Kryptowährungen: „Da ist auch sehr viel Schrott dabei“

Matthias Hundt Investmentfonds Investment-Talk Top News

procontra: Warum nimmt der Bitcoin unter den zigtausenden Coins eine Sonderstellung ein?

Sandner: Während hinter den meisten Coins ein Projekt steht, wie eben beschrieben, ist der Bitcoin einfach nur knapp. Er ist auf 21 Millionen Token beschränkt. Wenn Sie so wollen, ist er begrenzt verfügbar, ähnlich wie ein Rohstoff. Daraus entsteht sein Wert.

procontra: Ist der Bitcoin dann mit Gold vergleichbar?

Sandner: Im Grunde schon. Die Motivation in Gold oder den Bitcoin zu investieren sind sehr gut vergleichbar. In einer Zeit, wo der Euro, Dollar und im Grunde alle Währungen immer weicher werden, stellen beide Assets durch ihre Knappheit einen festen Gegenwert dar. Je inflationärer die Geldpolitik agiert, desto höher die Nachfrage nach stabilen Assets, die die Kaufkraft erhalten. Aktuell hat sich der der Zinssatz von der Inflationsrate abgekoppelt, was diese Nachfrage weiter befeuern wird. Und in diese Nachfrage reiht sich der Bitcoin nun ein in etablierte Sachwerte wie Aktien, Immobilien oder Gold.

procontra: Apropos Gegenwert. Was konkret beeinflusst den Kurs einer Kryptowährung? Ein Tweet von Elon Musk, nur die Nachfrage neuer Fans oder reale Werte?

Sandner: Die Anlage ist sehr volatil, das haben verschiedene Kursverläufe in der Vergangenheit gezeigt. Auch aufgrund von bewussten und unbewussten Äußerungen einflussreicher Investoren. Langfristig wird der Kurs aber hauptsächlich von Anlegern getrieben, die ebenfalls an diese Idee glauben. 

procontra:  Also reine Spekulation?!

Sandner: Das sehe ich nicht so. Die Menschen haben sich schon immer hin zu harten Assets orientiert, wo sie ihr Geld aufbewahren konnten. Das war mit der Deutschen Mark so, dem Schweizer Franken, Immobilien oder auch Gold. Je weicher die klassischen Währungen werden, desto mehr nimmt der Härtegrad anderer Assets zu. Und zu diesen Kaufkraftträgern zählen Anleger auch immer mehr Kryptowährungen.

procontra: Dennoch spekulieren viele Anleger darauf, über die enormen Kurssteigerungen ihrer Kryptowährungen auf Euro-Basis ein Vermögen aufzubauen. Der Euro wird aber immer weicher. Wie sinnvoll ist das?

Sandner: Der Gedanke ist richtig. Doch was würde man dann tun? Man würde nur für den kurzen Moment des Konsums zurück in den Euro tauschen. Beispielsweise um zu tanken, einzukaufen, Rechnungen zu bezahlen etc. Die klassischen Währungen sind ja weiterhin sinnvoll, weil sie so verbreitet akzeptiert werden. Aber halt nur als Zahlungsmittel für den Leistungsaustausch und eben nicht mehr als Wertaufbewahrung.

procontra: Dennoch dominieren Euro und Dollar die Anlegerköpfe. Und die wollen irgendwann Kasse machen, also ihren Krypto-Gewinn in Euro realisieren. Ist das ein Denkfehler?

Sandner: Dieser Gedanke ist nachvollziehbar. Aber nur, wenn Ihre Basisverrechnungseinheit der Euro ist. Die Frage ist dann nämlich, welche Kaufkraft mein Euro-Vermögen noch hat. Wahrscheinlich nicht mehr die gleiche, wie vor der Investition in eine Kryptowährung. Dann fühlt sich der Anleger vielleicht vermögend, kann sich von seinem Euro aber trotzdem nicht mehr leisten, weil die Preise für seine Lebenserhaltung mindestens im gleichen Maße gestiegen sind. Im Grunde ist es das gleiche Verhältnis wie zwischen dem Euro und einer hochinflationären Währung wie der türkischen Lira. Auch hier würde man schnellstmöglich versuchen, die Lira wieder zurück in den Euro zu tauschen, weil der Wert der Lira schwindet und im Verhältnis der Euro die härtere Währung ist.

procontra: Nochmal zurück zu den Projekten. Wie kann der Auswahlprozess aussehen, wenn sich mehrere Coins mit den gleichen Projekten, beispielsweise Zahlungsströme, Speicherkapazitäten oder Rechenleistungen, beschäftigen?

Sandner: Das ist sehr unterschiedlich. Die Marktkapitalisierung gibt hier schon einmal Aufschluss über die Größe. Das kann ein Kriterium sein. Elementar wichtig ist es aber, sich vorab intensiv mit den potenziellen Kryptowährungen auseinanderzusetzen. Welches Projekt steht dahinter? Wie funktioniert es? Was ist der innovative Kern? Wer sind die Menschen im Hintergrund? Sind sie vertrauenswürdig? Ohne eigene Recherche ist ein Investment hoch riskant und kann sehr schnell zum Totalverlust führen, gerade wenn man bei wenig kapitalisierten Coins nur auf die große Kursexplosion spekuliert.

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