Schadenprävention: „Smart-Home-Systeme führen zu einer Scheinsicherheit”

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Top News

Immer mehr Hausbesitzer greifen zu Smart-Home-Technologien, um ihr Hab und Gut vor Wasserschäden oder Einbrüchen zu schützen und gleichzeitig geringere Versicherungsbeiträge zu zahlen. Warum die Eigeninitiative mit Vorsicht zu genießen ist, erklärt Alexander Küsel, Leiter der GDV-Schadenverhütung Sachversicherung.

Prävention: „Smart-Home-Systeme führen zu einer Scheinsicherheit Bild: AdobeStock/Esther Hildebrandt

Smart-Home-Systeme sollen Schäden präventiv verhindern oder zumindest das Schadenausmaß gering halten. Oft werden sie allerdings nicht fachgerecht installiert, bemängelt der GDV. Bild: AdobeStock/Esther Hildebrandt

procontra: Schäden zu verhindern, bevor sie entstehen, gehört von Anbeginn zur Versicherungsbranche. Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Alexander Küsel: Der Fokus hat sich verschoben. Jene, die sich bisher um die Schadenprävention gekümmert haben, kamen eher aus der Industrie und dem Gewerbe und dort vor allem aus dem Bereich des Brandschutzes, weil Brandereignisse für Versicherer von großer Bedeutung sind. Darauf liegt zwar nach wie vor der Fokus, aber er verschiebt sich auf den Privatsektor, auf Einbruch, Diebstahl und Leitungswasser sowie Naturgefahren.

procontra: Welchen Stellenwert nimmt das Thema Schadenprävention aktuell ein?

Küsel: Das lässt sich sicherlich als Trendthema bezeichnen. Die Ereignisse der vergangenen Jahre, beginnend mit der Pandemie und dann die Naturgefahrenereignisse aus dem Sommer beschäftigen die Versicherungswirtschaft enorm, einerseits in der Abwicklung, andererseits aber auch im Hinblick auf die Prävention.

procontra: Mit welchen konkreten Folgen?

Küsel: Wir als Versicherer müssen uns fragen, wie unser Geschäftsmodell in Zukunft aufgebaut sein sollte. Wir müssen darüber nachdenken, wie die Beiträge berechnet und wie die Versicherungsbedingungen gestrickt sein sollten – und uns die Frage stellen, welche Hilfestellung unsere Kunden brauchen. Was sollten wir empfehlen oder vielleicht sogar fordern, damit das Risiko zu einem wirtschaftlichen Preis versicherbar bleibt, ohne dass im Nachhinein enorme Kosten entstehen?

procontra: An welcher Stelle sollte aus einer Empfehlung eine Forderung werden?

Alexander Küsel, Leiter der Schadenverhütung Sachversicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Bild: Dominik Butzmann

Küsel: Eine Forderung wäre zum Beispiel, nicht in überschwemmungsgefährdeten Gebieten zu bauen. Wer das jetzt noch macht, muss zusehen, wie er mit den Folgekosten selbst zurande kommt. Zuerst müssen immer Risiken durch Naturgefahren analysiert werden. Dafür gibt es Tools wie Überschwemmungskarten. Aber auch Sturm- und Hagelereignisse nehmen zu. Architekten und Hausplaner müssen das viel stärker bedenken. Sagen wir, es gibt zwei Ausführungen einer Dachpfanne, die eine ist hagelresistent und die andere nicht. Dann sollte die erste genommen werden.

procontra: Warum wurde das bisher nicht gemacht?

Küsel: Auf Seiten der Planer fehlt oft schlichtweg das Wissen. Da wird nur der Mindeststandard eingehalten. Aber auch der Gesetzgeber spielt eine Rolle: Im Baurecht ist der Naturgefahrenschutz nicht verankert. Das muss verändert werden, damit sich langfristig etwas verändert.

procontra: Wie stellen sich Verbraucher auf die zunehmenden Schäden ein?

Küsel: Immer mehr Menschen statten ihren Wohnraum mit sogenannten Smart-Home-Technologien aus – oft auch, um nicht Opfer eines Einbruchs zu werden. Wir sehen es aber eher kritisch, wenn Smart-Home-Systeme um Einbruch-Diebstahl-Aspekte erweitert werden: Die Anbieter kommen eher aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik und nicht aus dem Alarmanlagenbereich, bei dem wesentlich höhere Anforderungen an das System gestellt werden. Zumal ein Laie, der das im Baumarkt kauft, sich nicht gut genug auskennt und im Zweifel nicht weiß, wo der Bewegungsmelder platziert sein sollte. Das führt zu einer Scheinsicherheit. Besser ist eine Alarmanlage, die mit Smart-Home-Komponenten kombiniert wird. Die Polizei hat eine gute Webseite eingerichtet, www.k-einbruch.de, dort findet sich auch eine Bewertung der verfügbaren Systeme. Hausbesitzer, die zertifizierte Systeme nutzen, werden von den Versicherern oft mit geringeren Versicherungsbeiträgen belohnt.

procontra: Raten Versicherer auch häufiger dazu?

