BU-Beiträge „Ich rechne mit einem Anstieg um knapp zehn Prozent“

Florian Burghardt Berater Versicherungen Top News

Wohin entwickeln sich die BU-Beiträge, bekommt man nach einer Psychotherapie jemals noch eine Police und ist die BU mittlerweile eine Frauenversicherung? Diese und andere Fragen beantwortet Jürgen Bierbaum, Alte Leipziger- und DAV-Vorstand im Interview.

Bild: Alte Leipziger

Dr. Jürgen Bierbaum hat Medizin und Mathematik studiert. Das hilft ihm, wenn er als stellvertretender Vorsitzender des Alte Leipziger – Hallesche Konzerns unter anderem Entscheidungen über biometrisches Underwriting und Beitragskalkulation treffen muss. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Aktuarvereinigung blickt er zudem unternehmensübergreifend auf die Entwicklungen in der Versicherungsbranche. Bild: Alte Leipziger

procontra: Früher lag der BU-Fokus darauf, den Hauptverdiener der Familie abzusichern. Das war noch viel häufiger als heute der Mann. Die mit Abstand größte BU-Ursache, psychische Erkrankungen, trifft laut der DAV aber ganz überwiegend Frauen bis Alter 40. Ist die BU mittlerweile vorrangig eine Police für Frauen? Und sollten sich die Vermittler priorisiert auf Frauen als BU-Kundinnen fokussieren?

Jürgen Bierbaum: Wir haben keine geschlechterspezifische Steuerung im Vertrieb. Als überwiegender Maklerversicherer ist es natürlich die Entscheidung unserer unabhängigen Partner, wem sie eine BU vermitteln. Insgesamt sehen wir in unserem Bestand aber schon mehr Männer als Frauen mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Das Verhältnis liegt etwa bei 60:40. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Dass Frauen unter 40 verstärkt berufsunfähig werden, liegt möglicherweise auch daran, dass sie durch die gesellschaftsspezifische Rollenzuteilung stärker einer Mehrfachbelastung ausgesetzt sind, sprich Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Die Ursachen der BU-Fälle hängen aber viel stärker mit den versicherten Berufen zusammen als mit dem Geschlecht. Bei Männern haben wir deutlich mehr Unfälle als BU-Ursache, was unter anderem mit dem höheren Männeranteil in handwerklichen Berufen zusammenhängt. Dann gibt es auch Krebsarten, für die jeweils das eine oder das andere Geschlecht anfälliger ist. Für Männer gibt es also weiterhin viele gute Gründe, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen. Grundsätzlich sehe ich nicht, dass die BU zu einer ‚Frauenversicherung‘ wird. Bei der Beitragsfindung spielt das Geschlecht übrigens keine Rolle.

procontra: Wie hat sich bei Ihnen der BU-Vertrieb in den letzten Jahren denn entwickelt? Schließen, parallel zum Zuwachs der psychischen Erkrankungen bei Frauen, auch mehr Frauen BU-Policen ab?

Bierbaum: Von Anfang 2016 bis Ende 2020 ist bei der Alte Leipziger der Anteil der Frauen am BU-Bestand bei den Einzelversicherungen ohne betriebliche Altersvorsorge von 38,7 auf 40,2 Prozent gestiegen. Im Neuzugang der BU als Zusatzversicherung ist der Anteil der Frauen im gleichen Zeitraum von 40,1 auf 42,6 Prozent gestiegen. Bei der Betrachtung des Zugangs der unter 30-Jährigen ist der Frauenanteil für BU gesamt von 44,6 auf 45,4 Prozent gestiegen. Blickt man auf die Neuverträge von Kindern unter 15 Jahren, so haben wir in den letzten fünf Jahren ein 50:50-Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen.

Im besten Fall ein Jahr Wartezeit

procontra: Hat man überhaupt noch eine Chance auf eine BU-Police ohne Ausschluss psychischer Erkrankungen, wenn man in diesem Bereich schon mal irgendeine Behandlung hatte? Also zum Beispiel eine Gesprächstherapie, eine psychologische Videoberatung oder ähnliches?

Bierbaum: Eine Ausschlussklausel bezüglich einer psychischen Erkrankung vereinbaren wir grundsätzlich nicht, da die Auswirkung einer psychischen Erkrankung auf den Körper und andere Erkrankungen unserer Meinung nach nicht abgrenzbar ist. Eine Annahme erfolgt ganz überwiegend mit Beitragszuschlag, in einigen Fällen aber auch als normale Annahme, das heißt ohne Zuschlag. Es kann auch eine Zurückstellung erfolgen, bis die Prognose hinreichend genau beurteilt werden kann.

procontra: Und wie lange muss man dann nach Abschluss der Therapie warten, bis man die BU-Police in den Händen halten kann?

Bierbaum: Bei psychischen Erkrankungen kommt es vorwiegend auf die Art der Erkrankung und deren Ausprägung an. Außerdem gibt es hier berufliche Einflüsse und weitere Faktoren. Grundsätzlich ist bei Antragstellung ein Therapie-Abschlussbericht notwendig. In der Regel lässt es sich in drei Kategorien aufteilen:

Menschen mit reaktiven Erkrankungen, also wenn zum Beispiel nach dem Tod eines Angehörigen ein paar Therapiesitzungen notwendig sind, können normal versichert werden, sofern die Behandlung maximal sechs Monate gedauert hat, ein Jahr zurückliegt und keine Medikamente eingenommen wurden. Bei leichten Depressionen, zum Beispiel bei Belastungsstörungen, beträgt diese Wartezeit nach Abschluss der Behandlung hingegen bis zu drei Jahre. Wenn keine Medikamente genommen wurden, ist eine Absicherung mit Zuschlag möglich. Bei allen anderen Formen von depressiven Erkrankungen setzen wir eine Behandlungs- und Medikamentenfreiheit von mindestens fünf Jahren voraus. Wie diese versichert werden können, ist sowohl von der Art der früheren Erkrankung als auch von der Behandlung abhängig.

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