Schausteller: „Es wurde auch schon mal ein Anhänger der Wilden Maus gestohlen”

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Panorama

Schausteller haben es in diesem Jahr erneut schwer. Weihnachtsmärkte wurden abgesagt oder dürfen nur unter strengen Auflagen öffnen. Wie die Lage derzeit in der Branche ist und welchen Versicherungsschutz Schausteller unbedingt brauchen

Schausteller: „Es wurde auch schon mal ein Anhänger der Wilden Maus gestohlen Bild: picture alliance/Jochen Tack

Schausteller haben es auch im zweiten Jahr der Pandemie nicht leicht. Der Umsatz ist bei vielen um bis zu 70 Prozent eingebrochen. Bild: picture alliance/Jochen Tack

procontra: Herr Schwartmann, Sie haben sich auf die Zielgruppe Schausteller spezialisiert. Wie geht es Ihren Kunden derzeit?

Wolfgang Schwartmann: Das ist sehr unterschiedlich, es gibt Schaustellerbetriebe, die aufgrund gebildeter Rücklagen noch keine großen Probleme haben, und andere, die es schwerer haben. Die staatlichen Förderungen haben aus finanzieller Sicht geholfen. Aber es wurden viele Veranstaltungen und Weihnachtsmärkte abgesagt und neben den fehlenden Einnahmen taucht auch das Problem auf, dass Schausteller einfach nichts zu tun beziehungsweise keine Arbeit haben. Ein Fahrgeschäft kann einmal gereinigt und defekte Teile können repariert werden, aber das kann man nicht das ganze Jahr über machen. Aufgrund der aktuellen Lage geht die Perspektive verloren. Viele fragen sich, wie es weitergehen soll. Manche haben sich auch den Wochenmärkten angeschlossen und ihre Buden dafür umgebaut. Einer unserer Kunden hat sich für den Weihnachtsmarkt in Freiburg ein Riesenrad gekauft, es aufgebaut und musste es eine Woche später wieder abbauen. Das schlägt richtig ins Kontor. Aber auch die Schausteller, die öffnen durften, sagen, dass sie 60 bis 70 Prozent weniger Umsätze machen.

procontra: Haben Sie auch Kunden, die umgesattelt haben?

Schwartmann: Nein, ich kenne niemanden, der dem Geschäft komplett den Rücken zugewandt hätte. Es gab Kunden, die vorrübergehend bei Amazon gejobbt haben oder als LKW-Fahrer tätig waren, um überhaupt etwas zu tun zu haben. Aber: Einmal Schausteller, immer Schausteller. Wer damit groß geworden ist, arbeitet oft auch später in dem Bereich.

procontra: Die Ordner, die dafür sorgen sollen, dass die Maßnahmen eingehalten werden, kosten ja auch Geld. Werden die Kosten auf die Schausteller umgelegt?

Schwartmann: In Duisburg kontrolliert das Ordnungsamt und der Veranstalter die Einhaltung; insofern dürften diese Kosten durch die Stadt beziehungsweise den Veranstalter getragen werden, und nach allem, was ich jetzt gehört habe, sind die Platzgelder genauso hoch wie in den vergangenen Jahren.

Der Makler Wolfgang Schwartmann hat sich mit seinem Unternehmen SK Versicherungsservice unter anderem auf die Zielgruppe der Schausteller spezialisiert. Bild: privat

procontra: Wie können Sie Ihre Kunden gerade unterstützen?

Schwartmann: Wir haben auf einen Schlag 200 Betriebshaftpflichtversicherungen im vergangenen Jahr ruhend gestellt. Das ist auch für uns mit Einbußen verbunden. Wenn kein Geld fließt, bekommen wir auch keins. Da sitzen wir in einem Boot mit den Schaustellern. Aber es ist unsere Aufgabe als Versicherungsmakler unseren Kunden zu helfen.

procontra: So viele Makler, die sich auf die Zielgruppe Schausteller konzentrieren gibt es nicht. Warum haben Sie sich zu dieser Spezialisierung entschieden?

Schwartmann: Ich schätze es gibt etwa ein Dutzend Makler, die sich auf dieses Segment spezialisiert haben. Der Makler, bei dem ich gelernt habe, hat das Geschäft auch schon praktiziert. Er hat sich einfach gerne um die Nischen gekümmert, die andere nicht wollten.

procontra: Was macht die Zielgruppe Schausteller aus?

Schwartmann: Zum einen die Art, welche Risiken versichert werden müssen und wie: Das sind ja keine stationären Geschäfte. Schausteller führen ein Geschäft, das transportiert wird, das dadurch bestimmten Gefahren ausgesetzt ist und über spezielle Versicherungen abgedeckt werden muss. Schausteller selbst sind schon eine spezielle Personengruppe. Sie sind ehrlich und geradeheraus, damit muss man umgehen können. Der Umgangston ist auch mal etwas rauer. Man kann aber auch in diesem Ton antworten. Offenheit, Ehrlichkeit und Gradlinigkeit sind wichtig.

procontra: Wer sich die Webseite des Deutschen Schaustellerbunds ansieht, findet auf den Fotos ausschließlich Männer. Ist die Schaustellerbranche eine reine Männerbranche?

