Lust auf Nachhaltigkeit? Wohl kaum!

Versicherungen Investmentfonds Gastkommentar von Martin Stenger

Die Entscheidung der EU-Kommission, Atomkraft als auch Gas als nachhaltig zu betrachten, sorgt für Diskussionsbedarf. Dass sich das Gezerre um die EU-Taxonomie schnell als Eigentor erweisen kann, beleuchtet Martin Stenger von der Investmentgesellschaft Franklin Templeton in seinem Gastkommentar.

Martin Stenger, Bild: Franklin Templeton Investments

Martin Stenger, Sales Director Business Development Insurance & Retirementbei Franklin Templeton Investments, Bild: Franklin Templeton Investments

„Wenn alles nachhaltig ist, dann ist am Ende nichts nachhaltig“, so kommentierte ein Beobachter das Brüsseler Hickhack um die EU-Taxonomie, also den Vorschlag der EU-Kommission, Atomenergie und Gas mit als nachhaltige Energieerzeugung zu klassifizieren. Das hat auch Auswirkungen auf die Altersvorsorgeberatung. Denn ab 2. August müssen Vorsorgeberater die Frage nach der Nachhaltigkeitspräferenz mit in das Beratungsgespräch aufnehmen, wenn sie MiFIDII-konform beraten wollen.

Dass Konflikte, wie diese nicht zu vermeiden waren, war klar. Denn die EU ist in Sachen Energieerzeugung traditionell gespaltener Auffassung. Französische Atomlobby gegen deutsch-russische Sonderinteressen um die Gaspipeline Nord Stream 2. Dass es eine EU-weite Regelung geben muss, zeigt schon die Tatsache, dass Stromnutzung und Risikobewertung längst grenzüberschreitend geworden sind.

„Konsum- und Marktabhängigkeit bedeutet nun auch wieder in neuer Weise Naturabhängigkeit“, wie der Soziologe Ulrich Beck in der „Risikogesellschaft“ schreibt. Energiebedarf – zumal ein ständig wachsender – stößt zunehmend an seine Grenzen. Dazu braucht es einen konkreten Energieplan, der festlegt, worin förderungsfähige Übergangslösungen bestehen und welche Energieträger sinnvoll gefördert werden können.

Denn bei all den Diskussionen um die EU-Taxonomie sollte nicht vergessen werden: Vorgeschrieben ist ab dem 2. August lediglich eine Präferenzabfrage. Den Beteiligten sollte klar sein, dass der Kunde auch einfach Nein sagen kann. Vor dem Hintergrund des derzeitigen Gezerres ist die Wahrscheinlichkeit zudem eher hoch, dass der Verbraucher bei dieser Frage entnervt abwinkt. Noch gibt es auf dem Markt genügend Altersvorsorgeprodukte, die nicht nachhaltig sind. Für die Nachhaltigkeitsbestrebungen wäre das allerdings ein Eigentor.

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