NFT-Investments: Im digitalen Goldrausch

Anne Mareile Walter Sachwerte

Die Krypto-Welt setzt auf neue Anlagestrategien: Der Handel mit digitalen Echtheitszertifikaten, sogenannten Non-Fungible-Token, boomt. Auf dem NFT-Markt werden Milliarden umgesetzt. Ein Investmenttrend mit Zukunft oder eine bald platzende Blase?

Beeple Bild: picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Das NFT “Everydays: The First 5,000 Days" des Digitalkünstlers Beeple erzielte bei einer "Christies"-Auktion im Frühjahr einen Rekordpreis: 69 Millionen Dollar gingen dafür über den Tisch. Bild: picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Verschlungene Äste, moosbewachsene Felsen, knotige Wurzeln. 100 Ethereum kostet das mystische Wald-Labyrinth, umgerechnet rund 400 Euro. Für das verpixelte Porträt einer rauchenden Frau sind 28 Ethereum angesetzt und das mobile Kartenspiel „CryptoSpells“ verspricht Käufern den Hinzuverdienst von Krypto-Geld durch Kartentausch. Auf der Handelsplattform OpenSea werden computergenerierte Kunstwerke, Elemente aus Computerspielen, Musiksongs oder virtuelle Kartenspiele als sogenannte Non-Fungible-Token (NFTs) in rauen Mengen verkauft, bezahlt wird vorzugsweise in der Krypto-Währung Ethereum.

Blockchain-Technologie sorgt für Fälschungssicherheit

NFTs sind digitale Echtheits- oder Eigentumszertifikate, die als Nachweis dienen, dass es sich bei dem erworbenen digitalen Kunstobjekt oder dem Computerspiel-Element um das Original handelt. Dazu wird das NFT auf einer Blockchain registriert, wo Eigentümer sowie Käufe und Verkäufe eingetragen sind. Mit der Registrierung bekommt das NFT eine einzigartige, digitale Signatur – dabei macht es die Blockchain-Technologie weitgehend fälschungssicher.

2017 ging das erste NFT mit dem digitalen Kunstprojekt CryptoPunks online. In der ersten Hälfte dieses Jahres erlebten NFTs einen regelrechten Boom: Das Handelsvolumen der NFT-Handelsplattform OpenSea lag im August 2021 bei rund vier Milliarden US-Dollar, im Januar waren es nicht einmal zehn Millionen US-Dollar. Nach Angaben der Ethereum-Plattform Dune Analytics ging die Ethereum-Aktivität auf OpenSea im September zwar auf drei Milliarden US-Dollar zurück, hohe Summen werden hier aber nach wie vor umgesetzt: Nach der monatlichen Aufschlüsselung des Analysehauses DappRadar betrug das Handelsvolumen des gesamten NFT-Marktes im September vier Milliarden US-Dollar, die Daten vom Oktober liegen noch nicht vor.

Eine Revolution auf dem Kunstmarkt?

Einen absoluten Rekordpreis erzielte im März das Londoner Auktionshaus Christie‘s mit der Versteigerung eines NFTs des Digital-Künstlers Beeple: 69 Millionen Dollar gingen für die aus 5.000 digitalen Bildern bestehende Collage über den Tisch. Sind NFTs also eine Revolution auf dem Kunstmarkt und stehen für eine neue Investment-Kultur? Oder baut sich mit dem Boom eine Blase auf?

Peter Scholz, Professor an der Hamburg School of Business Administration (HSBA), betrachtet den Hype um die digitalen Echtheitszertifikate mit Skepsis. Er sagt: „In diesem Markt werden aberwitzige Summen investiert, da kann sich eine Blase aufbauen.“ Wenn Menschen jedoch nur einen kleinen Teil ihres Vermögens in NFTs investieren, würde nichts gegen diese Art der Anlage sprechen. „Wenn man für Beträge NFTs kauft, die man ansonsten ins Spielcasino getragen oder mit denen man Lotto gespielt hätte, dann bringt das einen nicht um – Spielsüchtige möchte ich von dieser Feststellung allerdings ausnehmen“, erklärt Scholz. Die Gefahren bei dieser Art des Investierens müssten Anlegern bewusst sein.

Rechtsanwalt Dr. Konrad Uhink von der Frankfurter Kanzlei FIN LAW kann sich im Einzelfall vorstellen, in NFTs zu investieren. „Wenn ich von der Idee eines NFT überzeugt bin, sehe ich keinen Grund, nicht zu investieren“, meint er. Ob sich am Horizont des NFT-Markts eine Blase abzeichnet, könne er nicht einschätzen. „Wenn aber jemand bereit ist, 70 Millionen Euro für ein NFT zu zahlen und diese Person hat das Geld, dann ist das eben der Marktpreis.“ Dass hohe Renditechancen mit großen Verlustrisiken einhergehen, ist eine uralte Anlegerweisheit – und die gilt auch für das NFT-Segment. „Anleger müssen damit rechnen, dass es für das NFT zu einem späteren Zeitpunkt keinen Markt mehr gibt“, sagt Uhink.

Die Spreu vom Weizen trennen

Dass NFTs weiter Bestand in der digitalen Welt haben – darauf setzt der Spezialversicherer Hiscox. Er überarbeitet aktuell seine Kunstversicherung im Hinblick auf die Versicherbarkeit von tokenisierten Kunst-Objekten. „Hierzu müssen etliche juristische Fragen geklärt werden. Zum Beispiel, ob digitale Daten als Sache gelten“, erklärt Alina Sucker, Underwriting Manager Art & Private Clients bei Hiscox. Nach einer Hiscox-Erhebung ist die Zahl der Online-Kunstplattformen, die Blockchain-Technologie in ihr Geschäft einbinden wollen, in diesem Jahr deutlich angestiegen. 14 Prozent der Kunstplattformen haben aktuell NFTs in ihr Angebot aufgenommen, 38 Prozent planen dies. Auch wenn das Interesse an NFTs irgendwann wieder zurückgehen sollte, rechnen Experten wie Alina Sucker mit ihrem Verbleib. „Der NFT-Markt wird nicht komplett verschwinden. Aber es wird sich die Spreu vom Weizen trennen", sagt die Hiscox-Managerin.

Ähnliches prognostiziert die Kölner Galeristin Prisqua Pasquer, die NFT-produzierende Künstler vertritt. Eine Konkurrenz zum herkömmlichen Kunstmarkt sieht sie in den digitalen Handelsplattformen nicht. „Aktuell ist hier der Wilde Westen, aber es braucht Kuratoren, um zu filtern“, erklärt sie. Da pro Tag 20 neue NFT-Plattformen aus dem virtuellen Boden sprießen würden und die Community mittlerweile sehr groß sei, glaube sie nicht an ein schnelles Ende des Hypes. Zudem bräuchten die Krypto-Millionäre neue Anlageformen: „Sie können auf Dauer nicht nur neue Sneaker kaufen.“ Grundsätzlich sieht Pasquer die Entwicklung aber positiv.

Auch die Berliner Galeristin Anne Schwanz befasst sich seit einiger Zeit mit der Entwicklung der Non-Fungible-Token. Sie ist überzeugt: „In dem Markt steckt großes Potenzial.“ Vor allem die jungen, digitalaffinen Anleger würden sich auf den NFT-Handelsplattformen tummeln, die den Weg in eine Galerie bislang scheuten. NFTs seien vergleichbar mit früheren Kunstentwicklungen, beispielsweise mit dem Aufkommen der Fotografie. „Die Fotografie ist nicht mehr wegzudenken.“ Auch die NFTs seien eine Entwicklung, die bleiben werde.

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