Altersvorsorgepflicht: Besserer Schutz für Existenzgründer?!

Anne Mareile Walter Versicherungen Top News

Die Ampelregierung nimmt die neuen Selbstständigen ins Visier und plant für sie eine Altersvorsorgepflicht. Doch gerade Existenzgründern fehlt oft das nötige finanzielle Polster. So bereiten sich Makler auf die Zielgruppe vor.

Altersvorsorgepflicht: Besserer Schutz für Existenzgründer?! Bild: Adobe Stock/DisobeyArt

Die neue Bundesregierung hat sich die verpflichtende Altersvorsorge für Selbstständige auf die Fahnen geschrieben. Worauf Makler sich jetzt einstellen müssen. Bild: Adobe Stock/DisobeyArt

60-Stunden-Wochen, das Arbeitspensum ist konstant hoch und das Finanzpolster oft dünn. Wer eine Existenz gründet und den Sprung in die Selbstständigkeit wagt, muss Hürden überwinden und gegen Ängste ankämpfen. Eine Sorge ist meist besonders groß: die vor der Altersarmut. Die Altersvorsorgepflicht für Selbstständige steht seit etlichen Jahren auf der politischen Agenda, bereits die abgewählte Regierung aus CDU und SPD hatte sich das Thema auf die Fahnen geschrieben. Passiert ist nichts. Nun rückt die AV-Pflicht erneut in den Fokus, die Ampelparteien haben sie sich in den Koalitionsvertag gesetzt – allerdings mit einem Unterschied zu ihren Vorgängern: Die verpflichtende Vorsorge soll nun ausschließlich für die „neuen Selbstständigen“ gelten und nicht mehr, wie bis dato geplant, für alle Selbstständigen.

Konkreter wird die neue Regierung nicht. Auf procontra-Anfrage teilte eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums (BMAS) mit: „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt keine Einzelheiten zur Umsetzung der Altersvorsorgepflicht für Selbstständige über die Ausführungen des Koalitionsvertrags hinaus mitteilen. Die konkrete Ausgestaltung bleibt abzuwarten.“ Demnach ist bislang unklar, wer zur Kategorie der „neuen Selbstständigen“ gehört. Fest steht lediglich: Selbstständige, die sich nicht über die gesetzliche Rentenversicherung absichern wollen, sollen die Möglichkeit „eines einfachen und unbürokratischen Opt-outs“ bekommen. Sie können ein privates Vorsorgeprodukt wählen, das „insolvenz- und pfändungssicher ist und zu einer Absicherung oberhalb des Grundsicherungsniveaus führt.“

AV-Pflicht bringt neue Produkte auf den Markt

Bisher sicherten sich Freiberufler vor allem mit der Basis-Rente oder mit der Privat-Rente für das Alter ab. Bei der Basis- beziehungsweise Rürup-Rente steht vor allem die Steuerersparnis im Vordergrund. Die Privatrente hingegen bietet eine flexiblere Möglichkeit zur Altersvorsorge – in der Einzahlungs- wie in der Auszahlungsphase. Auf die individuelle Einkommenssituation kann besonders gut mit einer Kombination aus beiden Vertragsvarianten reagiert werden.   

Die neue AV-Pflicht dürfte auch zu neuen Produkten am Markt führen. Ob und was die Regierung in dieser Hinsicht plant – dazu erteilt das BMAS aktuell keine Auskunft. Aus Sicht vieler Maklerpools würde als geeignetes Vorsorgeprodukt auch künftig die Basis-Rente in Frage kommen.

Nachdem die AV-Pflicht jahrelang auf Eis lag, stellt sich nun die Frage: Wird das Vorhaben in der aktuellen Legislaturperiode umgesetzt? Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Versicherungsmakler (BDVM), Hans-Georg Jenssen, ist optimistisch. Er glaubt, dass die verpflichtende Vorsorge innerhalb der nächsten vier Jahre in ein Gesetzesfundament gegossen wird, da sich diese nun explizit auf die neuen Selbstständigen beziehe. „Wären alle Selbstständigen angesprochen, sähe die Sache anders aus. Es würde wenig Sinn machen, in eine private Altersvorsorge einzusteigen, wenn die Restlaufzeit bis zum Eintritt ins Rentenalter noch fünf Jahre beträgt“, erklärt Jenssen.

Auch Votum-Vorstand Martin Klein glaubt an eine Umsetzung durch die aktuelle Regierung. „Wir erwarten das wegen der erheblichen Komplexität jedoch erst in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode“, macht er deutlich. Gerade Solo-Selbstständige würden das Thema Altersvorsorge jedoch häufig verdrängen, die Pflicht zwinge sie zur Auseinandersetzung. „Hier kommt der Vermittler ins Gespräch. Er kann so auch andere Vorsorgethemen, etwa die Absicherung der Arbeitskraft, ansprechen“, sagt Klein.

