Kryptowährungen: „Da ist auch sehr viel Schrott dabei“

Matthias Hundt Investmentfonds Investment-Talk Top News

Ein diffuses Ökosystem aus Krypto-Startups wirbt um Anleger und Fans. Alles reine Spekulation oder stehen hinter den Coins tatsächliche Werte? procontra sprach mit Prof. Dr. Philipp Sandner, Leiter des Blockchain Centers an der Frankfurt School of Finance & Management.

Prof. Dr. Philipp Sandner, Bild: FSBC

Prof. Dr. Philipp Sandner leitet das Frankfurt School Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management. Zu seinen Themengebieten gehören die Blockchain-Technologie im Allgemeinen und insbesondere Kryptowerte wie Bitcoin und Ethereum, der digitale programmierbare Euro, Tokenisierung von Rechten und Assets und der Bereich digitale Identität. Seit 2017 ist er im FinTechRat des Bundesministeriums der Finanzen und im Blockchain Observatory der Europäischen Union. Bild: FSBC

procontra: Wie ist, vor allem aus aufsichtsrechtlicher Perspektive, zu erklären, dass es mittlerweile über 10.000 verschiedene Kryptowährungen gibt?

Prof. Dr. Philipp Sandner: Die Vielzahl an Angeboten kann einen wirklich erschlagen. Weltweit werden immer mehr Token-Projekte gestartet mit zigtausenden Menschen und einer immensen Programmierpower. Die Vorgaben und die aufsichtsrechtliche Erlaubnis beziehen sich aber auf Wertpapiere. Vereinfacht ausgedrückt, stellt sich also die Frage, ob es sich bei Kryptowährungen überhaupt per Definition um Wertpapiere handelt. Ist Dezentralität gegeben, wie beispielsweise beim Bitcoin, dann handelt es sich eben nicht um ein Wertpapier. Für diese Kryptowährungen stellen sich dann auch die aufsichtsrechtlichen Hürden nicht. Regulatorisch ist jedoch die Frage erlaubt, was dafür stärker wiegt – allein eine dezentrale Technik oder doch ein fester und damit zentraler Sitz der jeweiligen Firma hinter dem Token-Projekt? Das ist bislang noch nicht ausreichend geklärt.

procontra: Vereinfacht gesagt, denken sich Programmierer eine neue Kryptowährung aus, cooler Name, süßes Tierlogo und starten einfach ihre Währung?

Sandner: Technisch ja, aber das erfolgt nicht nur aus reinem Spaß unter Nerds heraus. Ziel ist es ein neues Ökosystem zu einem jeweiligen Thema bzw. Projekt aufzubauen. Nicht immer gelingt das, das ist natürlich klar. In manchen Fällen gibt es auch offensichtlichen Betrug.

procontra: Dennoch werden nicht alle Coins eine Daseinsberechtigung haben. Wie kann man sich dem Thema nähern, wenn schon allein die Anzahl an Coins kaum messbar ist?

Sandner: Das stimmt. Eine erste Orientierung liefert die jeweilige Marktkapitalisierung. Dort konzentrieren sich aktuell rund zwei Drittel des Marktes auf den Bitcoin und Ethereum mit einem Marktanteil von rund 44 bzw. 19 Prozent. Dahinter wird der Markt also sehr kleinteilig, wenn sich weitere tausende Coins nur noch etwa ein Drittel aufteilen.

procontra: Ist der Rest dann überhaupt überlebensfähig?

Sandner: Absolut. Schaut man sich die Liste der Top 50 oder auch Top 100 nach Marktkapitalisierung an, dann sind das größtenteils Projekte mit einem wirklich innovativen und soliden Kern. Würde man die gesamte Liste an Kryptowährungen betrachten, bräuchte man nicht nur sehr viel Zeit, sondern würde feststellen, dass da auch sehr viel Schrott dabei ist.

procontra: Kann man als außenstehender Anleger diesen Schrott überhaupt erkennen?

Sandner: Man muss sich schon sehr intensiv mit den einzelnen Coins beschäftigen, um Differenzen auszumachen und das jeweilige Projekt dahinter einschätzen zu können. Das wird mit abnehmender Marktkapitalisierung immer schwieriger, bei der hohen Dynamik und Wachstumsschnelligkeit den Überblick zu behalten. Man kann davon ausgehen, dass vor allem die oberen Ränge gute Projekte sind.

procontra: Was ist unter den „Projekten dahinter“ konkret zu verstehen?

