Nachhaltige Altersvorsorge: 50 Shades of Green

Hannah Petersohn Versicherungen Berater

Die Diskussionen um den jüngsten Vorstoß aus Brüssel, auch Atom- und Gaskraft als nachhaltig zu klassifizieren, bleiben hitzig. Welchen Effekt hat die Debatte auf den Vertrieb von grünen Investments? Und wie hoch ist überhaupt die Nachfrage auf Kundenseite?

Bild: picture alliance/dpa/Arne Dedert

Umweltaktivisten demonstrieren in der Frankfurter Innenstadt gegen den Vorstoß der EU, auch Atom- und Gaskraft als nachhaltige Energieerzeugung zu klassifizieren. Bild: picture alliance/dpa/Arne Dedert

Das neue Jahr wurde mit einem Paukenschlag in Sachen Nachhaltigkeit eingeläutet: Demnach plant die EU unter Federführung der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Investitionen in Atomkraft und Erdgas als nachhaltig einzustufen. Die Mitgliedstaaten können den entsprechenden Rechtsakt-Entwurf noch bis zum 21. Januar kommentieren. Ursprünglich war der 12. Januar als Stichtag vorgesehen.

Wird der Vorschlag tatsächlich in die Realität umgesetzt, wovon Brancheninsider wie Wissenschaftler gleichermaßen hinter vorgehaltener Hand ausgehen, hätte das auch großen Einfluss auf den Arbeitsalltag von Anlageberatern. Denn sie müssen ab dem 2. August dieses Jahres die Nachhaltigkeitspräferenzen der Kunden abfragen, wenngleich sie ihre Kunden nicht für solcherlei Investments gewinnen müssen.

Aber sind nachhaltige Anlagen für Verbraucher überhaupt relevant? Ralf Berndt, Mitglied des Vorstands bei der Stuttgarter Lebensversicherung, beobachtet durchaus eine gestiegene Nachfrage nach grünen Investments – gerade beim Thema Altersvorsorge. „Umfragen belegen: Sechs von zehn Kunden sind grundsätzlich bereit, nachhaltig anzulegen. Da gibt es einen klaren Trend“, so Berndt auf einer digitalen Diskussionsveranstaltung zum Thema „Nachhaltigkeit in der Altersvorsorge“ der Versicherungsforen Leipzig. In den vergangenen fünf Jahren sei die Nachfrage nach nachhaltiger Altersvorsorge gesamtgesellschaftlich besonders stark gestiegen. Einst als Nischenprodukt verschrien, werden bereits 33 Prozent des Rentengeschäfts über nachhaltige Altersvorsorge bestritten, sagt der Vorstandsvorsitzende.

Größtes Manko: fehlendes Wissen auf Maklerseite

Ein Grund: die verpflichtende Nachhaltigkeitsberatung durch Makler, die aus Sicht Berndts den Run begünstigen, sowohl seitens der Vermittler als auch auf Kundenseite. Ein Problem dabei sei jedoch, dass es keine allgemein verbindliche Definition darüber gebe, was nun als wirklich „grün“ gilt. Den Vorstoß aus Brüssel, die Diskussion um die Taxonomie, bezeichnet Christian Klein, Professor für Sustainable Finance an der Universität Kassel, als „sehr, sehr traurig“. Zumal es ohnehin schon komplex sei, festzulegen, was als klimafreundlich gilt. Ist beispielsweise die Autoindustrie per se umweltschädlich oder sollte nicht gerade in diesen Bereich private Anleger investieren, um ihn auf den grünen Weg zu bringen?

Klein bringt noch eine andere Hürde bei der Etablierung nachhaltiger Anlagen ins Spiel: „Kunden wollen schon lange nachhaltig investieren, aber tun das nicht, weil ihnen die Berater nichts anbieten“, kritisiert der Experte. Aber warum ist das so? Klein habe in Gesprächen mit Maklern festgestellt, dass sie häufig Angst hätten, nicht versiert genug auf dem noch relativ jungen Terrain beraten zu können. „Die Gefahr, etwas Falsches zu verkaufen, ist groß. Da kommt dann wieder die Haftung ins Spiel.“ Viele Makler haben, so Klein, sogar die Sorge, der Kunde könnte mehr über das Thema wissen als sie selbst. Deswegen würden immer noch selten nachhaltige Produkte angeboten werden.