Küsel: Ja, zumal die Smart-Home-Technologien auch in der Prävention von Leitungswasserschäden eingesetzt werden können, was sich wiederum positiv auf die Prämien auswirkt. Sensoren messen eine Leckage, das System schaltet den Wasserfluss ab und der Kunde bekommt eine Nachricht über das Ereignis auf sein Smartphone. Das verhindert zwar nicht die Leckage, aber begrenzt sie. Es ist schließlich ein Unterschied, ob 300 oder 1000 Liter Wasser im Wohnzimmer stehen. Von der Technologie versprechen wir uns viel, denn knapp die Hälfte der Schäden an Wohngebäuden sind auf Leitungswasserschäden zurückzuführen.

procontra: Die technischen Möglichkeiten einen Schaden zu verhindern, nehmen also zu. Nimmt deswegen auch der Fokus auf die Schadenprävention zu?

Küsel: Ja, die technische Entwicklung hat enormen Einfluss auf die Schadenprävention. Bestimmte Absperrventile gibt es in dieser Form erst seit zehn, fünfzehn Jahren, für Smart-Home-Systeme gilt das Gleiche. Auch druckdichte Fenster und Türen gegen Naturgefahren gab es noch nicht vor zwanzig Jahren. Allein durch die Digitalisierung gibt es einen enormen Schub. Mittlerweile wird beim Bau neuer Gebäude immer öfter vernetzt mit Hilfe von "Building Information Modeling" geplant: Alle beteiligten Gewerke speisen ihre Informationen in ein gemeinsames System. Dadurch weiß man, was, wie und wo verbaut wurde. Das ist effektiv und senkt gleichzeitig die Baukosten. Wir erhoffen uns, dass dadurch die Gebäude nachhaltiger und sicherer werden und dass sie besser auf den Klimawandel eingestellt sind. Derzeit läuft noch die Normung. In England und Amerika wird kaum ein neues Gebäude noch ohne dieses System gebaut. In Deutschland hinken wir der Entwicklung hinterher.

procontra: Sie haben gerade das Thema Nachhaltigkeit angesprochen. Welchen Effekt hat dieser Fokus auf die Schadenprävention?

Küsel: Schadenprävention ist per se nachhaltig: Es gibt keinen Verlust von Wirtschaftsgütern, wenn es gar nicht erst zu einem Schadenereignis kommt und wenn es nicht brennt, gibt es auch keine Schadstoffemissionen.

procontra: Welche Vorteile bringt eine Prävention außerdem?

Küsel: Nur durch Prävention können Risiken dauerhaft versicherbar sein. Würden wir heute präventive Maßnahmen einstellen, würde unser System schnell aus dem Ruder laufen, das sieht man derzeit in Großbritannien. Die Schwierigkeit besteht darin, das Wissen um Prävention zu vermitteln. Noch ist zum Beispiel die Flut im kollektiven Gedächtnis, aber nach ein, zwei Jahren tritt so ein Ereignis immer mehr zurück, das zeigt unsere Erfahrung in der Beratung. Hier sollten Kundenberater ansetzen, zumal sie durch die Aufklärungsarbeit ein Alleinstellungsmerkmal bekommen und so einen Wettbewerbsvorteil erzielen können. Wenn sie aktiv auf ihre Kunden zugehen und ihnen zeigen, was an ihrem Haus wichtig wäre, um einen Einbruch zu verhindern und erklären, welche finanziellen Vorteile das bringt, entsteht eine langfristige Kundenbindung.

procontra: Werden Versicherer und Vermittler also immer mehr zum Kümmerer?

Küsel: Ja, es gibt eine Entwicklung in diese Richtung. Aber der Markt teilt sich. Der Servicetrend nimmt zwar zu, parallel dazu wünschen sich Kunden aber auch schlanke, einfache Produkte. Und oft ist es so, dass der Wunsch nach Prävention erst aufkommt, wenn Kunden älter sind und Schäden entweder selbst erlitten oder bei anderen gesehen haben.

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