Sandner: Abstrakt erklärt, funktionieren ganz viele Projekte so, dass sie mit den Token ein Ökosystem geschaffen haben. Diese Ökosysteme liefern einen Nutzen und die Verrechnungseinheit dafür ist der Token.

Ein Beispielprojekt ist „Cloud-Computing“, das über Prozessoren Rechenleistungen zur Verfügung stellt. Wer diese Rechenleistung in Anspruch nehmen will, zahlt mit dem jeweiligen Token eine Gebühr an das Ökosystem. Weitere Projekte können Speicherkapazitäten, Transaktionsplattformen oder der Handel von Assets am Kapitalmarkt sein.

procontra: Können Sie es noch etwas anschaulicher machen?

Sandner: Angenommen Walt Disney hat einen Animationsfilm produziert, der mit Millionen von Rechenprozessen gerendert werden muss, damit der finale Film entsteht. Im „alten System“ wäre man von der eigenen Serverkapazität abhängig. Da kann das Rendern schon mal einige Wochen dauern. Im Blockchain-Ökosystem könnten hunderte Server gleichzeitig genutzt werden, um den Film auch über Nacht fertigzustellen. Walt Disney sucht sich dann ein Cloud-Computing-Projekt, kauft dessen Token, also die Systemgebühr und beauftragt das Ökosystem dann mit dem Rendern des Films. Mit dieser Nachfrage ergibt sich dann auch der Preis des Tokens und der Wert eines Projektes.

procontra: Warum muss das aber über Token erfolgen? Man könnte diese Rechenleistung doch auch in Euro, Dollar oder sonstigen klassischen Währungen direkt bezahlen. Warum dieser vorherige Wechsel in eine Kryptowährung?

Sandner: Transaktionen jeglicher Art lassen sich über Smart Contracts viel leichter digital abbilden und automatisiert durchführen. Zusätzlich können so Ressourcen auch handelbar gemacht werden. Im Beispiel Walt Disney könnte das Unternehmen seine Rechenleistung, in Form von Tokens, bei z.B. geringer als erwarteten Bedarf wieder am freien Markt anbieten.

procontra: Jetzt mal konkret an einer Kryptowährung. Ethereum ist, gemessen an der Marktkapitalisierung, nach dem Bitcoin, die zweitgrößte Kryptowährung. Was genau macht Ethereum?

Sandner: Ethereum ist eine Transaktionsplattform, über die verschiedene Währungen von A nach B überwiesen werden können. Dafür erhält Ethereum eine Transaktionsgebühr. Im Gegensatz zur klassischen Bankenwelt geschieht das innerhalb von Sekunden, länderübergreifend und kostengünstiger. Alles was Sender und Empfänger benötigen ist ein Endgerät, zum Beispiel ein Smartphone, und Internetverbindung. Damit erschließt sich die Zahlungswelt auch Menschen, die vielleicht gar kein Bankkonto haben.

procontra: Dennoch bin ich noch darauf angewiesen eine Währung zu benutzen, mit der ich vor Ort auch mein Auto tanken, Rechnungen bezahlen oder im Supermarkt meine Lebensmittel bekomme. Letztlich muss ich also die Kryptowährung immer wieder umtauschen, richtig?

Sandner: Immer mehr Länder, zuletzt El Salvador, akzeptieren auch Kryptowährungen als offizielles Zahlungsmittel. Damit verringert sich dieser Zwang des beschriebenen Rücktausches in klassische Währungen immer mehr. Im langfristigen Trend etablieren sich so mehrere Landeswährungen.

procontra: Oder eben nicht, wenn Regierungen sie nicht anerkennen. So wie in China geschehen, das den Bitcoin nicht als offizielles Zahlungsmittel akzeptieren will.

Sandner: Das stimmt. Allerdings hatten viele Experten gedacht, dass nach dem chinesischen Verbot der Kryptomarkt zusammenbrechen könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Der Bitcoin notiert heute 30 Prozent über dem Niveau zum Zeitpunkt des Verbots. Das zeigt, dass diese Ökosysteme auch unabhängig von der Willkür einzelner großer Staaten funktionieren.

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