„Industriemakler werden noch stärker zum Kümmerer“

Hannah Petersohn Berater Versicherungen Top News

Die Vermeidung von Schäden wird immer wichtiger und viele Unternehmen bekommen ohne Präventionsstrategie keine Deckungen mehr. Was Makler jetzt wissen müssen und an welcher Stelle sie in der Beratung ansetzen sollten, erklärt Monika Behrens, Geschäftsführerin von Willis Towers Watson Versicherungsmakler.

„Makler werden zum Kümmerer“ Bild: AdobeStock/Syed Sheraz S. Ahmed

Makler müssen intensiv die Situation der Kunden analysieren, um herauszufinden, wie sich das Risiko in den vergangenen Jahren verändert hat und was künftig an Versicherungsschutz benötigt wird, sagt Versicherungsexpertin Monika Behrens. Bild: AdobeStock/Syed Sheraz S. Ahmed

In unserer aktuellen Themenwoche beschäftigen wir uns mit der Frage, inwiefern das Thema Schadenprävention auch in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird. „Prävention ist ein Thema, das alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft“, mahnte erst kürzlich GDV-Geschäftsführer Jörg Asmussen. Schließlich erwarten auch Risikoanalysten, dass Versicherer künftig jedes Jahr immer höhere Schäden durch Naturkatastrophen, Cyberangriffe und andere Gefahren stemmen müssen.

procontra: Frau Behrens, warum nimmt aus Ihrer Sicht der Fokus auf die Schadenprävention zu?

Monika Behrens: Unternehmen sind heute vielen neuen, bisher ungekannten Risiken ausgesetzt. Das liegt auch an der wachsenden Komplexität ihrer Geschäftstätigkeiten und der zunehmenden Internationalisierung, Arbeitsteilung und Digitalisierung. Firmen müssen weg vom reaktiven Risikomanagement, denn die neuen Risiken lassen sich nicht mehr mit den vorhandenen Daten einordnen. Man muss sich jedem neuen Risiko individuell annähern und über mögliche Präventionsstrategien nachdenken. Ansonsten droht die Unversicherbarkeit bestimmter Risiken oder die Prämienhöhe ist für Unternehmen nicht mehr bezahlbar.

procontra: In welchen weiteren Bereichen in Bezug auf Sachversicherungen sehen Sie derzeit eine besondere Dynamik hinsichtlich der Schadenverhütung?

Monika Behrens: Versicherer sprechen im Bereich der Feuer-, Allgefahren-, Sach- und Betriebsunterbrechungs-Versicherung zunehmend verpflichtende Auflagen für Kunden aus, insbesondere bei den Themen baulicher Brandschutz, Sprinkleranlagen und Hochwasserschutz. Das kennen wir aus früheren harten Marktzyklen und ist für unsere Kunden oft mit hohen Investitionen verbunden. Im Bereich der Cyber-Versicherung werden Mindestanforderungen an die IT-Sicherheit gestellt, ansonsten schauen Versicherer sich diese Risiken gar nicht erst an, geschweige denn bieten sie Versicherungsschutz an.

procontra: Bleibt das Thema Prävention auf Sachversicherungen begrenzt?

Behrens: Ich sehe auch einen starken Bedarf für Schadenprävention in der weltweiten Krankenversicherung. Die medizinische Inflation* von derzeit 8,1 Prozent im globalen Durchschnitt führt dazu, dass arbeitgeberfinanzierte Krankenversicherungsbeiträge jährlich in diesem Ausmaß steigen. In bestimmten Regionen der Welt, in denen die deutsche Industrie in den vergangenen Jahren stark in eigene Produktionskapazitäten investiert hat, ist diese Inflation deutlich größer: In China liegt sie bei neun Prozent, in Brasilien bei 11,5 und in der Türkei bei 16 Prozent. Für viele internationale Großunternehmen mit Hauptsitz in Deutschland machen die weltweiten Kosten für im privaten Versicherungsmarkt platzierte Mitarbeiter-Versicherungen einen erheblichen Teil aus. Insgesamt übersteigen sie oftmals die Ausgaben für die Sach- und Haftpflichtversicherungen. Erste Unternehmen beginnen in Präventionsprogramme zu investieren. Das Bewusstsein dafür wurde sicherlich durch Corona und auch Homeoffice-bedingte Haltungs- oder psychische Schäden und damit in Verbindung stehende erhöhte Mitarbeiterausfälle verschärft. Aber auch im Bereich der Vertrauensschadenversicherung sehe ich erhöhten Handlungsbedarf, um Schadenfälle wie zum Beispiel bei der Betrugsmasche „Fake President“ zu verhindern und zugleich das Risikobewusstsein der Mitarbeiter zu stärken.

