Betriebsunterbrechungen sind größtes Unternehmensrisiko

Hannah Petersohn Berater Versicherungen

Eine Betriebsunterbrechung fürchten deutsche Unternehmen am meisten – noch mehr als einen Cyberangriff oder den Klimawandel. Doch: Das eine Risiko hängt mit dem anderen zusammen.

Größtes Risiko für deutsche Unternehmen: Betriebsunterbrechungen Bild: Adobe Stock/Engdao

Betriebsunterbrechen fürchten deutsche Unternehmen mehr als jedes andere Risiko. Dabei hängt sie mit vielen anderen Gefahren zusammen. Bild: Adobe Stock/Engdao

Deutsche Geschäftsführer, Risikomanager, Makler und Versicherungsexperten sind sich einig: Das größte Risiko für hiesige Unternehmen sind Betriebsunterbrechungen. Zu diesem Ergebnis kommt das mittlerweile elfte Risikobarometer, eine jährliche Erhebung des Industrieversicherers Allianz Global Corporate Specialty (AGCS), für das insgesamt 2.650 Experten in 89 Ländern befragt worden sind. Während 55 Prozent der deutschen Befragten eine mögliche Unterbrechung des Betriebs am meisten sorgt, steht dieses Risiko weltweit immerhin an zweiter Stelle des Rankings.

Die vergangenen Monate haben gezeigt, wie fragil moderne Lieferketten und Produktionsnetze sind. Die Nachfrage nach bestimmten Gütern stieg sprunghaft an, was wiederum Störungen in Produktion und Logistik nach sich zog. Viele Fabriken in Asien mussten pandemiebedingt schließen, Containerhäfen stießen an ihre Kapazitätsgrenzen, bestimmte Rohstoffe wurden knapp – und sind es bis heute. Die Blockade im Suezkanal – ausgelöst durch den verkanteten Container-Riesen "Ever Given" – hat die Sorge um Lieferketten weiter befeuert. Kurz: Im vergangenen Jahr wurden die Schwachstellen des Systems in seltener Deutlichkeit offengelegt. „Die Ballung sich gegenseitig verstärkender Ereignisse hat sicher eine neue Dimension erreicht“, sagt Jürgen Wiemann, Leiter der Sachversicherung der AGCS in Zentral- und Osteuropa.

Angst vor Betriebsunterbrechungen durch Cybervorfälle

Zumal die Sorge vor Betriebsunterbrechungen viele weitere Bedrohungen miteinschließen: So sind der Umfrage zufolge Cybervorfälle die am meisten gefürchtete Ursache besagter Unterbrechungen. Genau 50 Prozent der Befragten sehen in Cybervorfällen hierzulande eine Bedrohung, weltweit handelt es sich sogar um die größte wahrgenommene Gefahr. Angesichts der zunehmenden Ransomware-Angriffe, die von 57 Prozent der Umfrageteilnehmer als größte Cyberbedrohung für das kommende Jahr bewertet wurde, ist das auch wenig verwunderlich – erinnert sei an dieser Stelle an die aufsehenerregenden Angriffe gegenüber der Rossdorfer Haftpflichtkasse, die Elektronikmarktkette Media Markt oder den Landkreis Anhalt-Bitterfeld, der in deren Folge den Notstand ausrufen musste.

„Ransomware ist zu einem großen Geschäft für Cyberkriminelle geworden, die ihre Taktiken verfeinern und die Einstiegshürden senken – der Einsatz der Verschlüsselungssoftware kostet nur wenige Euro und erfordert geringe technische Kenntnisse. Die Kommerzialisierung der Internetkriminalität macht es einfacher, Schwachstellen in großem Stil auszunutzen. Wir werden mehr Angriffe auf Lieferketten und kritische Infrastrukturen erleben", sagt Jens Krickhahn, Practice Leader Cyber bei der AGCS in Zentral- und Osteuropa.

