihre Altersvorsorge brachte. Aktionäre und Gläubiger warten, wahrscheinlich vergeblich, auf ihre Entschädigungen in Milliardenhöhe.

Aber vielleicht sind sie genau die passenden Insignien, passend zu den Veruntreuungen und Schattenstrukturen – auffallend unauffällig. Das Böse im Mäntelchen des vermeintlich Harmlosen. Es liegt in der Natur des Menschen Gegenstände nach einer gewissen Zeit zu beseelen: So gibt schon einmal der Laptop den Geist auf oder das Handy spinnt. „Wir haben grundsätzlich das Bestreben, Dinge in unserer Umwelt mit menschlichen Eigenschaften auszustatten, sie zu anthropomophisieren. Das ist der gewöhnliche Umgang miteinander und wir übertragen den auch auf Dinge“, erklärte Karl-Heinz Kohl, Professor für Ethnologie in Frankfurt/am Main gegenüber des Mitteldeutschen Rundfunks.

In diesem Sinne umweht Marsaleks Büroaustattung eine zweifelhafte Aura. Zumal die Negativschlagzeilen für die Anleger nicht abreißen. Das Landgericht Frankfurt entschied kürzlich: Die BaFin, die in der Vergangenheit durchaus auch als verlängerter Arm Wirecards wahrgenommen wurde, muss Anleger nicht entschädigen. Anleger werfen der Finanzaufsichtsbehörde vor, sie habe die Marktmanipulationen von Wirecard nicht verhindert und sei Gesetzesverstößen nicht ausreichend nachgegangen. Das Landgericht argumentierte hingegen, dass die BaFin ihre Aufgaben ausschließlich im öffentlichen Interesse wahrnehme, nicht im Interesse privater Investoren. Inwiefern die BaFin hingegen Interesse an dem Büroinventar der abgewickelten Skandalfirma hat, ist nicht bekannt.

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