Monika Behrens, Geschäftsführerin von Willis Towers Watson Versicherungsmakler. Bild: Willis Towers Watson

procontra: Wo entwickeln Anbieter bereits weitere präventive Maßnahmen für ihre Kunden?

Behrens: Im Bereich der Wartung von Anlagen wird oftmals durch sogenannte Predictive-Maintenance-Methoden mit neuen Technologien, zum Beispiel mit Drohnen, dem Internet of Things (IoT) oder durch den Einsatz künstlicher Intelligenz, gezielte Schadenverhütung betrieben.

procontra: Welche Vorteile bringt eine Prävention ganz konkret?

Behrens: Nehmen wir einmal das Beispiel der Naturgefahren. Die Bedrohung durch Flut und Hochwasser ist ja diesen Sommer ganz konkret für deutsche Unternehmen geworden. Erleidet ein Unternehmen einen Überschwemmungsschaden, kann es oftmals für eine längere Zeit nicht produzieren, aber bei geeigneten Präventionsmaßnahmen kann dieser Schaden verhindert werden. Versicherung sollte stets nur als letzte Katastrophenabsicherung gesehen werden. Jeder Unternehmer hat ein ureigenes Interesse, seine Produktion aufrechtzuerhalten, um seine Position im Markt nicht zu gefährden. Das proaktive Steuern von Risiken führt letztendlich zu einem Wettbewerbsvorteil – und ganz nebenbei zu reduzierten Versicherungskosten.

procontra: An welcher Stelle können Makler beim Thema Prävention ansetzen?

Behrens: An vielen Stellen, angefangen bei der klassischen Sprinklerberatung/-konzeption über Erdbebenschutz, Beratung bei der Wahl des richtigen Standorts bei Neuinvestitionen, Einbruch-Diebstahl-Prävention und so weiter. Bei der Beurteilung von Überschwemmungs-Risiken arbeiten wir heute zum Beispiel mit unserer „Global Flood Database“: Die Datenbank stützt sich auf Satellitenbeobachtungen tatsächlicher Überschwemmungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Sie zeigt uns sehr detailliert auf, mit welchen Trends, Ausmaßen und Auswirkungen von Hochwasserschäden Unternehmen in einer bestimmten Region rechnen müssen. Damit schließen wir eine Lücke in der Hochwasserversicherung, denn wir können unsere Kunden viel gezielter zu notwendigen Präventionsmaßnahmen beraten. Wir helfen aber auch Unternehmen, das Risiko „Mitarbeiter“ für einen Hackerangriff zu analysieren, um hier Präventionsmaßnahmen zu tätigen. Oder: Im Bereich der Mitarbeiter-Personen-Versicherungen bieten wir gezielte Maßnahmen an, um das Wohlbefinden zu erhöhen: Das bedeutet Beratung zu Ernährungsgewohnheiten und sportlicher Betätigung hilft, die Krankenversicherungskosten langfristig stabil zu halten.

procontra: Werden Versicherer und Vermittler immer mehr zum Kümmerer?

Behrens: Versicherer verfügen über eine starke Entscheidungsgewalt im Hinblick darauf, was sich künftig noch versichern lässt und welche Risiken Unternehmen eingehen können. Somit stellen sie vermehrt Forderungen, in welchen Bereichen Präventionsmaßnahmen notwendig sind. Noch stärker zum Kümmerer werden sicherlich Industriemakler: Sie analysieren intensiv die Situation der Kunden, um herauszufinden, wie ihr Risiko sich in den vergangenen Jahren verändert hat und was künftig an Versicherungsschutz benötigt wird. Es gilt, für jeden das passende Gesamtpaket zu schnüren – die richtige Balance aus Risikoabdeckung, -transfer, eigenem Risikoappetit und Präventionsmaßnahmen. Es geht darum kreative Lösungen zu finden und das ist eine künftige Aufgabe der Vermittler.

* medizinische Inflation meint die langjährigen durchschnittlichen Preissteigerungen im medizinischen Sektor, die in der PKV entsprechende Beitragsanpassungen als Folge haben

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