Schwartmann: Im Prinzip ja, es gibt aber auch Schaustellerinnen, die einen Betrieb führen, aber sie sind eindeutig in der Minderheit. Unsere Kundinnen betreiben meistens Süßwarenstände oder Imbisse, selten jedoch Fahrgeschäfte.

procontra: Welche Geschäfte decken Sie ab?

Schwartmann: Alle, von den Achterbahnbetreibern bis zum Wurstbudenbesitzer.

procontra: Aber haben Schausteller nicht alle sehr unterschiedliche Versicherungsbedürfnisse? Wie unterscheidet sich der Versicherungsschutz zum Beispiel zwischen Besitzern von Belustigungs-, Fahr- und Schießgeschäften?

Schwartmann: Im Prinzip ist das eine recht einheitliche Zielgruppe, aber die Beratung muss ganzheitlich sein, also sowohl das Geschäft als auch die Person umfassen. Alle brauchen eine Betriebshaftpflichtversicherung, damit die Nutzer des Geschäfts versichert sind. Für viele Geschäfte gilt eine Versicherungspflicht gemäß §1 der Schaustellerhaftpflichtverordnung (SchauHV). Die Prämien zwischen Bratwurstbuden- und Achterbahnen sind natürlich andere und die Anforderungen an die Versicherungen variieren in Abhängigkeit von der Größe des Betriebs. Ferner benötigen sie eine Transport- und natürlich Kfz-Versicherung. Kranken- und Unfallversicherung dürfen ebenfalls nicht fehlen. Eine klassische Berufsunfähigkeitsversicherung kennen die meisten aber gar nicht, weil die Versicherungswirtschaft den Beruf des Schaustellers noch nicht klassifiziert hat; hier besteht mittlerweile die Möglichkeit, sogenannte Dread-Desease-Produkte anzubieten und mit einer privaten Unfallversicherung zu kombinieren inklusive einem Unfalltagegeld.

procontra: Welchen Versicherungsschutz unterschätzen oder vergessen Schausteller häufig?

Schwartmann: Die wenigsten denken an den Unfallversicherungsschutz oder die Absicherung ihrer Arbeitskraft. Früher war jeder Selbständige durch die Berufsgenossenschaftsversicherung unfallversichert, das ist heute anders. Viele habe sich befreien lassen, um so den Beitrag einzusparen. Schließlich gehört der Beruf des Schaustellers zur höchsten Risikogruppe bei der Berufsgenossenschaft. Und jetzt müssen sie sich privat versichern.

procontra: Viele Schausteller haben finanziell gerade eine schwere Zeit – wird da auch schon einmal am Versicherungsschutz gespart?

Schwartmann: Ja, natürlich, zum Beispiel an der Betriebshaftpflicht. Wenn das Geschäft nicht eingesetzt werden kann, wird auch der Versicherungsschutz nicht benötigt. Dann haben viele die Schaustellerkaskoversicherung ruhend gestellt oder reduziert. Diese Versicherung benötigen sie, um ihr Geschäft gegen Feuer, Unfall, Anfahrschäden, Vandalismus und Diebstahl zu schützen. Da haben schon viele gespart. Und das, trotz der staatlichen Förderung während der Pandemie. Die Förderung hat fixe Kosten getragen; dazu gehört auch der Versicherungsschutz, der schon vor der Pandemie bestanden hat.

procontra: Was sind typische und was eher kuriose Schadenfälle? Wurde auch schon mal ein Anhänger der Wilden Maus gestohlen?

Schwartmann: Ja, das ist auch schon passiert, also im Rahmen eines Anhängerdiebstahls. Sehr häufig gibt es Einbruchdiebstähle. Und neben dem Brand auch den klassischen Unfall beim Transport. Bei der Einfahrt in die Tiefgarage hat kürzlich ein Kunde seinen Aufbau vergessen. Wir hatten auch schon einmal den Diebstahl der Besatzung eines Kinderkarussells.

procontra: Bitte was?

Schwartmann: Auf einem Kinderkarussell sind doch zum Beispiel Pferde, eine Kutsche, ein Feuerwehrauto oder Ähnliches, das nennt sich Besatzung. Und die wurde auch schon gestohlen, mit Sicherheit von Sammlern. Ein Waggon der Wilden Maus ist aber zu schwer, der wird eher nicht gestohlen, außer er befindet sich in einem Anhänger.

procontra: Die Kritik seitens der Schausteller an die Versicherer war zuletzt deutlich. Wie sehen Sie das: Haben Versicherer die Schaustellerbranche in der Pandemie im Stich gelassen?

Schwartmann: Nein, das sehe ich anders, ich kann aber nur für unser Unternehmen sprechen. Die Versicherer haben alles getan, um zu helfen. Sie haben fast alle unisono reagiert, indem sie zum Beispiel Verträge ruhend gestellt oder reduziert und dadurch die Kosten der Kunden gesenkt haben. Es gibt Verträge, die jetzt bereits das zweite Jahr ruhen, weil das Geschäft den Platz nicht verlassen hat.

procontra: Der Deutsche Schaustellerbund hat massive staatliche Finanzhilfen für die Branche gefordert. „Es muss eigentlich zu einer hundertprozentigen Entschädigung kommen“, sagte Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes. Wird diese Forderung erfolgreich sein?

Schwartmann: Ich würde es mir und unseren Kunden wünschen. Wenn Schaustellerbetriebe aufgrund von Maßnahmen des Bundes oder Landes nicht arbeiten dürfen, müssen auch Bund und Land dafür geradestehen.

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