Versicherer-Studie: Klimawandel ist das größte Risiko der Zukunft

Hannah Petersohn Versicherungen Panorama

Der Klimawandel ist einer aktuellen Studie zufolge das größte Risiko für unsere Zukunft, dicht gefolgt von Cyberrisiken und der Pandemie.

Versicherer-Studie: Klimawandel ist das größte Risiko der Zukunft Bild: picture alliance/AA Mesut Varol

Über die Hälfte der Deutschen (56 Prozent) sehen im Klimawandel das Zukunftsrisiko Nummer eins, gleichwohl sich rund ein Drittel diesem Risiko im Alltag selbst nicht ausgesetzt fühlt. Bild: picture alliance/AA Mesut Varol

Die Mehrheit der Menschen nimmt den Klimawandel als größtes Risiko der Zukunft wahr. Das ist das Ergebnis der aktuellen Umfrage „Axa Future Risk Report“. Die Sorge um Cyberrisiken, geopolitische Instabilitäten, Pandemien und Infektionskrankheiten folgen auf den Plätzen zwei bis fünf. Die Erhebung in Zusammenarbeit mit Marktforschungsinstitut Ipsos nahm der Versicherer unter 3.500 Experten aus 60 Ländern vor. Zusätzlich wurden 19.000 Menschen in 15 Ländern online zu ihrer Wahrnehmung befragt.

Die Auswirkungen der diesjährigen Unwetterereignisse haben offensichtlich das Risikobewusstsein für die Folgen des Klimawandels auch hierzulande noch einmal geschärft: Während zwei Drittel (66 Prozent) der deutschen Experten den Klimawandel als das bedeutendste Risiko der Zukunft einstufen, kommen weltweit  zehn Prozent weniger Befragte zu dieser Einschätzung. Auch über die Hälfte der Deutschen (56 Prozent) ohne Expertenwissen sehen den Klimawandel als Risiko Nummer eins, gleichwohl rund ein Drittel sich im Alltag dem Risiko des Klimawandels bisher nicht ausgesetzt fühlt. Demgegenüber stehen 71 Prozent der weltweit Befragten, die sich durchaus mit den Auswirkungen auch im alltäglichen Leben konfrontiert sehen.

Gründe für fehlendes Risikobewusstsein

Stadt- und Landschaftsökologin Dagmar Haase sieht die Gründe für das fehlende Bewusstsein für die Folgen auf den Alltag auch in unserer Arbeitsweise: „Viele von uns arbeiten im Homeoffice oder im Büro. Von einer Hitzewelle, einem Sturm oder extremer Trockenheit kriegt man so nicht unbedingt etwas mit. Im Alltag betrifft der Klimawandel vor allem die Menschen, die mit Naturressourcen oder in der Natur arbeiten.“ Die unterschiedlichen Wahrnehmungen machen die Bekämpfung des Klimawandels deswegen noch schwieriger, so Haase.

Der aktuellen Befragung zufolge glaubt die Mehrheit nicht, dass staatliche Behörden auf den Klimawandel gut vorbereitet sind. Nur jeder fünfte Experte (19 Prozent) und ein Drittel der Gesamtbevölkerung hält die Regierungen für vorbereitet. Ein Lichtblick: Im Februar 2021 haben sich die deutschen Versicherer zu neuen nachhaltigen Zielen und Standards verpflichtet. Die gesamte Kapitalanlage soll bis spätestens 2050 klimaneutral angelegt sein.

Weitere Risiken: Cyber, Globalisierung, Pandemie

Gleich nach der Sorge um den Klimawandel folgt auf Rang zwei das Cyberrisiko: Im vergangenen Jahr stuften  51 Prozent der deutschen Experten Cyberrisiken als aufkommende Gefahr ein, 2021 sahen dieses Risiko bereits 62 Prozent. Die Corona-Pandemie hat das Bewusstsein für dieses Risiko noch einmal geschärft, denn infolge der politisch verordneten Homeoffice-Pflicht traten konkrete Sicherheitslücken verstärkt zutage.