Abnehmende Sorge vor Pandemie

Weitere wichtige Auslöser der gefürchteten Betriebsunterbrechungen sind Naturkatastrophen, die mit 30 Prozent auf dem dritten Platz rangieren und der Ausbruch einer Pandemie, wobei dieses Szenario erstaunlicherweise nur 13 Prozent der Befragten sorgt. Damit ist der Ausbruch einer Pandemie zwar immer noch unter den Top-Ten-Geschäftsrisiken, nämlich auf dem achten Platz, aber angesichts der Allgegenwart dieses Themas doch weit abgeschlagen. Zu beachten gilt aber hier: Die Umfrage wurde vor dem Auftreten der Omikron-Variante vorgenommen.

In der Vorjahreserhebung schnellte der Ausbruch einer Pandemie in Deutschland im Ranking von Platz 16 auf den dritten Platz (35 Prozent). Insgesamt sieht sich, so das Ergebnis des Barometers, die überwältigende Mehrheit der Befragten mittlerweile jedich angemessen oder gut auf eine künftige Pandemiewelle vorbereitet. Ganze 80 Prozent stimmten dieser Aussage zu.

Allerdings könnte das Abebben der Sorge vor den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie sich als trügerisch herausstellen: Laut einer jüngsten Erhebung, dem Euler Hermes Global Trade Report, könnte die Pandemie noch bis in die zweite Jahreshälfte 2022 zu erheblichen Problemen in den Lieferketten führen.

Klimawandel: größter Aufsteiger

Der Klimawandel ist laut Studienautoren der „größte Aufsteiger“, der mit 21 Prozent Zustimmung auf dem vierten Platz landet. Auch im weltweiten Ranking steht er immerhin an sechster Stelle, im vergangenen Jahr belegte die Sorge noch den neunten Platz. Schwerwiegende Wettereignisse wie Hurrikan Ida im vergangenen Jahr haben zu Schäden in Rekordhöhen geführt: Für 2021 rechnen Rückversicherer mit versicherten Schäden in Höhe von über 100 Milliarden Dollar – die vierthöchsten Schäden in der Geschichte. Über die Hälfte der Schäden stammte dabei aus sogenannten sekundären Gefahren wie Überschwemmungen, Starkregen, Gewitter, Tornados oder sogar Winterfrost, schreiben die Studienautoren. Und selbst wenn diese Ereignisse lokal begrenzt sind, werden sie immer teurer – wie auch Deutschland angesichts des Flutereignisses im Sommer vergangenen Jahres feststellen musste.

Kein Wunder also, dass die Befragten klimawandelbedingte Ereignisse, die Schäden am Unternehmenseigentum verursachen, mit 57 Prozent Zustimmung am meisten befürchten. Gleichzeitig sorgen sich die Befragten aber auch vor der nötigen Neuausrichtung der Unternehmen nach klimafreundlichen Maßstäben (36 Prozent); die komplexen Vorschriften und Berichtsanforderungen sowie die Vermeidung potenzieller Klagerisiken, wenn keine angemessenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels ergriffen worden sind, beschäftigen gut ein Drittel der Befragten.

Neu: Angst vor Serienfehler oder Produktrückruf

Ein neu hinzugekommenes Risiko ist das eines Serienfehlers oder Produktrückrufs, das gegenwärtig deutsche Unternehmen umtreibt. Diese Sorge beschäftigt zwölf Prozent der Befragten und liegt damit auf dem neunten Platz – noch vor den sogenannten makroökonomischen Entwicklungen (elf Prozent).

Könnte die Angst vor einem Fehler vielleicht daran liegen, dass die Weltlage nicht erst seit Beginn der Pandemie angespannt ist und dauerhafte Anspannung zu häufigeren Fehlern führt? Oder darin, dass nur ein kleiner Fehler in einer Massenproduktion immense Schäden nach sich ziehen kann, die Unternehmen besonders in Zeiten, die kaum vorhersehbar sind und in denen Firmen bereits Federn lassen mussten, unbedingt verhindern müssen? Und an eines erinnern die Ergebnisse des Reports: Alles hängt mit allem zusammen – mehr denn je. Und wenn das der Fall ist, sind Störungen im Ablauf, Unterbrechungen im System besonders gravierend. Denn dann betreffen sie alle.

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