„Irgendwann kommt kein Berater mehr an ETF vorbei“

Investmentfonds Investment-Talk von Heike Gorres

 

procontra: Dennoch gibt es von Anbietern das Bestreben, semi-transparente ETF auch hierzulande zu ermöglichen.

Glow: Anbieter aktiv gemanagter Fonds möchten üblicherweise so wenig wie möglich von der Zusammensetzung eines Fonds preisgeben. Die Asset Allokation ist für sie geistiges Eigentum, das sie schützen müssen. Deswegen treten sie dafür ein, dass auch im ETF-Bereich das allgemeine Ucits-Transparenzlevel angewandt wird. Wie sie es dann aufbrechen, um nach wie vor einen funktionierenden Handel zu ermöglichen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

procontra: Wird also in absehbarer Zeit alles auf semi-transparente ETF hinauslaufen?

Glow: Nein. Zum einen, weil nicht jeder Anleger ETF kaufen kann. Zum zweiten, weil Produktanbieter den üblichen Investmentfonds auch weiterhin als Vertriebsweg brauchen. Dies wird sich aber ändern, wenn wir alles über eine Blockchain abwickeln und direkt handeln können, ohne Finanzplattformen zu nutzen. In diesem Moment könnte es passieren, dass es nur noch ETF gibt. Das ist aber ein Thema für das nächste Jahrzehnt oder eine weiter entfernte Zukunft. Ich bin mir aber sicher, dass wir irgendwann in einer Welt leben werden, in der alles „tokenisiert“ ist, also über Blockchains verwaltet ist.

procontra: Diese Entwicklung ist aus Ihrer Sicht also nicht mehr aufzuhalten?

Glow: Es wird kommen wie das Amen in der Kirche! Die Blockchain-Technologie wird das gesamte Geschäft dominieren und verändern. Die Frage ist, wie schnell dies geschehen wird. Ich glaube, es wird länger dauern als die meisten Befürworter der Digitalisierung heute denken. Wenn alles tokenisiert ist, braucht der Markt nur noch wenige Dienstleister, da die Werte in einer Blockchain liegen. Das ist der Grund, warum die großen Wertpapierdienstleister und andere Institutionen aus der Finanzindustrie mit Hochdruck an einer eigenen Blockchain arbeiten! Sie wollen den Anschluss nicht verlieren beziehungsweise eigene Standards definieren. Dies ist aber auch gewünscht, sowohl von Seiten der Vermögensverwalter als auch – oder gerade – von Seiten der Regulierer! Was dies letztlich für Anleger und Marktteilnehmer bedeutet zu erörtern, würde hier jedoch zu weit führen.

procontra: Mit welchem Zeithorizont rechnen Sie in der EU für eine Zulassung semi-transparenter ETF?

Glow: Der Druck der Fondsbranche und der weiteren Marktteilnehmer auf die Regulatoren ist hoch. Ich würde daher einen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren ansetzen.

procontra: Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe, dass Anbieter aktiv gemanagte Portfolios als semi-transparente ETF auflegen werden, sobald die Regularien dies erlauben?

Glow: Es gibt eine große Nachfrage nach ETF, die aus meiner Sicht noch weiter steigen wird. Mit ETF können die Fondsanbieter ihr Angebot relativ einfach erweitern. Für jeden Fonds gibt es per se zahlreiche Untertranchen oder Anteilsklassen, die für den Vertrieb in unterschiedlichen Ländern und für verschiedene Vertriebskanäle zugeschnitten sind. Ein semi-transparenter ETF kann dann entweder eine Untertranche eines aktiv gemanagten Fonds sein. Oder es ist anders herum: Der aktive ETF wird die Hauptanteilsklasse und die Untertranchen werden in der Fondshülle eines üblichen Investmentfonds angeboten.

procontra: In welcher Größenordnung dürften die Kosten semi-transparenter ETF liegen?

Glow: Im Moment haben selbst die spezialisiertesten ETF eine Managementgebühr, die ungefähr bei der Hälfte von dem liegt, was für einen aktiv gemanagten Investmentfonds mit gleicher Spezialisierung verlangt wird. Es ist aber davon auszugehen, dass die Kosten für Anleger noch weiter sinken werden, da die Anbieter bei einem ETF nur sehr geringe Kosten für den Vertrieb haben.

procontra: Wie könnte bei Neuauflagen aktiv gemanagter Produkte der Anteil von semi-transparenten ETF und üblichen Investmentfonds aussehen? Oder ist dies nicht abschätzbar?

Glow: Es kommt sehr auf die Struktur des anbietenden Unternehmens an. Ist ein Produktanbieter sehr auf Privat- oder Kleinanleger fokussiert, wird er wahrscheinlich eher den klassischen Fondsmantel nutzen. Ein breiter aufgestellter Anbieter wird bei der Haupttranche vermutlich eher in Richtung ETF gehen. Aber es geht nicht nur um Neuauflagen. Es geht auch darum, dass bestehende Fonds „ergänzt“ werden können. Ein Anbieter muss zu einem Investmentfonds nur eine neue Anteilsklasse auflegen, eine neue Untertranche, die an der Börse als ETF gehandelt wird.

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