„Irgendwann kommt kein Berater mehr an ETF vorbei“

Investmentfonds Investment-Talk von Heike Gorres

Das Angebot an semi-transparenten aktiv gemanagten ETF wächst, insbesondere in den USA. Detlef Glow, Leiter des Researchs Europa, Naher Osten und Afrika des Finanzanalysehauses Refinitiv Lipper erwartet, dass solche ETF bald auch in Europa zugelassen werden und herkömmliche Investmentfonds mehr und mehr verdrängen.

Irgendwann kommt kein Berater mehr an ETFs vorbei Bild: AdobeStock/Andreas Prott

Werden herkömmliche Investmentfonds demnächst durch semi-transparente aktiv gemanagte ETF verdrängt? Bild: AdobeStock/Andreas Prott

procontra: Sie sagen, dass Anbieter von Investmentfonds dazu übergehen werden, aktiv gemanagte Produkte als ETF anzubieten. Die Regularien für ETF dürften auch in Europa dahingehend geändert werden, dass sogenannte semi-transparente ETF zugelassen werden. Aktiv gemanagte Portfolios kämen dann vor allem in dieser Form auf den Markt. Wie würden sich die Vorgaben für semi-transparente ETF von den bisherigen unterscheiden?

Detlef Glow: Der heutige ETF ist verpflichtet, täglich die Einzelanlagen zu berichten. Ein Investor kann also täglich alle Holdings in dem ETF einsehen. Was sich meiner Ansicht nach regulatorisch ändern wird, ist, dass die Berichts- beziehungsweise Transparenzpflichten von ETF an die von anderen Ucits-Fonds – also denen eines üblichen Investmentfonds – angepasst werden. Die Transparenz dieser aktiven ETF wäre dann deutlich niedriger als es jetzt bei den passiven Produkten der Fall ist.

procontra: Wie sähe dies konkret aus?

Glow: Heute sind Anbieter Ucits-regulierter Fonds dazu verpflichtet, in den Jahresberichten die einzelnen Fondsanlagen zu veröffentlichen. Viele Anbieter liefern darüber hinaus Halbjahresberichte mit den Angaben zu den einzelnen Assets im Fonds. Außerdem gibt es monatliche Übersichten, die zum Beispiel die zehn größten Einzelpositionen, die Gewichtung der Sektoren und ähnliches mehr enthalten. Diese Transparenz ist auf Ucits-Ebene gegeben. Diese Vorgaben dürften auf ETF übertragen werden, womit sie die gleichen Transparenzregeln hätten wie Investmentfonds.

Detlef Glow, Head of Lipper EMEA Research, Refinitiv, LSEG verfolgt und beschreibt seit vielen Jahren als neutraler Beobachter die Entwicklung in der Fonds- und Finanzbranche weltweit. Bild: Refinitiv Lipper, LSEG

procontra: Werden die bisherigen ETF aus Ihrer Sicht ihre Berichtspraxis dann ebenfalls umstellen?

Glow: Das denke ich nicht. Ein Grund hierfür ist die Preisbildung. Beim „Flash-Crash“ in den USA im Mai 2010 zum Beispiel haben die „herkömmlichen“ ETF gut funktioniert. Sie haben genau das gemacht, was sie sollten. Einige semi-transparente aktiv gemanagte ETF am US-Markt haben dagegen Kursabschläge von bis zu 90 Prozent verzeichnet, während der Markt „nur“ um rund 30 Prozent eingebrochen war. Dieser Kursabschlag entstand, weil die Market Maker, also die Börsenhändler, die Kurse für die ETF stellen, nur die offengelegten Positionen in den betroffenen ETF bewerten konnten. Daher haben sie die Produkte mit einer Sicherheitsmarge belegt, was zu den hohen Kursabschlägen geführt hat. Die US-Börsenaufsicht SEC hat damals einige dieser Trades wieder rückgängig gemacht, um die betroffenen Anleger so vor ungerechtfertigten Kursverlusten zu schützen.

procontra: Diese Überlegungen sind auf den europäischen Markt übertragbar?

Glow: Der europäische Markt funktioniert im Handel zwar anders als der amerikanische. Dennoch haben die Marktszenarien gezeigt, dass die Anbieter von „Plain-Vanilla-ETF“, also dem, was wir als passive Produkte oder herkömmliche ETF kennen, in den USA die ursprünglichen Transparenzrichtlinien einhalten – auch wenn sie inzwischen weniger berichten dürfen. Der Grund liegt darin, dass die Market Maker so permanent faire Preise stellen können. Faire Preise und eine hohe Transparenz sind zwei der Punkte, die für den Erfolg der ETF verantwortlich sind. Ein ETF soll permanent gepreist sein, also eine gute Handelbarkeit im Markt aufweisen und gleichzeitig die Entwicklung des zugrundeliegenden Indizes möglichst genau widerspiegeln. Damit ein Market Maker das gewährleisten kann, braucht er alle Informationen über die im Fonds enthaltenen Wertpapiere.

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Finanzanlagenvermittler müssen Geschäftsmodell anpassen