Versicherungsbetrug: Wie ein Jenaer Unternehmen Mehrfachversicherungen aufspüren will

Martin Thaler Versicherungen Top News

Das Jenaer Unternehmen Ico-Lux ermittelt mithilfe von Textforensik gefälschte Rechnungen in der Krankenversicherungen. Nun will es sich dem Thema Mehrfachversicherungen zuwenden und startet einen Pilotversuch. Wie groß das Problem ist und wie das Unternehmen hierbei vorgehen will, erklärt Geschäftsführer Jan Franke im procontra-Interview.

Jan Franke. Bild: Jonas Friedrich

Will mit seinem Unternehmen Ico-Lux Mehrfachversicherungen aufspüren: Jan Franke. Bild: Jonas Friedrich

procontra: Herr Franke, Ihr Unternehmen beschäftigte sich bislang vor allem mit Dokumentenforensik, mit deren Hilfe Sie gefälschte oder manipulierte Rechnungen in der PKV ausmachen. Nun wollen Sie das Thema Mehrfachversicherungen aufgreifen. Wie groß ist das Problem überhaupt?  

Jan Franke: Das ist ein Problem, das in den Betrugsabteilungen derzeit noch vollkommen unter dem Radar läuft. Der einzige Weg, diese Betrugsmasche effizient zu bekämpfen, besteht für die Versicherer im gegenseitigen Austausch – dieser Weg ist jedoch durch den Datenschutz verschlossen. Mit klassischer Datenanalyse oder künstlicher Intelligenz, kommt man hier auch nicht weiter. Darum haben wir uns entschieden, echte statt künstliche Intelligenz einzusetzen und haben in enger Zusammenarbeit mit Datenschutzexperten ein kryptografisches Verfahren entwickelt, mit dem ein Austausch datenschutzkonform umgesetzt werden kann. Wir starten nun ein Pilotprojekt für die Reisekrankenversicherung, um herauszufinden, wie groß die Schäden durch Mehrfachversicherungen für die Versicherer überhaupt sind – auch hierzu gibt es nämlich keine Daten.  

procontra: Warum fällt denn die Wahl auf die Reisekrankenversicherung? Sind nicht Haftpflicht- oder Hausratversicherungen naheliegender, weil es sich dabei um betrugsintensivere Sparten handelt?  

Franke: Zum einen ist eine Reisekrankenversicherung relativ günstig. Sie ist manchmal schon für zehn Euro im Jahr zu haben – da tut es auch im Geldbeutel nicht weh, wenn man einmal zehn Stück abschließt. Zum anderen fällt das Verhältnis von den Versicherungskosten und der Höhe der möglichen Leistungen für den Versicherungsnehmer sehr günstig aus – er kann hier durchaus mal eine Arztrechnung über mehrere hundert Euro einreichen.  

procontra: Warum tendieren Menschen dazu, gerade im Urlaub kriminell zu werden?  

Franke: Durch Zufallsfunde hat man herausgefunden, dass Menschen versuchen durch den Abschluss mehrerer Auslandsreisekrankenversicherungen ihren Urlaub zu refinanzieren – entweder mithilfe mehrfach eingereichter echter oder fingierter Arztrechnungen. Durch die geringeren Beitragsvolumina in der Auslandsreisekrankenversicherung gibt es bei den Versicherern jedoch keine Betrugsabwehr. Das hat uns dazu gebracht, hier eine entsprechende Lösung zu entwickeln.  

procontra: Sie wollen bei der Aufdeckung auf ein kryptografisches Verfahren setzen. Was kann man sich hierunter vorstellen?  

Franke: Wir haben verschiedene Versicherer, bei denen die Daten zu den jeweiligen Verträgen vorliegen. Um Auffälligkeiten feststellen zu können, müssen die Daten erst einmal pseudonymisiert werden – das heißt, die Daten dürfen dem einzelnen Kunden nicht mehr zuzuordnen sein, müssen dennoch aber miteinander verglichen werden können.  

procontra: Wie ist das möglich?  

Franke: Erst einmal muss sichergestellt werden, dass der Dienstleister, sprich wir, die Daten nicht extrahieren kann. Zudem dürfen wir sie keiner Gefahr aussetzen – es darf also auch kein anderer Zugang zu diesen Daten bekommen.   Das heißt, die Daten müssen beim Versicherer erst einmal umgewandelt werden. Diese Daten werden vom Versicherer nochmals mit einem Schlüssel versehen, den nur die Versicherer selbst kennen.   Was wir dann bekommen, sieht erstmal nach einem Haufen Zufallszahlen aus unterschiedlichen Quellen aus. Diese können wir dann aber nach Dopplungen untersuchen. Werden solche gefunden, können wir die betroffenen Versicherer über den konkreten Datensatz informieren. Die Versicherer können das mittels ihres individuellen Schlüssels dann zurückrechnen und herausfinden, um welchen Kunden es sich handelt.  

procontra: Die Versicherer haben dann also einen Anhaltspunkt über eine mögliche Mehrfachversicherung. Was können sie damit anfangen?  

Franke: In dem Fall haben die Versicherer die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten, um sich über dieses konkrete Vertragsverhältnis auszutauschen – denn dann haben sie nicht nur ein berechtigtes Interesse, sondern auch einen gewichtigen Anhaltspunkt. Um den Austausch rechtssicher zu ermöglichen, haben wir durch eine auf Datenschutz spezialisierte Kanzlei spezielle Verträge entwickeln lassen.  

procontra: Wie viele Versicherer beteiligen sich an Ihrer Pilotstudie?  

Franke: Wir haben inzwischen die Zusagen von sieben Versicherern, die sich an der Pilotstudie beteiligen zu wollen. Wir freuen uns aber über jeden weiteren Teilnehmer, da dadurch die Erfolgsaussichten, Betrug feststellen zu können, steigen. Die Vorbereitungen sollen bis Ende des Jahres abgeschlossen sein, bis zum 3. Quartal 2022 soll dann eine Auswertung vorliegen. Sollte die Studie ergeben, dass unser Ansatz funktioniert, ließe sich das Verfahren danach auch auf andere Sparten außerhalb der Reisekrankenversicherung ausdehnen.