Makler sind selbst Existenzgründer

AfW-Vorstand Frank Rottenbacher sieht durch die neue AV-Pflicht ein „zusätzliches Beratungsfeld für Vermittlerinnen und Vermittler“, über das die „spannende Zielgruppe“ der neuen Selbständigen angesprochen und betreut werden könne. Um Maklern das Erschließen der neuen Kundengruppen zu erleichtern, empfiehlt er: „Sie sollten jetzt anfangen, ihr Netzwerk im Unternehmerbereich aufzubauen.“ Sein Tipp: Lokalen Unternehmer-Netzwerken beitreten oder die eigene Präsenz auf Plattformen, wie LinkedIn, ausbauen.    

Der Maklerpool Fonds Finanz will seine Mitglieder „zum gegebenen Zeitpunkt“ mit Weiterbildungsmöglichkeiten über die „besser beraten“-Akademie versorgen. „Wir sind zuversichtlich, dass mit einer privaten Vorsorgepflicht der Vorteil privater Vorsorgeverträge gegenüber der gesetzlichen Rentenversicherung erkannt und genutzt wird“, prophezeit Christine Schönteich, Mitglied der Geschäftsleitung.

Um sich der Zielgruppe der neuen Selbstständigen zu nähern, kündigt der Maklerpool BCA an, seinen Partnern künftig „Support aus der Versicherungsabteilung“ anzubieten. Zudem rät Dirk Kober, Leiter Versicherungen: Makler sollten Gründerseminare besuchen und alte sowie neue Selbstständige mit „onlinebasierten Marketing- und Kommunikationsaktionen“ ansprechen. Auch eine Zusammenarbeit mit den örtlichen IHK-Stellen und anderen Bildungsanbietern hält er für erfolgversprechend. „Zusätzlich können Makler mit wirksamen Marketingaktionen zum Thema online auf sich aufmerksam machen“, rät Kober weiter. Derweil kündigt der Vema-Vorstandsvorsitzende Hermann Hüber an: „Wenn aus den Zeilen im Koalitionsvertrag handfeste Regelungen geworden sind, werden wir unsere Maklerkollegen mit entsprechenden Marketingmaterialien ausstatten.“

Aus Sicht von Karsten Allesch, Geschäftsführer des Deutschen Maklerverbundes, könnten Makler mit einem leistungsfähigen Maklerverwaltungsprogramm ihr Potential im Bestand in Bezug auf die neuen Selbstständigen mit wenigen Klicks gefiltert bekommen. Die infrage kommenden Kunden sollten bereits „heute über die Pläne der Koalition informiert“ werden. So könnten sie sich langfristig vorbereiten und die Beiträge zur Altersvorsorge dann auch tatsächlich stemmen. Hinzu komme: „Ist der Selbstständige erfolgreich, erhöht sich automatisch der Bedarf und Versicherungsmakler können mit dieser Kundengruppe mitwachsen“, sagt Allesch. Zudem seien Makler in der Regel ebenfalls selbstständig. Daher wüssten sie aus eigener Erfahrung um viele Themen rund um die Existenzgründung.

Abwarten als schlechtere Alternative

Etwas kritischer beäugt blau direkt-Geschäftsführer Oliver Pradetto die neu formulierte AV-Pflicht. Er rechnet zwar damit, dass sich etwa ein Drittel der neuen Selbstständigen für die Opt-Out-Variante entscheiden werde, was Vermittlern mehr Verträge beschere. Auf der anderen Seite prophezeit er allerdings auch weniger Neugründungen. „Gründungen dürften durch die AV-Pflicht bis zu 30.000 Euro teurer werden in den ersten drei Jahren. Das ist für viele Gründer ein erhebliches zusätzliches Hindernis“, gibt er zu bedenken.

„Wer kurzfristig Erfolge wünscht, sollte mit der Zeit gehen“, sagt Pradetto. Via Xing, Facebook oder Google Ads ließen sich die Zielgruppen schnell adressieren. „Dazu braucht es vor allem Know-how. Das kann man versuchen, sich durch viel Fleiß anzueignen oder man kauft es sich ein.“

Unabhängig davon, ob die neue Regierung die verpflichtende Vorsorge für Selbstständige tatsächlich umsetzt – Berater sollten ihre Kunden jetzt über die Möglichkeiten der privaten Altersvorsorge informieren. Abwarten dürfte die schlechtere Alternative sein. Denn im Zweifel haben Selbstständige damit nur eines erreicht: ihre Zeit verschenkt.

Wenn Ihnen dieser Artikel gefällt, abonnieren Sie unseren täglichen kostenlosen Newsletter für weitere relevante Meldungen aus der Versicherungs- und Finanzbranche!