pro/contra: Grünes Label für Atom- und Gaskraft?

Hannah Petersohn Martin Thaler Berater Panorama Top News Investmentfonds

Die EU plant, Investitionen in Atom- und Gaskraft künftig als nachhaltig zu klassifizieren. Der Vorstoß aus Brüssel sorgt für hitzige Debatten, Politiker schäumen, erste Länder drohen mit einer Klage. Welche Argumente sprechen dafür und welche dagegen?

pro/contra: Grünes Label für Atom- und Gaskraft? Bild: procontra

Welche Argumente sprechen für und welche gegen das Vorhaben der EU, Atom- ud Gaskraft als ökologisch nachhaltig einzustufen? Die Frage mit einigem Sprengstoff debattieren procontra-Chefredakteur Martin Thaler und leitende procontra-Redakteurin Hannah Petersohn. Bild: procontra

Für den EU-Entwurf argumentiert:
Martin Thaler, Chefredakteur, procontra-online

Nuklearenergie und Gas sind nachhaltig? Eine abenteuerliche Argumentation, oder? Eine Technologie, bei der immer noch – in keinem Land dieser Welt übrigens – geklärt ist, wie und wo der radioaktive Abfall über Jahrhunderte gelagert werden soll, ist sicherlich genauso wenig nachhaltig wie eine Technologie, bei der im Durchschnitt pro Gigawattstunde Strom 490 Tonnen CO2-Äquivalent emittiert werden – zum Vergleich: Bei Windenergie sind es lediglich 4 Tonnen.

Und doch kann die Entscheidung der EU-Kommission, Investitionen in Atom- und Gaskraftwerke als nachhaltig einzustufen, Sinn ergeben.

Beginnen wir mit der Atomenergie. Laut Europäischer Union ist es das Ziel der EU-Taxonomie, finanzielle Mittel zu mobilisieren, um in den nächsten 30 Jahren Klimaneutralität in Europa zu erreichen.

Zeit ist der entscheidende Faktor

Das Ziel unterstreicht: Zeit ist bei der Eindämmung des Klimawandels ein entscheidender Faktor. Bereits 2030 könnte laut des aktuellen Berichts des Weltklimarates IPCC das politisch vereinbarte 1,5-Grad-Ziel erreicht sein. Mit jedem Zehntel-Grad, um das die Temperatur steigt, wächst auch das Risiko, dass einer der sogenannten Kipp-Punkte erreicht wird – also jene kritischen Momente (o.Ä.), durch die der Klimawandel noch einmal deutlich beschleunigt werden würde. Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung greift zur Verdeutlichung gerne zur folgenden Metapher: Schiebt man eine Kaffeetasse über den Schreibtischrand passiert erst nichts, bis sie einen kritischen Punkt erreicht, an dem sie kippt und abstürzt.

Diese kritischen Punkte gilt es folglich zu vermeiden – das beste Rezept hierfür: Den CO2-Ausstoß möglichst schnell senken. Leider verschlingt der Bau insbesondere von Windenergieanlagen viel Zeit – zu viel Zeit. Laut Bundesverband Windenergie dauert der Prozess der Planung und Genehmigung neuer Windkraftanlagen durchschnittlich vier bis fünf Jahre. Zwar will die Ampel-Koalition hier aufs Tempo drücken, doch bleibt abzuwarten, wie erfolgreich sie bei diesem Vorhaben sein wird.

CO2-arme Nuklearenergie darum als zeitlich befristete Brückentechnologie zu verstehen und entsprechend als nachhaltig zu kennzeichnen, mag eine schwer zu schluckende Kröte sein – doch leider klingen die anderen Menüs auf der Speisekarte noch weniger appetitlich.

Neue Technologien bei Gaskraftwerken

Kommen wir zum Thema Gas. Hier sieht der aktuelle Entwurf der EU-Kommission deutlich verschärfte Kriterien für Gaskraftwerke in den kommenden Jahren vor, sofern sie als nachhaltig eingestuft werden wollen. Ab 2030 soll der CO2-Ausstoß auf 100 CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde limitiert sein – weit weniger, als moderne Kraftwerke heute ausstoßen. Laut Experten wird das nur durch die Einbeziehung grünen Wasserstoffs möglich sein: Grüner Strom wird in Wasserstoff-Gas verwandelt, der bei Bedarf – beispielsweise einer Windflaute – wieder in Strom verwandelt wird. H2-Ready-Gaskraftwerke heißt diese Technologie, die für die Sicherstellung der Stromversorgung in Deutschland eine entscheidende Rolle spielen dürfte.

Sollten diese Argumente Sie und Ihre Kunden dennoch nicht überzeugen, wird es auch in Zukunft ETFs oder Fonds geben, die trotz Nachhaltigkeits-Zertifizierung auf Gas- und Atomenergieinvestitionen verzichten werden. Hier bedarf es folglich eines genauen Blicks beziehungsweise einer zielgerichteten Beratung, um diese Produkte für den Kunden zu identifizieren.

Seite 1: Atomkraft nutzen, um Klimaziel zu erreichen
Seite 2: Klimaschutz und Glaubwürdigkeit
stehen auf dem Spiel