Um dieses Manko auszugleichen, bieten immer mehr Versicherer Weiterbildungen in puncto nachhaltige Altersvorsorgeprodukte an. Und diese werden deswegen aus Sicht des Wissenschaftlers auch immer stärker im Rahmen der Weiterbildungsverpflichtung von den Maklern nachgefragt.

Eine Frage der Generation

Allerdings gebe es noch eine weitere Herausforderung, die der Etablierung grüner Produkte in der Altersvorsorge im Wege stehen: das durchschnittliche Alter der Makler und damit verbunden die Gewohnheit stets nur bestimmte Produkte anzubieten. „Das ist ein Generationenthema“, resümiert Klein.

„Makler machen zum Teil seit Jahrzehnten nichts anders und bieten deswegen oft auch keine nachhaltigen Produkte an“, sagt auch Uwe Mahrt, Geschäftsführer Pangaea Life, einem Tochterunternehmen der Bayerischen, das sich dem Vertrieb nachhaltiger Angebote verschrieben hat. „Wir müssen den Makler noch ein bisschen Zeit lassen, aber die Anzahl der Fans erhöht sich täglich“, erklärt er.

Die Pangaea-Produkte würden bereits jetzt im Rendite-Ranking in Bezug auf das Gesamtunternehmen an zweiter Stelle stehen. Seit diesem Jahr können nun auch Kunden, die in die Rentenphase eintreten, weiter in die zuvor ausgewählten nachhaltigen Fonds investieren – oder in den konventionellen Deckungsstock wechseln, so wie es zuvor die einzige Option war. Allein die Wahl war den Kunden zuvor nicht freigestellt.

Ein Problem bestehe allerdings in der noch ungeklärten Besteuerung von investmentorientierten Renten. Die Vertragsanteilsbesteuerung galt bisher nur für den Kapitalstock. Wenn nun aber, so Mahrt, die Rendite nachhaltiger Produkte überdurchschnittlich hoch ausfällt, könnte das den Nachteil in der Besteuerung wieder ausgleichen. Immerhin einen Hoffnungsschimmer gibt es: „In der Vergangenheit haben nachhaltige Geldanalagen im Mittel mindestens so gut performt wie konventionelle Anlagen“, sagt Nachhaltigkeitsexperte Klein.

Unklare Definition weckt Begehrlichkeiten

„Nachhaltige Anlagen haben sogar eine hervorragende Performance“, sagt Björn Bohnhoff, Mitglied des Vorstands der Zurich Gruppe Deutschland. „Ich bin optimistisch, weil es durch die Regulatorien konventionelle Anlagen immer schwieriger haben werden. Nachhaltige Anlagen werden deswegen in Zukunft eine bessere Rendite einfahren als konventionelle Anlagen.“

Doch dazu muss man erst einmal festlegen, was überhaupt unter das Label „nachhaltig“ fällt. „Nachhaltigkeit ist ein extrem weiter Begriff, deswegen brauchen wir auch die Taxonomie“, sagt Zurich-Mann Bohnhoff. Die Taxonomie soll genau dieses Problem lösen und Verbrauchern wie auch Unternehmen und Vermittlern eine Orientierungshilfe an die Hand geben.

Wenn nun aber selbst Atomkraft als nachhaltig klassifiziert wird und damit konventionelle Energieerzeuger weiterhin subventioniert werden, ist die Frage, ob Anleger dann nicht müde abwinken, wenn frisch weitergebildete Makler ihnen grüne Investments präsentieren.

Nun hat der Vorstoß aus Brüssel auch in einer anderen Branche jenseits der Atom- und Gaskraftindustrie Begehrlichkeiten geweckt: Der Bundesverband der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie fordert, laut einem Bericht der ARD, nun ebenfalls, in die Taxonomie mit aufgenommen zu werden. Ein tollkühner, wenn nicht gar dreister Werbespruch ist dem Interessenverband bereits eingefallen: „Sicherheit ist die Mutter der Nachhaltigkeit“.

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