Zur Politik der Zentralbanken: Weniger ist mehr

Investmentfonds Sachwerte Gastkommentar von Hans-Jörg Naumer

Weltweit heben immer mehr Zentralbanken die Leitzinsen an. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist davon noch nichts zu merken. Dabei gilt: Weniger Zentralbank-Geld bedeutet mehr Vertrauen in die Preisstabilität, kommentiert Hans-Jörg Naumer.

Dr. Hans-Jörg Naumer, Bild: Allianz

Hans-Jörg Naumer ist promovierter Volkswirt und leitet Global Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors. Bild: Allianz

Weniger ist mehr – das gilt mit Blick auf das neue Jahr ganz besonders bei der Zentralbankliquidität, der wir auch weiterhin größte Aufmerksamkeit widmen müssen. Fakt ist: Immer mehr Zentralbanken rund um den Globus haben begonnen die Leitzinsen anzuheben, und das nicht nur in den aufstrebenden Ländern. Auch die US-amerikanische Notenbank schwenkt – langsam zwar, aber immerhin – auf einen Normalisierungskurs ein. Sie beginnt mit dem sogenannten „Tapering“, der Verlangsamung ihrer Anleihenkäufe. Diese sollten im Sommer des nächsten Jahres auslaufen. Erst dann darf mit einer Anhebung des Leitzinses gerechnet werden.

Fakt ist auch: Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) ist davon noch nichts zu merken. Sie diskutiert lediglich zunehmend inflationäre Risiken. „PEPP“ – das zusätzliche Anleihenkaufprogramm, das als Antwort auf die Corona-Pandemie verabschiedet wurde – läuft zwar im Dezember aus. Damit ist die EZB mit ihren Anleihekäufen insgesamt aber noch nicht am Ende, und sie lässt auch keinerlei Erwartungen in diese Richtung aufkommen.

Ein Beenden der Anleihekäufe ist aber die Voraussetzung für Anhebungen beim Einlagenzinssatz – und Anhebungen beim Einlagenzins sind die Voraussetzung, dass auch die Verwahrentgelte (vulgo: „Strafzinsen“) auslaufen. Was sich also abzeichnet, ist eine Divergenz der Geldpolitik auf beiden Seiten des Atlantiks.

Insgesamt bleibt die geldpolitische Gemengelage aber dennoch expansiv und vom verbleibenden Preisdruck unbeeindruckt. „Weniger ist mehr“ heißt die Parole: Weniger Zentralbank-Geld ist mehr Vertrauen in die Preisstabilität. So ist zu erwarten, dass der Anlagenotstand die Sachwerte – also Aktien – auch im neuen Jahr weiter begünstigen wird. Gut, dass sich keine „Stagflation“ abzeichnet, wie immer wieder in die Diskussion eingeworfen wird. Weltweit überschreiten die Volkswirtschaften, regional etwas unterschiedlich, zwar ihren Wachstumsgipfel, sie lassen aber keinen Wachstumseinbruch erwarten. Gut so. Denn beim Wachstum heißt es in der Nach-Pandemie-Zeit ganz besonders: Mehr ist besser.

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