Beim Thema Globalisierung scheiden sich die Geister: Zwar sieht die Mehrheit (54 Prozent) der Befragten Deutschen die Vorteile der Beschleunigung und Erweiterung des globalen Austauschs. Allerdings beurteilen immerhin auch 46 Prozent die Entwicklungen kritisch. Das schlägt sich auch auf die Einschätzung zur Gefahr geopolitischer Instabilitäten nieder: Demnach landet die Angst davor auf Rang drei und wird von knapp der Hälfte der Befragten (48 Prozent) geteilt.

Dass uns Pandemien und Infektionskrankheiten auch in den nächsten Jahren begleiten werden und Auswirkungen auf unseren Alltag haben werden, glauben 49 Prozent der Bürger hierzulande, aber nur 41 Prozent der deutschen Experten. Alexander Vollert, CEO von Axa Deutschland, gibt zu bedenken: „Die Risiken der Zukunft sind nicht einzeln zu betrachten, sondern eng miteinander vernetzt. Sie bedingen und verstärken sich gegenseitig und müssen als Ganzes betrachtet und eingeordnet werden.“

Widersprüchliche Studien-Ergebnisse

Interessant an der Erhebung ist, dass sie zu einem anderen Schluss kommt als die R+V-Studie „Die größten Ängste der Deutschen“ im September dieses Jahres: In der Axa-Umfrage steht nämlich die Sorge um finanzielle Risiken erst an siebter Stelle, während sie in der Ängste-Umfrage den ersten Platz belegt.

Den ersten Platz im Angstlevel-Ranking belegt laut R+V-Studie mit 53 Prozent die Sorge vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen. Jeder zweite Deutsche befürchtet demnach einen Anstieg der Lebenserhaltungskosten, was angesichts des Inflationsgeschehens natürlich wenig verwunderlich ist. Den dritten Platz in der R+V-Umfrage belegt, ebenfalls mit 50 Prozent Zustimmung, die Angst vor den Kosten, die durch die EU-Schuldenkrise auf die Verbraucher zukommen könnten. „Die hohe Staatsverschuldung schürt Geldsorgen“, so Studienleiterin Brigitte Römstedt. Die Sorge der Deutschen ums Geld bezeichnete sie sogar als „Top-Angst“.

Demgegenüber lag die Angst vor Naturkatastrophen und Wetterextremen, die Top-Risiko-Sorge in der Axa-Untersuchung, bei der R+V nur auf Platz acht, was aber auch am Zeitraum der Befragung gelegen haben mag, die vor dem Hochwasserereignis im Juni 2021 vorgenommen wurde.

Aussagkraft von Studien

Es stellt sich also einmal mehr die Frage: Wie aussagekräftig sind solcherart erhobene Daten? Wie konkret sah das Studiendesign aus? Wie wurden welche Fragen gestellt? Welche Bevölkerungsgruppe wurde in einem repräsentativen Umfang zu welchem Zeitpunkt erreicht?

Vor diesem Hintergrund kritisierte auch Politikwissenschaftler Manfred Schmidt während der Vorstellung der R+V-Studienergebnisse, dass die Interpretation des Angstindexes, für dessen Berechnung alle Ängste in Prozent addiert und durch die Anzahl der Ängste dividiert werden, schwierig sei. „Kleinere und größere Ängste werden für die Durchschnittsbewertung zusammengenommen.“ Eine weitere Erkenntnis ist ebenfalls relevant und zugleich naheliegend: „Menschen können sich irren“, so Schmidt.

An dieser Stelle könnte wieder eine Schwäche von Studien eine Rolle spielen: Nämlich der Zeitpunkt ihrer Erhebung. Es handelt sich in gewisser Weise immer um Momentaufnahmen. Ähnlich wie die Umfrage nach der Flutkatastrophe das Angstlevel in die Höhe schießen ließ, könnte es sich mit Fragen zu Cyberrisiken und zur Pandemie verhalten. Und: Ein gewisser Angst-Abnutzungseffekt ist ebenfalls ausschlaggebend für ein steigendes oder sinkendes Risikobewusstsein.

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